"Deine Kleine sieht gut aus. Aber nicht mehr lange."
Die 16-jährige Carrie White (Chloe? Grace Moretz) wird von ihrer fanatisch religio?sen Mutter Margaret (Julianne Moore) a?ußerst streng erzogen. In der Schule stellt sie eine Außenseiterin dar und wird häufig geha?nselt. Nur ihre Sportlehrerin Miss Desjardin (Judy Greer) versucht sie zu integrieren.
Durch mangelnde Aufklärung hat Carrie nicht das Wissen, was während der Pubertät mit ihr geschieht. Als sie nach dem Sportunterricht ihre erste Periode bekommt, ruft sie schreiend um Hilfe, wird von ihren Mitschülerinnen ausgelacht und von Chris Hargensen (Portia Doubleday) gefilmt. Chris stellt das Video sogar ins Internet. Daraufhin greift Miss Desjardin hart durch und schließt Chris vom Schulball aus. Diese sinnt auf Rache.
Die Mitschülerin Sue Snell (Gabriella Wilde) dagegen möchte Carrie etwas gutes tun und bittet ihren Freund Tommy Ross (Ansel Elgort) sie zum Abschlussball zu begleiten. Unterdessen entwickelt Carrie telekinetische Fähigkeiten, denen sie in ihrer Wut ungezügelt freien Lauf lässt.
Mit "Carrie - Des Satans jüngste Tochter" schuf Regisseur Brian De Palma ("Redacted", "Scarface") 1976 einen Genreklassiker. Die recht nah am Roman von Stephen King angelehnte Verfilmung wurde mittlerweile viel in der Popkultur zitiert und erhielt bereits eine eher mäßige Neuverfilmung im Jahre 2002. "Carrie" aus dem Jahr 2013 bleibt sehr nahe an den bisherigen Verfilmungen, modernisiert den Stoff aber in einigen Bereichen.
Das Remake bietet an sich kaum etwas Neues. Die dürftige Handlung bleibt vorhersehbar und ohne Überraschungen, verschiebt jedoch den Fokus mehr auf Carrie's Figur. Diese ist selbstbewusster und zeitgema?ßer charakterisiert als die alte Carrie. Dabei ru?ckt das satanische Horrorelement in den Hintergrund zugunsten eines Charakterportra?ts.
Vor allem auf emotionaler Ebene funktioniert "Carrie" überaus gut. Bereits zu Beginn setzt das Horrodrama auf direkte Bezüge zur Protagonistin. Schnell dient diese Dank ihrer unschuldigen Züge als Sympathiefigur. Und selbst später, wenn sich ambivalente Züge bilden, bleibt man stets auf ihrer Seite. Denn vor allem gegensätzliche Figuren sind bewusst verabscheuungswürdig gehalten.
Das Remake kann zumindest im Bereich heute benutzter Werkzeuge etwas Eigenständigkeit erringen. Wenn Smartphones und Internet für Mobbing zweckentfremdet und Schülerinnen aufsässig werden, fühlt man sich direkt unangenehm an so manche Umstände und Umgangstöne an heutigen Schulen erinnert. Auch die Inszenierung an sich ist modern, die Erzählweise jedoch angenehm klassisch.
Vom blutigen Finale werden die Wenigsten heutzutage schockiert sein, auch wenn es rauer, expliziter und ausfu?hrlicher ist als in De Palma's Version. Technisch ist heute einfach mehr möglich als in den 70ern, dennoch wollen nicht alle Effekte zum Schluss überzeugen und sind sichtbar digitaler Herkunft. Schöner anzusehen sind dagegen diverse vorherige Szenen, wo Carrie ihre telekinetischen Fähigkeiten bereits einsetzt.
Chloë Grace Moretz ("Kick-Ass"-Reihe, "Dark Shadows"), die bereits in "Let Me In" bewiesen hat, dass ihr solche Charaktere liegen, versteht es auch hier eindrucksvoll, der verletzlichen und unsicheren Carrie Leben einzuhauchen. Im Gegensatz zu Sissy Spacek, deren Carrie eher durch Mimik zu beindrucken wusste, betont Chloë Grace Moretz ihre anfänglich verschlossene, später dann schon fast dämonische Körperhaltung, was insbesondere im Finale für eindrucksvolle Bilder sorgt. Allerdings erreicht Moretz optisch nicht Spaceks gebrochenes Äußeres.
Auch Julianne Moore ("Next", "Children of Men") weiß zu begeistern und füllt ihre Auftritte mit einer unglaublichen Präsenz aus. Die restlichen Darsteller agieren etwas unbeholfener oder kommen zu kurz um hängen zu bleiben.
Das Remake ist ein düsteres Horrordrama mit zwei fantastischen Hauptdarstellerinnen geworden, das sich nur durch ein paar Modernisierungen und einem etwas übertriebenerem Finale vom Original abhebt. Nach wie vor ist die Geschichte schlicht und enthält ein paar Längen. Die Anbindung an die Protagonistin funktioniert ebenso wie die sich langsam entwickelnde Spannungskurve. Man darf nichts absolut Neues erwarten, sonst wird man zwangsläufig von "Carrie" enttäuscht.
7 / 10