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Der junge Jiro Horikoshi wächst im rückständigen, armen Japan der 1920er auf. Er möchte einmal Pilot werden, muss diesen Traum jedoch früh aufgeben, weil er eine Sehschwäche hat. Stattdessen wird er schließlich Flugzeugingenieur und eifert seinem großen Vorbild, dem Italiener Gianni Caproni, nach, der ihm häufig in seinen Tagträumen begegnet. Er reist in das Deutsche Reich, um die dortige Ingenieurkunst zu studieren und heiratet die Frau, die er vor Jahren bei einem verheerenden Erdbeben kennenlernte.

Fünf Jahre nach seinem letzten Film „Ponyo“ und neun nach seinem vorletzten „Das wandelnde Schloss“ meldete sich Hayao Miyazaki 2013 mit „Wie der Wind sich hebt“ endlich zurück. Anders als bei seinen Meisterwerken „Nausicaä aus dem Tal der Winde“, „Das Schloss im Himmel“ oder „Prinzessin Mononoke“ handelt es sich hierbei um keinen Fantasyfilm, kein Märchen, sondern um die stark abgewandelte Biographie des Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi, die bereits als Comic erschienen war. Man sieht aber auch diesem Werk Miyazakis Faszination für das Fliegen durchweg deutlich an, was auch für die handgezeichneten und perfekt durchkomponierten Bilder gilt. Es ist zwar durchaus interessant, hier mal einen etwas anderen Miyazaki-Film zu sehen, einen Film ohne fiktive Märchenwelten und liebevoll gestaltete Fantasiefiguren, sondern einen, der stärker an der Realität orientiert ist. Schade ist aber, dass „Wie der Wind sich hebt“ der Zauber anderer Werke des Altmeisters mitunter etwas abgeht.

Dabei bietet auch dieser Miyazaki-Film vieles von dem, was die Werke des japanischen Regisseurs auszeichnet. Die Bilder sind toll und heben sich in angenehmer Weise von den CGI- und 3D-Gewittern zahlreicher aktueller Animationsfilme ab. Die Figuren und die konstruierten Flugzeuge sind liebevoll und detailverliebt gestaltet, die Hintergründe verschwenderisch, die Action-Szenen dynamisch und mitreißend. Vor allem in den Tagträumen des Protagonisten kommen die innovativen Einfälle und außergewöhnlichen Ideen Miyazakis zum Tragen, aber auch bei den sympathischen Figuren und der in jederlei Hinsicht liebevollen Umsetzung. Man hätte sich auf jeden Fall noch mehr davon gewünscht, auch eine weitere Reise in die fiktiven Welten, die Miyazaki immer wieder in unnachahmlicher Weise entwickelt hat.

Letztendlich bleibt das Potential der perfekt durchkomponierten und detailverliebten Bilder aber leider zumindest teilweise ungenutzt, weil „Wie der Wind sich hebt“ auf inhaltlicher Ebene nicht in letzter Konsequenz überzeugt. Zwar präsentiert Miyazaki einmal mehr einen sympathischen Protagonisten, dessen Schicksal durchaus zu fesseln vermag und wirft einen interessanten Blick auf die Pioniere des Flugzeugbaus. Dabei stehen besonders die Japaner im Vordergrund, die krampfhaft versuchen, zum technisch weiter entwickelten Deutschen Reich aufzuschließen. Zum Ende hin greift Miyazaki, der auch hier mit vielen konventionellen Erzählweisen bricht, zudem seine anfangs nur angedeutete Lovestory wieder auf und sorgt so noch einmal für etwas Dramatik und Emotion. Dabei wird der Film aber besonders zum Ende hin zunehmend kitschiger und rührselig, weil Miyazaki das Geschehen zu stark emotionalisiert. Das steht dem Film leider überhaupt nicht gut, was auch für die allzu sentimentale Filmmusik gilt. Zudem kommen einige Längen zustande, weil Miyazaki mit einer Laufzeit von zwei Stunden vor allem zum Ende hin etwas überzieht. Es hätte dem Film definitiv nicht geschadet, wenn das Erzähltempo etwas höher gewesen wäre.

Heftig kritisiert wurden außerdem die historischen Bezüge des Films. Immerhin baut der Protagonist die späteren Pearl Harbor-Bomber wohl wissend, wozu diese vermutlich einmal dienen sollen, während er sich selbst einredet, nur jemand zu sein, der gute Flugzeuge baut. Zwar sind diese fragwürdigen Bezüge entschuldbar, weil „Wie der Wind sich hebt“ keinerlei Anspruch auf historische Korrektheit erhebt und in weiten Teilen fiktiv ist, sie sind letztendlich aber auch unnötig und störend. Miyazaki hätte seine Geschichte besser einmal mehr in eine fiktive Welt verlegt.

Fazit:
„Wie der Wind sich hebt“ setzt sich mit seinen liebevoll gestalteten Bildern wohltuend vom aktuellen Animations-Mainstream ab und unterhält mit seinen sympathischen Figuren und der insgesamt gelungenen Geschichte über weite Strecken gut. Leider wird Miyazakis Film zum Ende hin zu sentimental, obwohl es den japanischen Altmeister immer ausgezeichnet hat, sich vom gewöhnlichen Disney-Kitsch abzusetzen. Außerdem stören die kruden historischen Bezüge. So reicht „Wie der Wind sich hebt“ leider nicht an das Niveau anderer Miyazaki-Filme heran, wenngleich er durchaus eine Empfehlung wert ist.

63 %

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