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Als Laura Antonelli von Salvatore Samperi 1973 in "Malizia" besetzt wurde, hatte sich die studierte Lehrerin, die erst mit Mitte 20 begonnen hatte, als Schauspielerin zu arbeiten, schon einen gewissen Ruf als erotische Versuchung erarbeitet. Mit "Malizia" gelang ihr der endgültige Durchbruch, der Mitte der 70er Jahre sogar dazu führte, sie als legitime Nachfolgerin von Sophia Loren und Gina Lollobrigida im italienischen Film zu betrachten. Aus der heutigen Sicht eine schwer nachvollziehbare Einordnung, die viel über den gesellschaftlichen Wandel der Sexualität in den 70er Jahren aussagt.

Ihre unterschiedliche Schönheit ist weniger entscheidend - hier Sophia Loren, die üppige Süditalienerin mit dem kräftigen, wallenden Haar, dort die zarte, fast blasse Laura Antonelli - sondern wie ihre Optik in den filmischen Kontext eingeordnet wurde. Sophia Loren spielte Frauen, die offensiv sexuell auftraten, die den Männern den Kopf verdrehten oder sogar als Prostituierte arbeiteten ("Ieri, oggi e domani" (Gestern, heute und morgen, 1963)), trotzdem aber moralisch einwandfrei blieben. Nur so war es in ihren meist komödiantisch angelegten Filmen möglich, ihre offensichtliche sexuelle Ausstrahlung zu nutzen. Darin verdeutlichte sich Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre - nicht nur in der italienischen Gesellschaft - ein konservativer, oft verlogener Umgang mit der Sexualität, der Anfang der 70er Jahre noch keineswegs überwunden war.

Zwar hatte es dank der gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 60er Jahre eine Bewegung in Richtung eines freieren Umgangs mit der Sexualität gegeben, der aber noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen war. Kinofilme mit entblößten Frauenkörpern hinterließen immer noch einen zwiespältigen Eindruck, der nur durch einen künstlerischen Umgang mit der Thematik vermieden werden konnte. Samperis "Malizia", der auch im Wettbewerb der Berlinale lief, ist dieses Bestreben anzumerken, besonders in der Anlage des Hausmädchens Angela. Laura Antonelli spielt sie ohne sexuelle Offensivität mit einer naiv, unschuldigen Ausstrahlung. Darin liegt eine Umkehrung zu Sophia Lorens Rollen, die ein Versprechen gab, das sie nicht hielt, während die Erotik hier in der Fantasie der Männer entsteht, die sie erst zu einem sexuellen Objekt werden lassen.

Diese Unschuld wird noch durch das behauptete Alter der Frauen im Film betont. Sophia Loren spielte Frauen, die oft älter waren ("La ciociara" (Und dennoch leben sie, 1960)) und selbstverständlich mit den Männern umgehen konnten, während Laura Antonelli in "Malizia" glaubwürdig eine junge, unerfahrene Frau Anfang 20 verkörperte, obwohl sie schon über 30 Jahre alt war. Ihr Typus ähnelt dem von Leonora Fani, mit der Samperi 1977 "Nenè" drehte, und der den alten Männertraum bedient, ein jungfräuliches Mädchen zu erobern. Leonora Fani konnte in "Nenè" allerdings schon deutlich offensiver auftreten, während Laura Antonelli nur in wenigen Szenen nackt zu sehen ist und nur einen kurzen Moment ihre sexuelle Lust zulässt. Aus der heutigen, an direkte Sexualität gewohnter Sicht wirkt diese Gestaltung besonders erotisch, war aber den damaligen moralischen Normen geschuldet, wollte man sich nicht dem Verdacht billiger Sexfilme aussetzen. Wie sehr Laura Antonellis Bild in den Medien trotzdem von ihren Nacktdarstellungen beeinflusst war, wird an der bis heute bestehenden Verwunderung darüber deutlich, das Luchino Visconti sie in "L'innocente" (Die Unschuld, 1976) atypisch besetzt hätte. Stattdessen hatte er ihre wirkliche Ausstrahlung begriffen.

Die Einordnung von "Malizia" (wörtlich "Bosheit", seltsamerweise nicht ins Deutsche übersetzt, als wäre es ein Eigenname) als erotische Komödie ist ebenfalls dem Zeitgeist zu verdanken, denn tatsächlich handelt es sich um ein Sittengemälde der sizilianischen Gesellschaft in der damaligen Gegenwart. Samperi ordnete den Zeitraum der Handlung nicht genau an, das Auto des Tuchhändlers Ignazio (Turri Ferro) ist schon etwas älter, aber die Selbstverständlichkeit, mit der hier die Familie schon ihre Abende vor dem Fernseher verbringt, lässt auf die 60er Jahre schließen. Das Leben des zur gehobenen Bürgerschicht in Catania gehörenden Unternehmers und das seiner Familie ist noch geprägt von klaren, patriarchalischen Strukturen, die Samperi für seine Story um Angela benötigt.

Die Beerdigung seiner Frau und der Mutter seiner Söhne, wird von Ignazio angemessen begangen, aber der Film macht kein Geheimnis daraus, das sie sich zum Trauern zwingen müssen. Ohne das Samperi die Verstorbene genauer charakterisiert, wird deutlich, das diese als moralische Instanz in der Familie galt. "Malizia" entwirft das Bild eine Gesellschaft im Wandel - äußerlich gelten noch die konservativen Regeln, während die Moderne schon in die Köpfe eindringt. Das Verhalten des Familienvaters ist signifikant für diesen Zwiespalt - er bittet die deutlich jüngere Angela, die noch von seiner Frau vor deren Tod als Hausmädchen engagiert wurde, bald schon um ihre Hand, da sie nicht nur als Hausfrau und in der Betreuung seiner Söhne mehr als überzeugte, sondern vor allem durch ihre anmutige Schönheit. Im Bewusstsein, sich damit einen ungehörigen Wunsch zu erlauben und immer begleitet vom schlechten Gewissen gegenüber seiner verstorbenen Frau, hält er die Regeln des Anstands bei der Eheanbahnung ein, bleibt in Abstand zu Angela (bis auf einen kurzen Ausrutscher), bespricht sich mit dem Pfarrer und muss vor allem seine strenge Mutter (Lilla Brignone) überzeugen, für die die Heirat mit einer Angestellten nicht standesgemäß ist. Diese altmodische Konstellation, zu der auch gehört, das Angela selbstverständlich in die Heirat einwilligt, da es für ein Hausmädchen die einzige Möglichkeit ist, gesellschaftlich aufzusteigen, bildet nur den Hintergrund zur eigentlichen Story, ist aber sowohl als Kontrast zur sonstigen sexuellen Ausrichtung, als auch für die Festlegung der gesellschaftlichen Position notwendig.

Zwar hat Ignazio drei Söhne, aber die Situation spitzt sich auf die Auseinandersetzung zwischen dem 15jährigen Schüler Nino (Alessandro Momo, damals 19, der ein Jahr später bei einem Motorradunfall starb) und Angela zu. Keineswegs kommt es zu einer Auseinandersetzung mit seinem heiratswilligen Vater, der nichts von den Machenschaften seines Sohnes ahnt, sondern sein Verhalten basiert auf der selbstverständlichen Arroganz eines Sohnes aus privilegiertem Hause, der seine sexuellen Erfahrungen nicht bei den gleichaltrigen Mädchen, die später als Jungfrauen vermählt werden sollen, sondern bei älteren, erfahrenen Frauen sucht. Mit romantischen Gefühlen hatte das nichts zu tun. Dieses klassische Motiv wurde in vielen erotischen Filmen dieser Zeit verwendet ("Lezioni private" (Private Lessons, 1975), "L'insegnante" (Die Bumsköpfe, 1975)), meistens modern interpretiert, aber Samperi beschreibt diese Situation schlüssig im zeitlichen und räumlichen Kontext.

Heute wird oftmals mit Verwunderung betrachtet, warum sich Angela von Nino zunehmend in die Enge treiben lässt, sich nur mit Worten gegen den wenig freundlichen Jugendlichen wehrt. Doch ihre Position erlaubt keinen vehementen Widerspruch und spätestens mit ihrer Einwilligung in die Hochzeit mit dessen Vater und damit der Chance auf einen persönlichen Aufstieg, wird sie erpressbar.

Trotz dieses insgesamt stimmigen Sittengemäldes einer noch archaisch anmutenden Gesellschaft an der Schwelle zur Moderne, kann auch "Malizia" nicht verbergen, das er für ein Publikum der 70er Jahre entworfen wurde. Letztlich bleibt der Film ein Spiel mit diesen Konventionen, das Samperi die Möglichkeit gibt, erotische Fantasien um eine schöne Frau auszuleben, die zwar zurückhaltend, aber nie unterwürfig agiert, wie es von einer einfachen Hausangestellten zu erwarten wäre. "Malizia" ist ein schön gefilmtes, gut gespieltes Werk, zudem stimmig in Szene gesetzt, in seiner männlich geprägten sexuellen Ausrichtung aber noch ganz dem verklemmten Zeitgeist der frühen 70er Jahre verpflichtet (7/10).

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