Schlesingers "Midnight Cowboy" ist eins mit Sicherheit nicht: ein leicht zugänglicher Film!
Er ist ein weiteres Beispiel für das "New American Cinema", das sich gegen Ende der 60er Jahre bildete und in dem den Filmemachern größere Rechte zugebilligt wurden, d.h. größere Experimente gewagt wurden. Der Film gewann den Oscar als "Bester Film" und das kann mit Fug und Recht diskutiert werden, zu seiner Zeit war er aber sicherlich sehr modern.
Schlicht gesagt ist es eine Art erwachsener Coming-of-Age-Story, in der der noch junge aber bereits erwachsene Texaner Joe Buck (brilliant: John Voight) per Bus durch das Land reist, um in New York City begüterte Damen zu beglücken. Dabei plant er die Cowboy-Masche, da er glaubt, dies käme besonders gut an.
Entgegen der üblichen Kritikermeinung ist Voights Buck nicht naiv - er ist schlicht und ergreifend dumm. Neben diversen Lesemängeln sind seine Annahmen und Planungen vollkommen aus der Luft gegriffen. Wenn er in seiner lächerlichen klischeehaften Cowboy-Aufmachung per Greyhoundbus mit einem Radio am Ohr Amerika durchquert, ahnt man schon wie blauäugig sein Vorhaben ist. Doch auch in der Stadt seiner Träume wird er ständig Opfer seiner eigenen Unfähigkeit und Unbehauenheit, wenn er für einen Liebesdienst letztendlich selbst noch draufzahlt oder ungeschickt Frauen auf der Straße anspricht.
Schlesinger entwirft ein kühles Mosaik eines Mannes, der seine Vergangenheit hinter sich läßt und läßt uns nur in Träumen und blitzartigen Erinnerungsfetzen an derselben teilhaben, sei es nun die Abgabe bei der Großmutter, die überaus promiskuitiv lebt und ihn als muskulöses Kind verhätschelt (und eventuell sogar verführt) oder ein traumatisches Erlebnis beim Sex mit einer Freundin, bei dem ihn eine Gruppe von Gleichaltrigen erwischen. Ohne wirklichen Kommentar schickt das Buch seinen Hauptdarsteller in die Hölle der Großstadt und zieht dort gnadenlos den Weg nach unten durch, gekennzeichnet durch den langsamen Verlust des Geldes, des Gepäcks, der Wohnung.
Trotzdem unbeirrt an seinem "Besteiger"-Traum festhaltend, gerät er an den kranken Kleinganoven Ratso Rizzo (ein bestechender Dustin Hoffman), mit dem er ein solides Team bildet. Rizzo macht sich ebenfalls etwas vor und sein Traum wird später Bucks Traum werden, wenn alle Hoffnung zu ende ist.
Stetig und episodenhaft vollzieht sich der vollendete Abstieg bis in eine bruchbudenartige Behausung und Bucks Arbeit als Strichjunge, der in Pornokinos arbeitet (und nicht mal da Erfolg hat). Der Verkauf des Radios zieht schließlich einen Schlußstrich unter seinen Traum, doch er wacht erst nach einem traumatischen Erlebnis mit seinem letzten Kunden auf, wenn es für Rizzo schon zu spät ist.
Schlesinger präsentiert all den Dreck der anderen Seite der Gesellschaft und scheut auch krasse Bilder nicht, die in punkto Nackt- und Sexszenen sicherlich damals recht herbe gewesen sind. Beeindruckend übrigens eine Partysequenz, in der die beiden auf Drogen kommen und man den Trip aus Bucks Sicht miterlebt. Es ist schwer, zu entscheiden, was definitiv gewollt worden ist mit "Midnight Cowboy", aber das Werk zeigt ein anderes Amerika, als das das man aus dem Kino gewohnt war, näher, brutaler an der Realität. Der Film ist kalt und ernüchternd und trotzdem in der Schilderung der ungewöhnlichen Zweierbeziehung sehr warmherzig und mutig in seinen Bildern.
Alt, aber immer noch verdammt intensiv. (8/10)