Wer sich an einen wirklichen Klassiker des Horrorfilms macht, muss über großes Selbstvertrauen, gute inhaltliche Argumente und Darsteller sowie ein entsprechendes Budget verfügen. CARRIE (2013) hat davon, wie man am Ergebnis sehen kann, eine Menge und mit der aufstrebenden Regisseurin Kimberly Peirce hat jemand den Dirigentenstab in die Hand genommen, der den Grundton des Originals bis ins Detail kennt und es erfolgreich versteht, auch von der Special Effects Umsetzung her die Geschichte in die Neuzeit zu transformieren. Vergleiche mit Originalen, die wie im Falle CARRIE ca. 37 Jahre zurück liegen, sind aus verschiedenen Gründen alleine nicht zielführend. Allerdings ist für den Unterschied auf dem Podest zum Kultklassiker auch der Faktor Mensch entscheidend. Die wirklich zerbrechlich-verstörende und fast morbide Ästhetik einer Sissi Spacek als Hauptdarstellerin Carrie ist unerreicht und wird in CARRIE (2013) ein wenig durch die durch das Blut stets noch durchschimmernde Attraktivität einer Chloë Grace Moretz ersetzt.
Dabei sind ihrer darstellerischen Fähigkeiten auf hohem Niveau und sie vermag im Laufe des Films immer mehr davon zu zeigen, wenn Sie ihre Kräfte erst nicht beherrschen kann und dann später mit aller Macht ausspielt. Insgesamt ist es ein gutes Remake, welches für die Seher, die das Original nicht kennen oder schätzen, eine erinnerungswerte filmische Bereicherung sein könnte. Aber auch den Freunden des 1976 Kultfilms von Regisseur Brian de Palma wird eine Menge geboten. Die grundsätzliche Geschichte ist die gleiche. Carrie White (Chloë Grace Moretz) ist schüchtern und sie wird von ihren Mitschülern gemobbt. Zudem wird Carrie von ihrer religiös-fundamentalistischen Mutter stark unter Druck gesetzt, mit Schuldgefühlen überhäuft und versucht wegzusperren. Daraus entwickelt sie Kräfte, die sich mit dem Grad der Demütigung noch steigern und auf einem Abschlussball eskalieren…
Schon in der ersten Einstellung von CARRIE, wenn sich die Kamera dicht über den Boden in einem Haus bewegt und man undefinierbare Frauenschreie hört, wird gekonnt eine Spannung aufgebaut, die durch die danach folgenden expliziten Bilder schon gleich eine ersten Nervenprobe für die Zuschauer bedeutet. Nach diesem nur wenige Minuten kurzen Vorspann wird man mit dem Alltag von Carrie und ihren ängstlichen Blick als Außenseiterin beim Schulsport konfrontiert. Eine erste sehr peinliche Demütigung zeigt gleich, dass die Aktionen der Mitschüler weit über das übliche Maß hinausgehen und entsprechende Reaktionen bei Carrie provozieren. Chloë Grace Moretz kann schon in diesen ersten relativ überschaubaren Szenen zeigen, dass sie nicht nur für ihre Fähigkeit ängstlich zu schauen engagiert wurde. Das Szenario der bedrohlichen Situation und einer paranormalen Reaktion von Carrie wird nicht langsam aufgebaut, sondern sie ist fast von Anfang an vorhanden.
Der Originalfilm von 1976 hat sich etwas von der Buchvorlage von Stephen King entfernt, in der Carrie zum Beispiel über noch deutlich stärkere mentale Kräfte verfügt als im Film zu sehen war. Die 2013er Neuinterpretation ist etwas näher am Buch, ohne hier ins Detail gehen zu können. Zum einen sind aber die Nebencharaktere besser ausgebaut und man nimmt sich mehr Zeit für diese. Zum anderen sind auch die Eigenschaften von zum Beispiel Billy Nolan (Alex Russell) näher am Romancharakter. Beide Filme haben ihre Stärken und natürlich ist CARRIE optisch modernisiert und an die heutigen Sehgewohnheiten angepasst. Es gibt auch Stärken des Remakes, wie eine stärkere ausgebildete Mutter-Tochter Beziehung zwischen Liebe und Hass, Familienbande und Abneigung gegen ihren Fanatismus, welche mehrmals zur beidseitigen Eskalation führt.
Das filmische Tempo ist in der ersten Filmhälfte recht gemächlich und die Szenen mit Action- oder paranormal geprägten Inhalten sind nicht allzu zahlreich. Dennoch kommen keine Längen auf und die Spannung dreht sich bewusst kreiselförmig hoch bis auf den aus dem Original bekannten Höhepunkt, dessen Auftreten eben nicht den Überraschungseffekt hat wie im 1976er Vorbild. Schon das Vorgeplänkel auf dem Abschlussball wird länger und mit mehr Facetten geschildert als zuvor. Das blutige Inferno der circa letzten 15 Minuten ähnelt jedoch vor allem anfangs zwar optisch den Szenen mit Sissi Spacek. Chloë Grace Moretz als Carrie wird allerdings mehr als übermächtiger Racheengel positioniert, und weniger als ultimativ verletzter Teenager.
CARRIE begeht aber nicht den Fehler einen Nachbau des Originals Szene für Szene vorzunehmen und es gibt neue Aspekte und gelungene Interpretationen und Tiefen in der Charakterbildung an denen auch Julianne Moore einen guten Anteil hat, da sie die fanatische Mutter in aller Konsequenz und ohne Schönfärberei bis zum bitteren Ende verkörpert. Auf der anderen Seite versucht Chloë Grace Moretz nicht Sissy Spacek zu imitieren und findet ihren eigenen intensiven Zugang zu den hohen physischen Anforderungen und der psychischen Zerrissenheit der Rolle von Carrie White. Sie hat schon vor CARRIE mit ihren gerade mal 16 Jahren einige erinnerungswerte Rollen abgeliefert vom "Hit-Girl" in KICK-ASS, über die "Isabelle" in HUGO CABARET bis hin zur "Abby" in LET ME IN.
Die rund 17 Millionen Dollar Budget von CARRIE sind deutlich positiv sichtbar, aber auch einige unerwartet durchwachsene CGIs. Dennoch gibt es gerade im Schlussakt einige Gewaltszenen zu bewundern, die in ihrer expliziten Schauwerten und Detailversessenheit überzeugen und die US R-Rated Einstufung mehr als rechtfertigen. Zusammenfassend werden die präsentierten psychologisch-soziologischen oder intrafamiliären Themen nicht tiefer analysiert und bieten am Ende nur den Hintergrund eines recht vorhersehbaren, aber unterhaltsamen und blutigen Overground-Horrorspektakels. Regisseurin Kimberly Peirce hat sich nach den vergleichsweise unauffälligen Filmen BOYS DON'T CRY und STOP-LOSS mit CARRIE einen Namen im Mainstreamhorror gemacht und man darf durchaus auf neue hoffentlich ähnlich konsequente Projekte gespannt sein.
6,5/10 Punkten