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Ein Science-Fiction-Trip zwischen visueller Opulenz und erzählerischer Routine

Science-Fiction-Filme versprechen uns gern die große Wahrheit, den Blick hinter den Vorhang, die Reise zu den Sternen. Oblivion dagegen verspricht vor allem eins: atemberaubende Bilder. Und dieses Versprechen hält er. Alles glänzt, alles schwebt, alles sieht so gut aus, dass man beinahe glaubt, die Zukunft sei von einem Innenarchitekten erfunden worden. Und mittendrin: Tom Cruise, der letzte Techniker der Menschheit, der sich so souverän durch die Trümmer bewegt, als sei er der Hausmeister des Planeten.

Die Story hingegen wirkt, als habe man sie aus dem Regal der „bewährten Standards“ gegriffen: ordentlich verpackt, aber eben nicht gerade neu. Eine Geschichte, die zwar solide daherkommt, aber nicht das Gewicht trägt, das die Bilder versprechen. Das Ergebnis ist ein Science-Fiction-Actionfilm, der blendet, betört und fasziniert – aber sein Potenzial nicht voll ausschöpft. Ein Werk, das gleichzeitig überwältigt und enttäuscht. Oder anders gesagt: ein Film, der aussieht wie ein Meilenstein, sich aber oft anfühlt wie ein Déjà-vu.

Ein Traum, der an Schwerkraft verliert

Die Prämisse ist auf den ersten Blick spannend: Die Erde nach einem verheerenden Krieg gegen Außerirdische, nahezu unbewohnbar, von Menschen verlassen. Tom Cruise alias Jack Harper patrouilliert als Techniker über die Ruinen der Welt, repariert Drohnen und überwacht die letzten Ressourcenanlagen. Zusammen mit seiner Partnerin Victoria lebt er in einer schwebenden, futuristischen Station über den Wolken – ein Ort, der wie ein Traum aus Glas und Stahl wirkt.

Dieser erste Akt ist stark. Er erzeugt Atmosphäre, Spannung, Geheimnisse. Was ist wirklich passiert auf der Erde? Was verbirgt sich hinter Jacks Träumen von einer fremden Frau, die er nie getroffen haben will? Wer sind die mysteriösen Gestalten, die die Drohnen sabotieren? Doch sobald der Film beginnt, Antworten zu geben, kippt die Faszination in vorhersehbare Bahnen. Das Drehbuch ist solide konstruiert, aber auch erschreckend generisch. Viele Twists wirken vertraut, als hätte man sie in zig anderen Sci-Fi-Filmen schon gesehen – von Moon über The Matrix bis hin zu Wall-E. Ab dem zweiten Akt verliert der Film deutlich an Dynamik: Die Erzählung tritt auf der Stelle, die Twists sind zwar ordentlich gesetzt, aber sie entfalten nicht die Wucht, die sie haben könnten.

Es fehlt die narrative Tiefe, die aus einem guten Science-Fiction-Film einen unvergesslichen macht. Stattdessen verlässt sich der Film auf bekannte Genre-Bausteine, die zwar funktionieren, aber eben auch austauschbar wirken. Oblivion will philosophisch, geheimnisvoll und emotional zugleich sein – und stolpert dabei oft über sein eigenes Drehbuch. Es ist zu generisch, zu glatt, zu sehr am Reißbrett entworfen. Während der erste Akt noch mit Mystery und Suspense punktet, verheddert sich die Handlung später in einem Mix aus Klischees und halbgaren Konflikten.

Das Erzähltempo schwankt merklich. Wo man sich nach einer Eskalation sehnt, bekommt man oft nur gestreckte Exposition. Wo man emotional eintauchen möchte, bleibt die Geschichte merkwürdig kühl. Besonders der Mittelteil wirkt wie ein dramaturgisches Nadelöhr: zu viel Leerlauf, zu wenig Drive. Es ist, als würde der Film mit angezogener Handbremse fahren: Er will ein großes, philosophisches Science-Fiction-Epos sein, aber gleichzeitig auch ein klassischer Action-Blockbuster – und am Ende bleibt er in einer Art erzählerischer Mittelzone stecken. Es fehlt die narrative Risikobereitschaft und man spürt förmlich, wie Kosinski und sein Autorenteam auf Nummer sicher gehen wollten.

Endzeit mit Hochglanzfinish

Wenn man die Handlung für einen Moment beiseitelässt, dann ist Oblivion ein einziges Fest für die Sinne. Die Weite der Landschaftsaufnahmen – von verlassenen Städten über majestätische Naturpanoramen bis hin zu endlosen Wüsten – wirkt wie eine Liebeserklärung an das Kino selbst. Die Kameraarbeit von Claudio Miranda (Oscar-prämiert für Life of Pi) ist makellos. Lange Schwenks, epische Totalen, atemberaubende Panoramen.

Kosinski versteht es, die Schönheit einer entvölkerten Erde einzufangen, ohne sie nur als Kulisse zu missbrauchen. Jede Einstellung wirkt durchkomponiert, jede Kamerabewegung ist ein Gemälde in Bewegung. Jeder Frame sieht aus, als könne man ihn als Poster an die Wand hängen. Die visuelle Klarheit, die geometrische Strenge, das Spiel aus Licht und Schatten – das ist schlicht atemberaubend.

Auch das Produktionsdesign ist makellos: Das futuristische Sky-Haus von Jack und Victoria mit seiner Glasarchitektur und den minimalistischen Möbeln wirkt wie halb James-Bond-Location, halb Design-Katalog, komplett ikonisch. Die Drohnen sind gleichermaßen bedrohlich wie elegant gestaltet: kugelrunde, furchteinflößende Tötungsmaschinen, die aussehen, als hätte Apple beschlossen, Terminatoren zu bauen.

Dazu kommt der Score von M83, der den Film mit einem Klangteppich aus epischen Synthesizern und elektronischen Beats auflädt. Es ist Musik, die Bilder nicht nur untermalt, sondern verstärkt – manchmal sogar trägt. Manche Szenen leben fast ausschließlich von dieser audiovisuellen Symbiose, die den Film weit über sein erzählerisches Niveau erhebt.

Donnern, jagen, explodieren – aber mit Stil

Auch in Sachen Action liefert Oblivion zuverlässig ab. Die Verfolgungsjagden mit den futuristischen Flugmaschinen sind elegant choreografiert, die Drohnenkämpfe knallen, und die Explosionen sitzen. Es ist jedoch kein Action-Feuerwerk im klassischen Sinne, der Film setzt mehr auf Stimmung und visuelle Präsenz als auf Adrenalin. Die Action ist jedoch hochwertig inszeniert und technisch brillant umgesetzt. Kosinski hat ein Händchen für klare Bilder und dynamische Bewegungen, ohne dass das Geschehen jemals im CGI-Chaos versinkt. Doch auch hier gilt: Alles sehr sauber, sehr stilvoll – aber ein bisschen zu glatt. Die Action überzeugt, ja, aber sie überrascht nicht. Sie ist ein Hochglanzprodukt, keine brachiale Naturgewalt. Sie liefert genau das, was man erwartet – nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Ein Hauch mehr Wahnsinn, ein bisschen mehr Mut zum Exzess hätten dem Film gutgetan.

Tom Cruise ist wie immer eine Bank. Er trägt den Film mühelos, mit seiner unverkennbaren Mischung aus Charisma, Entschlossenheit und verletzlicher Menschlichkeit. Cruise schafft es, aus Jack Harper mehr zu machen als nur einen Sci-Fi-Helden – er gibt der Figur Herz, eine innere Zerrissenheit, die man ihm jederzeit abnimmt. Olga Kurylenko hingegen bleibt blass. Sie wirkt mehr wie ein Symbol als eine echte Figur – eine Projektionsfläche für Jacks Erinnerungen und Träume, aber ohne echte Präsenz. Das ist schade, denn die Geschichte hätte ihr viel mehr Raum geben können. Und dann Morgan Freeman: Ein Schauspieler, der normalerweise jeden Film mit seiner bloßen Anwesenheit veredelt – und hier? Ziemlich verschenkt. Seine Figur wirkt wie ein dramaturgisches Anhängsel, das nicht die Tiefe oder die Relevanz entfaltet, die man sich bei einem Darsteller seiner Klasse wünscht. Kaum mehr ist als ein Statist im edlen Mantel.

Fazit

Mit Oblivion liefert Regisseur Joseph Kosinski einen Science-Fiction-Blockbuster, der vor allem visuell Maßstäbe setzt. Gigantische Landschaften, klares Produktionsdesign und ein druckvoller Score bilden ein audiovisuelles Erlebnis, das schwer zu übertreffen ist. Inhaltlich dagegen zeigt sich der Film deutlich konventioneller. Er beginnt stark, packend, faszinierend – und verliert dann Zugkraft, weil das Drehbuch zu generisch ist, weil die Dramaturgie ins Stocken gerät und weil die Handlung den visuellen Ideen nicht das Wasser reichen kann. Es ist ein Film, der immer wieder an seine Grenzen stößt, nicht weil er nicht größer sein könnte, sondern weil er sich erzählerisch nicht traut, über den Tellerrand hinauszugehen. Und trotzdem: Oblivion ist sehenswert. Er ist ein audiovisuelles Erlebnis, ein Fest für die Augen und Ohren, ein Film, der Kino im besten Sinne als Spektakel versteht. Wer sich auf die Atmosphäre einlässt, wird belohnt. Wer aber eine tiefgründige, wirklich originelle Sci-Fi-Geschichte erwartet, könnte am Ende enttäuscht zurückbleiben.

Am Ende bleibt ein Film, der sein Potenzial nicht ganz ausschöpft, aber dennoch genug Substanz und Glanz bietet, um sich einen Platz in der Science-Fiction-Landschaft zu sichern. Ein Film, den man trotz seiner Schwächen mögen kann – vielleicht gerade wegen seiner Imperfektion.

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