Lange (viel zu lange) hat es gedauert, bis von Japans Genrefilm-Tausendsassa Takashi Miike wieder mal was ins deutsche Kino gekommen ist. Und wenn schon mal ein japanischer Film in große deutsche Kinos kommt, dann kann man auch davon ausgehen, dass er sich dies wirklich verdient hat, während aus anderen Produktionsländern gefühlt jeder Krempel hierzulande einen Kinostart spendiert kriegt.
Während Hollywood einen auf junge SFX-verwöhnte Zuschauer und gleichzeitig Popkultur-Nostalgiker zugleich getrimmten Superhelden-Blockbuster nach dem anderen über die Leinwände poltern lässt, gibt bzw. gab es von Miike hiermit endlich wieder einmal ein erwachsenes, reflektierendes Actiondrama zu sehen, in dem die durchaus vorhandenen Schießereien und Karambolagen merklich hinter die psychologische Interaktion zurücktreten.
Der gewohnt jungenhafte Tatsuya Fujiwara gibt hier ein Ekelpaket par excellence. Romanautor Kazuhiro Kiuchi, Drehbuchverfasser Tamio Hayashi und Regisseur Miike spielen nahezu maliziös mit den Gefühlen des Zuschauers, indem der von Fujiwara gespielte des Kindermordes bezichtigte Kunihide Kiyomaru zunächst als Opfer inszeniert wird. Auf den Kopf von Kiyomaru, des Mordes an einem siebenjährigen Mädchen beschuldigt, setzt der Großvater des Opfers eine Prämie von einer Milliarde Yen aus. Die geplante Überführung von Kiyomaru zum Gericht in Tokyo wird somit zu einem nahezu unmöglichen Unternehmen, da jeder ein heimlicher Kopfgeldjäger sein könnte, ob Polizist oder Passant.
Kiyomarus Eskorte ist polarisierend zusammengesetzt aus Menschen mit verschiedenen Einstellungen und Motiven. Reines Pflichtethos, brodelnder Zorn, das Bedürfnis nach beruflichem Aufstieg oder auch geschickt verborgene Ambitionen auf das Kopfgeld sind die Beweggründe, die die Polizisten umtreiben, während Kiyomaru sie abwechselnd mit Wehleidigkeit und bösestem Zynismus bis aufs Blut reizt, als wollte er mit dem eigenen gewaltsamen Tod unter ihren Händen über ihre Berufsmoral triumphieren. Und in der Tat scheitert der eine oder andere auf dem Weg, denn auch schon die kleinste Unaufmerksamkeit kann tödlich sein.
Nanako Matsushima dürfte einigen Zuschauern noch als Hauptdarstellerin zweier "Ring"-Gruselfilme in Erinnerung sein. Sie gibt die überaus beherrschte, mitunter schwer einzuschätzende Atsuko Shiraiwa, die im Interesse ihres Sohnes die Beförderung anstrebt. Takao Ôsawa, der unter anderem in diversen Samurai-Rollen zu sehen war, spielt Kazuki Mekari, vielleicht den nachvollziehbarsten Charakter und am ehesten Protagonist der Geschichte. Gorô Kishitani als Erfahrenster und Kento Nagayama als jugendlicher Heißsporn runden das Ensemble der Gesetzeshüter ab. Besondere Intensität erlangt der Film in der finalen Konfrontation mit Milliardär Ninagawa, dem Großvater des ermordeten Mädchens, der mit großartiger Präsenz von dem auf die 80 zugehenden Filmveteran Tsutomu Yamazaki gespielt wird.
Das bedeutungsschwer verhandelte Thema der polizeilichen Pflicht, auch dem boshaftesten Individuum eine korrekte Behandlung wie jedem anderen Straftäter zu sichern, stellt Miikes Werk in die lange Tradition des Polizeifilms, in dem immer wieder das quälende Gefühl der Ohnmacht thematisiert wurde, mit dem Polizisten wie hinter einem "Schild aus Stroh" (wara no tate) nur scheinbar geschützt agieren. Seine Figuren sind keine "Dirty Harrys" und keine "Commissari di Ferro" wie im US- bzw. italienischen Polizeifilm. "Wara no Tate" bleibt der Glaubwürdigkeit verpflichtet und sollte in seiner Intensität keinen Filmzuschauer kaltlassen.