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Theoretische gesellschaftspolitische Szenarien durchzuspielen, gehörte schon früh zum guten Ton von Science-Fiction-Filmen, die im besten Fall Rückschlüsse auf die Sozialisation der Gegenwart zuließen. Unter künstlichen Rahmenbedingungen waren Gedankenspiele über Aggression, Machtmissbrauch, aber auch Solidarität oder Freundschaft möglich, die Utopien zerstören oder bestätigen konnten. Doch die Zeiten, in denen Science-Fiction-Filme versuchten Antworten auf aktuelle Gegenwartsprobleme wie Aufrüstung, Umweltverschmutzung oder Überbevölkerung zu geben - unabhängig davon, wie naiv die darin verbreiteten Ideen waren - sind lange vorbei. Heute werden wie in "The hunger games" meist diktatorische Systeme der Zukunft entworfen, die den Geist an ein freies, unabhängiges Amerika befeuern sollen, das dann von wenigen Helden mit der Waffe verteidigt wird.

Dagegen erscheint die Idee in "The purge - die Säuberung" auf den ersten Blick originell, denn Regisseur und Drehbuchautor James DeMonaco, der hier zwar erst seinen zweiten Film nach "Staten island" (2009) als Regisseur verantwortete, aber schon mehrere Drehbücher zu Actionfilmen wie "Verhandlungssache" (1998) oder "Das Ende - Assault on Precinct 13" (2005) schrieb, nahm sich der aktuellen Problematik zunehmender Gewalt und Arbeitslosigkeit in den USA an und spielte die populäre These durch, dass alle Menschen einen bösartigen Kern haben, weshalb Missgunst und Hass ein Ventil brauchen. Um dieses Ventil steuern zu können, werden der Bevölkerung jedes Jahr 12 Stunden Zeit eingeräumt, in der sie - ohne eine Bestrafung fürchten zu müssen - jede kriminelle Tat bis zum Mord ausüben können. "The purge" setzt im Jahr 2022 ein und zeigt - zu den sanften Klängen von Claude Debussys "Clair de la lune" - Szenen aus früheren "Purge days", die angeblich zu einer Arbeitslosigkeit von 1% und einer minimalen Kriminalitätsrate geführt hätten.

Seltsamerweise wird diese Idee auch bei diversen Kritikern als gedanklicher Ansatz gelobt, obwohl sie keinen Moment einer weiteren Überprüfung standhält. Schuld daran trägt auch DeMonaco selbst, der die Aussage, die in den zwölf Stunden vorgenommenen Säuberungen hätten Erfolg und Nutzen für das Land gebracht, zurecht mit seiner Handlung ad absurdum führt. Die Idee, in dieser kurzen Zeit ließen sich alle Konflikte mit Gewalt lösen, besonders dadurch, dass der arme, dem Staat keinen Nutzen bringende Teil der Bevölkerung vom produktiven Teil getötet wird, ist so unrealistisch, dass er keinen Gedanken wert ist und damit auch keine Rückschlüsse auf die Entwicklung einer Demokratie zulässt. DeMonaco wäre ehrlicher gewesen, er hätte die USA konkret als Diktatur bezeichnet, anstatt nur das Lob an irgendwelche neuen Gründungsväter zu wiederholen, denn nur unter einer solchen Staatsform, kombiniert mit einem restriktiven, technisch hochgerüsteten Überwachungsstaat, wäre eine solche sekundengenau eingehaltene Phase theoretisch möglich.

Doch davon ist in "The purge - Die Säuberung" nichts zu sehen, sondern stattdessen ein gediegenes amerikanisches Familienleben im schönen Einfamilienhaus mit Teenager-Tochter Zoey (Adelaide Cain), dem jüngeren Sohn Charlie (Max Burkholder), der den Haushalt perfekt führenden Ehefrau Mary (Lena Headay) und dem hart arbeitenden Familienoberhaupt James Sandin (Ethan Hawke) - eine Konstellation, die keinerlei Zukunftsvision beinhaltet. Dass die Familie selbst keine Lust hat, Irgendjemanden umzubringen, sondern lieber im Haus verbarrikadiert die zwölf Stunden abwarten will, obwohl sie die Idee der "Säuberungen" offensichtlich befürwortet, ist dagegen nachvollziehbar. Denn warum sollte ein wohlhabender Bürger schwer bewaffnet in einen armen Stadtteil gehen, um dort angebliche "Schmarotzer" zu töten, ganz abgesehen von dem persönlichen Risiko, selbst dabei zum Opfer zu werden?

Hass, Missgunst oder Neid entstehen nicht in einem theoretischen Raum, der zur Eliminierung objektiv schädlicher Objekte führt - wer außer einem diktatorischen Staat würde eine solche Abgrenzung festlegen? - sondern immer in der unmittelbaren Umgebung. Schon der erste "Purge day" - theoretisch ernst genommen - hätte in eine Katastrophe führen müssen, denn Untergebene hätten ihre Chefs ermordet, Nachbarn sich gegenseitig bekämpft, Frauen und Schwache wären vergewaltigt und ausgeraubt worden - und nach 12 Stunden wäre zwar die Straffreiheit aufgehoben worden, aber wer kümmert sich um die Hinterbliebenen, die Bestohlenen und die in ihrer Psyche tief verletzten Menschen, die es in allen Bevölkerungsschichten gäbe? - Nicht eine 1% Arbeitslosenquote und eine niedrige Kriminalitätsrate wären die Folgen einer solchen Idee, sondern offene Gewalt, wirtschaftlicher Niedergang und Bürgerkrieg - Hass lässt sich nicht mit der Uhrzeit abstellen.

Diese Grundidee ist so oberflächlich und unlogisch, dass DeMonaco sie gar nicht umsetzen konnte, denn dann hätte in seinem Film nichts geschehen dürfen, da am Ort der Handlung nur gesetzestreue, produktive Bürger leben, die angeblich keine gegenseitigen Animositäten hegen, denn das brächte dem Staat keinen Nutzen. Selbst die Sicherheitsanlagen, mit denen Sandin sein Geld verdient, wären völlig übertrieben, denn gegen wen sollten sie schützen? - Die armen, schlecht ausgerüsteten Menschen können nicht angreifen, sondern befinden sich auf der Flucht, wie der Mann (Edwin Hodge), der durch die Straßen irrt und um Hilfe schreit - bis ihn Charlie, natürlich gegen den Willen seines Vaters, hereinlässt. Der Regisseur setzte entsprechend auf eine Story im unmittelbaren Umfeld der Familie, ließ dabei aber jede Sorgfalt vermissen zwischen dem Aufbau eines klassischen Horror-Szenarios und der blödsinnigen Grundidee. Dass der vom Vater abgelehnte Freund der Tochter diesen Konflikt dadurch zu lösen versucht, dass er den Vater erschießen will, lässt den Unsinn erst deutlich werden, denn auch wenn er straffrei davon gekommen wäre, hätte er danach kaum eine glückliche Beziehung mit seiner Freundin führen können.

Mit solchen Konsequenzen setzt sich DeMonaco keinen Moment auseinander, sondern nutzt das 12-Stunden Szenario nur dafür, die übliche Story einer Truppe gewalttätiger, sadistischer junger Leute zu erzählen, die mit Freude töten und drohen in Sandins Haus einzudringen. Dabei gelingen einige spannende Szenen, die durch das dilettantische Verhalten fast aller Beteiligten wieder ihre Wirkung verlieren. Am Ende erzählt eine Stimme aus dem Off, dass der "Purge-day" der bisher erfolgreichste gewesen wäre - eine Aussage, der die Handlung widerspricht, aber dafür wäre der Film nicht notwendig gewesen (2/10).

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