Review

Staffel 1 - 4

Staffel 1
erstmals veröffentlicht: 04.04.2014

In diesem Fall haben die Vorschusslorbeeren dann doch ein wenig in die Irre geführt. Angestachelt durch die wider Erwarten großartige erste Staffel von „Hannibal“ wurde man praktisch vom Fleck weg angefixt auf „Bates Motel“, das mit einer ähnlichen Hypothek ins Rennen ging, nämlich eine Figur mit Hintergründen zu illustrieren, die von Film wegen gerade durch ihre unklaren Hintergründe und Motivationen Faszination ausstrahlte. Steigerte „Hannibal“ diese aber sogar noch, kann man bei „Bates Motel“ schon fast von Entmystifizierung sprechen, wenn auch auf hohem Niveau und bei großem Unterhaltungswert; mag die Verlagerung der Handlung in die Jetztzeit noch unter die künstlerische Freiheit fallen (wenngleich die Serie mit schöner Retro-Ausstattung wohl einen größeren Reiz ausgeübt hätte), so gilt dies nicht für die Charakterisierung Norman Bates’ und auch gerade Norma Bates’, die in Hitchcocks Vorlage eben nur andeutungsweise mit von der Partie ist. Das Mutter-Sohn-Verhältnis widerspricht jedenfalls so ziemlich jeder Vorstellung, die man sich aufgrund des Films bilden konnte, sie wirkt klischeehaft und oberflächlich; die Mutter eine nervige, mit Psychosen und Altlasten gebeutelte Self-Made-Woman, ihr Sohn ein schüchternes, gleichwohl sturköpfiges und neugieriges Balg, das unerklärlicherweise an seiner Schule als Frauenmagnet funktioniert. Dazu noch ein ausgestoßener Bruder, der so gar nicht ins Konzept passen mag, und die Stadt mit all ihren kleinen Nebenstories als zusätzlicher Antagonist, der die Serie ausdauernd mit neuen Handlungsbögen versorgt.

Keine Frage, die Produktionswerte sind hoch, die Motel-Sets sind den Originalen authentisch nachempfunden, der Drehort wirkt herrlich abseitig (und damit zeitlos, was all die iPhones und anderen verräterischen Gegenstände der Gegenwart etwas abmildert) und generell stimmt der Unterhaltungswert, aber irgendwie hätte man sich dann doch etwas Geschmackvolleres erhofft als ein hysterisches, psychologisch unterentwickeltes Prequel zum Film.
4/10

Staffel 2
erstmals veröffentlicht: 22.12.2014

Nicola Peltz hat jetzt also Besseres zu tun, sich mit Robotern durch Häuserschluchten kloppen beispielsweise. Folglich verabschiedet sie sich sehr schnell aus der Handlung, wird aber prompt von Rebellengör Paloma Kwiatkowski ersetzt, damit Klein-Norman auch immer was zum Spielen hat. Die Plötzlichkeit, mit der Charaktere aus der Handlung genommen oder hineingeschrieben werden, gehört immer noch zu den gravierendesten Schwächen des künstlerisch und kommerziell riskanten, letztlich aber offenbar erfolgreichen Serienprojektes; insbesondere, weil die Figuren oftmals von vorne bis hinten unglaubwürdig sind und lediglich in der Momentaufnahme vakuumfüllende Wirkung haben, jedoch selten einen glaubwürdigen Hintergrund generieren können. Oder würde man, um ein weiteres Beispiel zu nennen, einer hübschen, leicht unsicheren und nur vordergründig toughen Frau mittleren Alters (Kathleen Robertson) eine hochrangige Position im Drogengeschäft abnehmen?

So bleibt „Bates Motel“ auch in der zweiten Staffel eine zutiefst ambivalente Serie, denn die Vorzüge sind ebenso offensichtlich wie die Schwächen: Das tolle Setting, einige starke Darsteller aus dem langfristigen Cast und ein wenigstens unterschwellig spürbarer, dumpfer Suspense aus der Leihgabe Hitchcocks sprechen klar für die Serie, zumal gerade Nebendarsteller Max Thieriot nochmal eine ganze Schippe an Qualität hinzugewonnen hat, ebenso wie Nestor Carbonell, der inzwischen ein ironisches Flackern auf die Serie wirft, ohne dabei selbst zur Witzfigur zu verkommen. Auch Hauptdarsteller Freddie Highmore gewinnt nochmal ein paar Facetten und Vera Farmiga ist brillant-nervig wie eh und je. Dazu kann man sich auf ein Wiedersehen mit Kenny Johnson („The Shield“) freuen.
Von Produzentenseite heißt es, „Bates Motel“ sei als eher kurzlebige Serie konzipiert – dann sollte man in Staffel 3 aber langsam mal anheizen, denn trotz einiger guter Ansätze ist der Anknüpfpunkt an Anthony Perkins noch nicht ganz in Sichtweite.
5/10

Staffel 3
erstmals veröffentlicht: 22.10.2017

Da schon in Interviews zur zweiten Staffel zu lesen war, dass „Bates Motel“ auf fünf Staffeln ausgerichtet sei, kann man davon ausgehen, dass Zuschauerquoten hier ausnahmsweise mal nicht über die Einstellung einer Serie entscheiden dürfen. Nach dürftigem Beginn darf man sich also vielleicht doch noch auf einen gelungenen Abschluss freuen.

Mit dieser Information im Hinterkopf erscheint die insgesamt sehr langsame Vorgehensweise der Autoren durchaus sinnvoll. Obwohl noch immer viel um den heißen Brei herum geredet wird, reift Norman Bates langsam zur Blüte und darf endlich auch konkrete Schlüsselbilder des Hitchcock-Werkes neu bebildern.

Zu einem Stilbruch führt das konstante Anziehen aber längst noch nicht. Grundsätzlich spielt sich an der Motel-Anlage am Rande einer Autobahn im fiktiven White Pine Bay immer noch eine Edel-Soap ab, die das psychologische Profil der Hauptfigur weiter mit kauzigen Nebenfiguren, inklusive verkorkstem Familienstammbaum, ausschmückt, was nicht ganz ohne Folgen im Sinne einer Entmystifizierung des Norman Bates bleibt. Das bizarre Mutter-Sohn-Verhältnis immerhin bleibt in seiner Vagheit unangetastet, gerade dessen Entwicklung gehört zu den leistungsstärksten Motoren dieser Staffel, die ansonsten leider unnötig viel Zeit an der Seite von Max Thieriot und Kenny Johnson bleibt, zwei gern gesehenen Darstellern zwar, die jedoch zu sehr den Fokus vom Hauptdarsteller ziehen, der immerhin ein, zwei wirklich große Momente zu verbuchen hat.

Man hat allerdings immer noch das Gefühl, es wird mit angezogener Handbremse inszeniert. Nicht, dass man unbedingt die Formeln des Horrorfilms bemühen müsste, aber ein wenig mehr Drastik würde man sich an mancher Stelle wünschen, damit man der Psycho-Werdung mit der gebührenden Ehrfurcht beiwohnen kann.

An Handwerk, Optik und Darstellern liegt es jedenfalls nicht, dass „Bates Motel“ auch nach drei Staffeln noch nicht hundertprozentig durchstarten konnte. Immerhin liegt die zweite Steigerung in Folge vor; wenn der qualitative Aufwärtstrend weitergeht, sind die Hoffnungen auf ein starkes Finish nicht umsonst.
6/10


Staffel 4
erstmals veröffentlicht: 05.12.2017

Nachdem der Berggipfel durch einen mit viel Aufwand genommenen Anlauf endlich bewältigt ist, darf „Bates Motel“ den Rest der Strecke nun mit frischem Fahrtwind im Nacken abwärts rollen. Norman ist, obwohl er nach wie vor Geheimnisse hütet, vor seiner Familie wie auch vor der Allgemeinheit inzwischen weitgehend als geisteskrank geoutet und verbringt den ersten Teil der vierten Staffel folglich in einer psychiatrischen Edel-Anstalt, wobei der Weg dorthin wiederum mit jede Menge Soap gepflastert ist, die zwangsläufig zum Drama ausarten muss – Liebe, Heirat, Glück und Frieden inklusive. Freddie Highmore hat im Zuge der Öffnung seiner Figur nun die Gelegenheit, einige brillante Züge zu nehmen. Wie er beispielsweise gegenüber einem Mitinsassen (Marshall Allman) aus heiterem Himmel seine wahre Persönlichkeit offenbart, das gehört schon zu den Highlights dieser Serie, die sich insgesamt aber noch immer schwer damit tut, ihre starken Produktionswerte mit ebenso starken Drehbüchern zu stützen. Was auch am Format liegen mag, denn nach der Laufzeit der Episoden, die mit Ausnahme der letzten Folge einer jeden Staffel stets mit dem gleichen Gedudel endet, kann man beinahe die Zeit stoppen.

Weil die Uhr nun auch in Sachen Auflösung spürbar zu ticken beginnt, werden einige der vielen Handlungsstränge einfach panisch in die Luft geworfen oder schnell noch mit heißer Nadel zu Ende gestrickt (Stichwort: Abflug nach Seattle), um die traute Zweisamkeit zwischen Norman und Mutter für Staffel 5 schon einmal vorzubereiten. Das wirkt nicht immer ganz elegant und wird den bislang so liebevoll umsorgten Charakteren auch nicht unbedingt gerecht.

Mit Horror ist immer noch nicht viel, auch der reine Thrill lässt sich nur stellenweise blicken. Zum Ende der Staffel hin wird er immerhin so morbide, wie man sich das von einem Muttersöhnchen wie Norman Bates eben auch erhofft.

Abgesehen vom Stamm um den immer stärkeren Highmore, die stets sehenswerte Vera Farmiga, den grundsoliden Nestor Carbonell, den richtig gut gewordenen Max Thieriot und den leider nur noch gastweise mitwirkenden Kenny Johnson sticht ein Schauspieler inzwischen ganz besonders heraus: Von einer Figur wie Chick (Ryan Hurst, bekannt u.a. als „Opie“ aus „Sons Of Anarchy) wusste man lange Zeit nicht, was man halten soll, inzwischen hat sie sich aber zum schrulligen Geheimnishüter White Pine Bays entwickelt und eröffnet damit eine Meta-Betrachtung auf das verstohlene Handeln der Figuren, die einfach Spaß macht. Hurst gelingt es, jeden einzelnen von ihnen aus der Reserve zu locken. Nicht Norman im Morgenmantel seiner Mutter ist es, den man in Erinnerung behalten wird – es ist Chick mit seinem Zauselbart, seiner Nerd-Brille, seinen albernen Strickpullis und seinen lächerlichen kurzen Hosen.
6/10
weitere Staffelbesprechungen können folgen.

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