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Amerika - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn irgendwo Träume zum Greifen nah erscheinen, dann dort, in den Vereinigten Staaten. Joe Buck greift, jedoch greift er ins Leere. Seine Odyssee von Texas nach New York und dann nach Florida ist eine Tortur. Er sucht schnelles, leichtverdientes Geld. Seine Geschichte soll die des Tellerwäschers sein, dem eines Tages die Welt zu Füßen liegt. Nun. Es kommt nicht so, wie es sich Joe Buck erhofft.

"Asphalt-Cowboy" erzählt genau die Geschichte von Joe Buck, der in einem texanischen Kaff in einem schmierigen Lokal als Tellerwäscher arbeitet. Sein größter Triumph ist der Tag, an dem er statt weißer Einheitskleidung seinen Cowboydress trägt, und seinem stinkigen Chef seine Kündigung verkündet. Joe macht sich auf den Weg nach New York City, da wo die Frauen für guten Sex zahlen. Und das ist es, worin Joe gut ist - er ist laut Eigenaussage "ein Klasserammler". Doch New York City wirkt nicht wie der weltstädtische, romantische Big Apple, den man von Postkartenmotiven kennt - sondern eher ignorant und hochnäsig. Für einen Bauernlümmel wie Joe gibt es hier nichts zu holen. Er gerät an den Betrüger Ratso, der ihn an Manager vermitteln möchte. Doch der Abstieg ist vorprogrammiert. Anstatt der geile Hengst der Ladies der High Society zu werden, wird er schwuler Stricher in abgehalterten Kinos. Und nur der lungenkranke Ratso, so hinterhältig er doch sein mag, nimmt Joe als Freund auf.

Als einer der frühen Beiträge zum Neuen Amerikanischen Kino war Schlesingers Film eine Sensation. Der Film wurde mit einer, den kommerziellen Todesstoß gebenden X-Freigabe, die sonst nur schmuddelige Pornos erhalten, versehen, und war zudem auch noch völlig anti-Hollywood'isch. Keine strahlenden Helden, kein einfacher Szenenaufbau, keine völlig klare Erzählweise. Schlesinger inszeniert stellenweise sogar fast alptraumhaft. Die Rückblenden deuten nur an, was für ein Horror, und was für eine Ungerechtigkeit Joe Buck erleben musste. Doch indem er es stilistisch verfremdete, und schnell schnitt, bleibt im Unklaren, ob die Rückblenden halluzinatorische Wahnvorstellungen Bucks sind, oder ob sie wirklich seine Vergangenheit wiederspiegeln. Kurz vor seinem Finale spielt der Film auf einer Hippie-Party, in der die Drogen- und Künstlerszene der 60er Jahre gezeigt wird. Auch hier zeigt sich Schlesingers Können. Er schneidet schnelle, farblich extrem Szenen, fast netzhautbelastend scheinen die aufdringlichen Grundfarben dieser Szenen zu sein. Und wenn dann noch Künstlerikonen wie Paul Jabara oder Andy Warhol-Anhänger Paul Morrissey und Taylor Mead in diesen rauchigen Szenen auftauchen, herrscht pures Sixties-Feeling auf dem Zelluloid.

Die Darsteller sind superb. Dustin Hoffman gibt eine seiner besten Peformances. Als todeskranke, verschwitzte Ratte aus der New Yorker Gosse, die von einem besseren Leben in Miami träumt, ist er schlichtweg fantastisch. Und Jon Voight spielt den dummen Möchtegern-Callboy so überzeugend, dass man ihm zwar gerne helfen würde, er aber nie so wirklich sympathisch wirkt. Sylvia Miley, die als Cass nur eine sechsminütige Rolle hat, bekam sogar eine Oscarnominierung als beste Nebendarstellerin. Noch nie wurde eine so kurze Rolle für den Academy Award bedacht.

Und trotz all jener Vulgarität und all der Inkompatibilität zu amerikanischem Konsumkino wurde "Asphalt Cowboy" gerechterweise zu einem Klassiker. Er gewann sogar den Oscar als bester Film. Die Musik John Barrys und der herrlich unbeschwerte, träumerische Titelsong "Everybody's talkin'" von Henry Nilsson wurden zu oft bedachten Klassikern der Filmmusik. Der improvisierte Satz von Dustin Hoffman "I'm walkin'! I'm walkin'", als ihn fast ein Yellow Cab anfährt wurde zur Legende. Der Film ist in seiner gesamten Grundhaltung in seinem experimentalistischen Erzählfundament derart unkommerziell, dass es nur verwundern kann, dass dieser Film einen derartigen Zuspruch beim Kinopublikum bekam. Mainstream oder leicht verdauliches Kino ist dies gewiss nicht.

Die traurige, depressive Geschichte von Joe Buck und Rico Ritso wurde zu Schlesingers Meisterwerk. Der Regisseur brachte in seiner Karriere nie wieder etwas vergleichbar großes zu Stande. Schauspielerisch, inszenatorisch und musikalisch spielt "Asphalt Cowboy" auf allerhöchstem Niveau. Und ist neben "Taxi Driver" einfach der beste New-Yorks-Schattenseiten-Film.

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