Die Grundidee zu "The Purge" schwankt zwischen genial und grenzdebil, denn es ist einerseits eine reizvolle Vorstellung, laut amerikanischer Zukunftsmusik einmal im Jahr für zwölf Stunden die Sau raus zu lassen, um vielleicht Rache zu üben, in einen Knast einzubrechen und sämtliche Vergewaltiger zu kastrieren oder einem reichen Sack die Kohle abzuluchsen. Doch andererseits sind Psychopathen das ganze Jahr über unberechenbar und der Freibrief für unbestrafte Gewalttaten jeglicher Art würde wahrscheinlich direkt zum Zusammenbruch des Systems führen, worüber sich Autor und Regisseur James DeMonaco offensichtlich weniger Gedanken machen wollte.
Amerika im Jahre 2022: Familie Sandin gehört zu den eher wohlhabenden Familien im Viertel, da James (Ethan Hawke) sehr erfolgreich jene Überwachungssysteme verkauft, die Häuser in der Nacht der alljährlichen "Säuberung" schützen soll. Am 21. März um 19:00 hat die Familie bereits ihr Haus abgesichert, als Sohn Charlie einem Hilfesuchenden Zuflucht gewährt und damit eine Gruppe von Terrortypen auf den Plan ruft...
Der Kontrast zwischen Debussys "Clair de Lune" und den blutigen Bildern auf Amerikas Straßen ist unverkennbar und so entstehen die ersten Eindrücke, wie man sich die alljährliche "Purge" vorzustellen hat. Der Rest des Geschehens beschränkt sich indes auf das Anwesen der Sandins, denn man hat es mit reinem Home Invasion in Richtung "Funny Games" oder "Panic Room" zu tun.
Trotz Beiwohnens alltäglicher Familienrituale sind die Figurenzeichnungen eher schablonenhaft ausgefallen, denn Sohn Charlie ist obgleich seiner ferngesteuerten Babykamera ein totaler Honk, Tochter Zoey zu sehr mit sich und ihrem Freund beschäftigt, während Dad kurz vor der besagten Nacht die Monitore der Überwachungskameras studiert und Mom (Lena Headey) versucht, sich mit abendlichen Tätigkeiten abzulenken. Immerhin sind die potentiellen Eindringlinge mit ihren Masken und den Damen mit ihrem entrückten Kichern und den weißen Flatterkleidchen einigermaßen Angst einflößend ausgefallen, - nur leider wird dieses Potential, wie vieles andere innerhalb der Erzählung zu wenig genutzt.
Nahezu sämtliche Verlaufsmuster bekannter Genreverwandter werden abgerufen und vorhersehbar verwurstet, wobei das Gespür für Hochspannung deutlich fehlt. Allenfalls eine Konfrontation im Billardzimmer veranschaulicht, mit welcher Kompromisslosigkeit der Rest hätte ablaufen können, doch stattdessen verschwinden Figuren zwischendurch unter ungeklärten Umständen, auf sämtlichen Seiten wird irrational gehandelt und selbst die anberaumte Sozialkritik verpufft weitgehend, da sich im letzten Drittel zu viele Klischee hinzugesellen.
Darstellerisch stößt man schließlich auf solides Niveau und auch technisch ist trotz einiger dunkler Szenen kaum ein Manko auszumachen, während das Erzähltempo innerhalb der 85 Minuten durchweg flott ist und zumindest diesbezüglich keine Längen aufkommen.
Dennoch vermag das Szenario, schon allein aufgrund der neugierig stimmenden Prämisse nicht wirklich zufrieden zu stellen, da Home Invasion bereits weitaus spannendere Beiträge zutage förderte und der Verlauf der Handlung allenfalls in Ansätzen zweimal überrascht.
"Purge 2" muss sich da schon mächtig umstellen, um die Masse der Kritiker und Filmfreunde auf seine Seite zu ziehen...
5 von 10