The Town That Dreaded Sundown (1976) von Charles B. Pierce
The Town That Dreaded Sundown (2014) von Alfonso Gomez-Rejon
Es ist [Achtung: Spoiler!] - besonders hierzulande - sicherlich keine Schande, noch nichts von den Texarkana Moonlight Murders gehört zu haben: weniger bizarr und zudem seltener & qualitativ minderwertiger aufbereitet als die Fälle um Ed Gein, Jeffrey Dahmer, Ted Bundy, den Zodiac Killer, den Boston Strangler, die Lonely hearts killer, die Hillside Stranglers, Fritz Haarmann oder Peter Kürten, dürften die Texarkana Moonlight Murders fraglos furchtbar gewesen sein, zugleich aber nur dann mit einer nachhaltig fesselnden, morbiden Faszination erscheinend, wenn man selbst im Umfeld von Texarkana lebt.
Alfonso Gomez-Rejon hat das nun ein wenig geändert - und sich dabei ausdrücklich auf eine frühere Verfilmung der Texarkana Moonlight Murders gestützt, welche ihrerseits dem Fall des bis zuletzt unbekannt gebliebenen Pärchen-Killers kaum eine langfristige (& zweifelhafte) Popularität jenseits des US-amerikanischen Südens verschaffen konnte: "The Town That Dreaded Sundown" (1976) - inszeniert vom Independent-Filmer Charles B. Pierce, der einer breiteren Masse eher durch seine Drehbücher oder Ausstattungen für größere Studio-Produktionen bekannt sein dürfte - kommt wie Pierces Regie-Debüt "The Legend of Boggy Creek" (1973) als pseudodokumentarischer Thriller daher, der Nervenkitzel und vorgeschobene Aufklärungsabsichten etwas holperig miteinander verbindet und dabei durchaus etwas ironisch den reißerischen Touch mancher true crime-Dokus imitiert. Auch für humoristische Auflockerungen war Pierce zu haben, verwässert den recht diffusen Gesamteindruck damit allerdings noch etwas mehr.
30 Jahre nach den acht Attacken, die der Phantom-Killer 1946 in Texarkana verübt hatte, rekapituliert Pierce dessen Taten und die letztlich erfolglose Polizeiarbeit, wobei ein Erzähler das Geschehen hin und wieder erläutert und kontextualisiert; das macht es Pierce sehr einfach, seine Figuren und Handlungsort & -zeit einzuführen, lässt er doch das Wesentliche stets vom Kommentator zusammenfassen. Und während die Funde von neuen Opfern und die jeweiligen Morde die reißerischen Highlights - zu spannungsgeladener Musik - bilden, wird dem Publikum dazwischen die Arbeit von Deputy Norman Ramsey, Sheriff Barker, Captain J.D. Morales und Dr. Kress, einem Psychiater, der sich als Profiler anbietet, dargeboten: nicht selten mit befremdlichen Gags durchsetzt, welche sich um getarnte Ermittler in Damenkleidung oder um letztlich ungefährliche Schreckmomente drehen. So ausgelassen und unbedarft diese Teile des Films anmuten, so hässlich und unangenehm fallen die dargebotenen (Un)Taten aus: kurzerhand wird man in das Privatleben unschuldiger Teenager eingeführt, ehe man dann ihrem vom Täter sadistisch zelebrierten Ableben während gemeinsamer Treffen an abgelegenen Liebesnestern beizuwohnen hat. Der Höhepunkt des Films dreht sich dann zur Halbzeit zehn Minuten lang um die Erschlagung eines jugendlichen Geliebten durch den maskierten Killer, der nebenbei die Liebhaberin an einen Baum fesselt und sie mit seinem auf eine Trompete montierten Taschenmesser beim Musizieren langsam absticht.
Das voyeuristische und durchaus spekulative Interesse des Films an den Morden wirkt letztlich - trotz weitgehend vermiedener Blutrünstigkeit - recht befremdlich, was angesichts der sadistischen Spielereien des Täters auch irgendwo angemessen ist, angesichts des geringen Interesses an den Opfern selbst jedoch einen ungehörigen Beigeschmack besitzt; zumal in dieser ungünstigen Kombination aus true crime-Dokudrama, Slasher-Vorläufer und ulkigen Scherzen. Da verwundert es dann auch nicht, dass sich etwa der ansonsten wenig zimperliche Frank Trebbin in seinem "Die Angst sitzt neben Dir" an "pervers-voyeuristisch angehauchte[n] Mordsequenzen [...], die weder inhaltlich noch technisch tragbar sind"[1], stieß.
Sieht man von der völlig unauffälligen, simplen Inszenierung und vom eindeutigen Exploitation-Charakter dieses Films - der hier und da aber auch wieder einige ironische Brechungen parat hält - einmal ab, so ist er als früher Slasher-Vorläufer durchaus nicht ganz uninteressant; nicht bloß, dass die Nummernrevue-Struktur des Films und die mysteriöse Zeichnung des Killers eine Schablone des typischen Slashers darstellt, was zuvor gerade einmal "Reazione a catena" (1971), "Black Christmas" (1974) und "Massacre at Central High" (1976) gelungen war: Die Jutesack-Maskerade des Killers wird auch Jason Vorhees Jahre später in Steve Miners Friday the 13th-Beiträgen "Friday the 13th Part 2" (1981) & "Friday the 13th Part III" (1982) tragen, ehe er sich im letztgenannten Titel schließlich seine ikonisch gewordene Hockeymaske griff, und im postmodernen Meta-Slasherklassiker "Scream" (1996) des jüngst verstorbenen Wes Craven heißt es mittendrin ganz nebenbei: "God, look at this place, it's 'The Town That Dreaded Sundown'." [00:56:25]
"Scream" und 'Meta' sind passende Stichpunkte, wenn es um "The Town That Dreaded Sundown" samt 2014er Remake (oder Sequel) geht, denn die Metaebene steckt schon im Ende des 1976er Originals und dann von Anfang an im 2014er Streifen. Die 76er Version endete nach der erfolgreichen Flucht des Killers mit seiner eigenen, viele Jahre später stattfindenden Kino-Uraufführung in Texarkana - unter den Zuschauern: das Schuhwerk des einstigen Täters, der nun mitten im Publikum die Visualisierung seiner Taten von damals genießen will. Die "Scream"-Reihe verdankt mit ihrer "Stab"-Spielerei dem 76er "The Town That Dreaded Sundown" sicherlich mehr als nur eine Dialogzeile.
Und "The Town That Dreaded Sundown" (2014) - inszeniert von Alfonso Gomez-Rejon, der zuvor ein ganzes Dutzend Folgen für "American Horror Story" (2011-2014) in Szene gesetzt hatte, und geschrieben von Roberto Aguirre-Sacasa, der auch das Drehbuch für die 2013er "Carrie"-Neuverfilmung verfasst hatte - verdankt "Scream" sicherlich ebensoviel wie dem 1976er Vorbild.
Gomez-Rejons "The Town That Dreaded Sundown" beginnt mit Archivaufnahmen und Fotos aus dem Texarkana zur Zeit der Moonlight Murders, lässt einen Kommentator - der wie schon der 1976er Kommentator den Tonfall jeweils aktueller true crime-Dokus trifft - diese blutige Geschichte erläutern und ebenso die Verarbeitung dieser Geschichte in Texarkana, wo seit 1976 alljährlich an Halloween "The Town That Dreaded Sundown" im Autokino laufe, bis sich schließlich 2013 jene Geschichte ereignet habe, von welcher dieser Film nun erzählen will.
Und das Autokino des Vorjahres besucht dann auch die Kamera, die dem Publikum schließlich den Originalfilm präsentiert, der noch häufiger in Bild und Ton anwesend sein wird in seinem eigenwilligen Remake, das eigentlich gar keines ist und in seiner Haltung zum Originalfilm so ungewöhnlich daherkommt, wie dieser in seiner Haltung zur true crime-Doku, die hier aufgegriffen und parodistisch wiederholt wird. Im Publikum sitzen Jami und Corey, ein junges Paar, das die - von christlich-wohlanständigen Saubermännern umstrittene - Vorführung alsbald verlässt, weil harte Horrorthriller nichts für Jami sind. Ihr anschließendes Geturtel an der Lover's Lane endet jedoch entsetzlich: ein per Jutesack maskierter, neuer Phantom-Killer beobachtet beide in ihrem Wagen, zwingt sie mit gezogener Waffe ins Freie, fesselt den Mann, nötigt die Frau, wegzusehen, tötet (scheinbar) ihren Partner und hetzt die entsetze Frau anschließend durch die Wälder, ehe sie verstört zum Autokino flieht und dort unter der Leinwand vom schockierten Publikum aufgefunden wird.
Nicht bloß der 76er Originalfilm steht hier deutlich Pate, sondern auch Finchers herausragender "Zodiac" (2009), dessen qualvollen Mordszenen hier durchaus nachhallen, wenngleich Gomez-Rejon weniger Finchers ungeschönten Realismus nacheifert, sondern vielmehr eine stilisierte Überhöhung des Grauens anvisiert: der vermeintliche Mord ereignet sich als drastisches Schattenspiel im aggressiven Rotlicht der Auto-Rücklichter an einer Felswand.[2] Stilistisch ist dieser Film seinem Vorgänger haushoch überlegen; diese erste Mordsequenz lässt das bereits früh erahnen. Und die wohlbedacht eingesetzte Beleuchtung, die elegant schwebende Kamera, das Spiel mit der Tiefe des Raums und die bisweilen selbstbewusst eingesetzten, schnellen Schnittfrequenzen heben das formale Niveau des Films weit über durchschnittliche Slasherkost hinaus, erreichen aber auch nicht das Niveau von Finchers Thriller, dem hier noch in vierlerlei Hinsicht nachgeeifert wird: Der Killer schreibt der überlebenden Jami Briefe, was diese gegenüber der Polizei mit dem Verhalten des Zodiac-Killers vergleicht, eine anachronistisch wirkende 70er Jahre Mode ist in diesem im Jahr 2013 angesiedelten Film kaum zu übersehen und die Aufführung des 76er Films im Rahmen der Untaten eines neuen Phantom-Killers ähnelt dem in "Zodiac" thematisierten 1971er "Dirty Harry"-Erfolg während der Zodiac-Untaten.
Dieser Punkt macht "The Town That Dreaded Sundown" dann auch eher zum Sequel als zum Remake des 76er Originals, spinnt er doch das Ende vom Killer, der die eigene Story im Kino betrachtet, konsequent fort - wenngleich hier natürlich kein ehemaliger Killer im Greisenalter die Taten begangen haben wird. Und hier hat Gomez-Rejon reichlich (& auch reichlich genutzte) Gelegenheiten, sich bei der "Scream"-Reihe (1996-2011) und insbesondere bei "Scre4m" (2011) - der nicht nur mit der fiktiven "Stab"-Reihe die Film-im-Film-Thematik bedient, sondern als Reboot der eigenen Reihe auch noch eine Reinszenierung der Taten von früher darbietet und reflektiert - zu bedienen... und eine Reinszenierung der Taten von früher bzw. der Taten aus einem Spielfilm-Vorbild gibt es schließlich auch hier: der Phantom-Killer macht sich auch hier zur Halbzeit an einen sadistischen Trompeten-Mord (an einem schwulen Paar), während die entsprechende Szene aus dem Originalfilm bereits zu Beginn im Autokino zu sehen war, und hetzt auch hier ein weibliches Opfer nachts durchs Maisfeld. Und auch die Struktur der Handlung ähnelt dem Vorbild erheblich, reiht grausige Mordnummern mit knapp oder gar nicht eingeführten Opfern zwischen die ziemlich ähnlich ablaufende Polizeiarbeit, führt dann aber mit dem überlebenden Opfer Jami zugleich eine Hauptfigur ein, die als Identifikationsfigur zwischen Ermittlerin und potentiellem Opfer pendelt. Dem Spannungsbogen tut das sehr gut und der etwas pietätlose Charakter des Originalfilms wird hier zugleich durch die deutliche Fiktionalisierung und die Thematisierung des Einflusses realer Gewalt auf Leinwand-Gewalt und von Leinwand-Gewalt auf reale Gewalt weitestgehend getilgt.
Und den Höhepunkt im Hinblick auf das Spiel mit Film und Wirklichkeit erreicht "The Town That Dreaded Sundown" zweifelsohne dann, wenn Jami den Sohn von Charles B. Pierce interviewt, welcher unter anderem vom Leben und Tod des Vaters spricht und dabei von einem Schauspieler (Denis O'Hare) gespielt wird, während der echte Charles B. Pierce jr. - der auf der IMDb bislang mit seinem Vater verwechselt worden ist - in einer Diner-Szene zu sehen ist.
Ist dieses Sequel/Remake im Vergleich mit seinem Vorbild sicherlich überaus originell, so ist doch eine teilweise womöglich etwas überstrapazierte Nähe zu Finchers true crime-Drama und vor allem zur "Scream"-Tetralogie kaum zu übersehen: Die in "Scre4m" gestellte Frage, wie 'meta' man eigentlich sein kann, wurde hier sicherlich nicht beantwortet, aber die Messlatte für Metaebenen im Mainstreamfilm wurde nochmals ein ganzes Stückchen höher gehängt - das ist allerdings nicht übermäßig originell und schon gar nicht innovativ, sondern vor allem modisch... und gerade das Ende, an dem der vermeintliche Phantom-Killer sich [Achtung: Spoiler!] letztlich als zwei Personen entpuppt, von denen eine zudem das erste, totgelaubte Opfer ist, erinnert dann doch zu sehr an "Scream"-Schablonen. Aber lieber gut kopiert als schlecht selbst gemacht: und als gute Kopie von Kopien über Kopien ist "The Town That Dreaded Sundown" außerordentlich gelungen. Halb Meta-Slasher für Teenager, halb true crime-Drama für ein gereiftes Publikum und halb Remake, halb Sequel bietet "The Town That Dreaded Sundown" durchaus noch unverbrauchte Unterhaltung, ist aber im Rahmen postmoderner Horrorthriller auch keine neuartige Offenbarung am Genrehimmel.
Und damit passt dieser unter anderem von Jason Blum produzierte Film vollkommen in dessen bisheriges Programm, das mit "Paranormal Activity" (2007) & Sequels, mit "Insidious" (2010) & Sequels, mit "Sinister" (2012) & Sequel(s), mit "The Lords of Salem" (2012), "The Bay" (2012), "The Green Inferno" (2013), "The Purge" (2013) & Sequel(s) oder "Oujia" (2014) (& Sequel) immer sehr unentschlossen zwischen kleinen, eigenwilligen & ungewöhnlichen Genrebeiträgen einerseits und scheinbar endlosen Reproduktionen neuer Modeerscheinungen andererseits schwankt.
7/10 für Gomez-Rejons "The Town That Dreaded Sundown", mittelmäßige 5,5/10 für Pierces "The Town That Dreaded Sundown": Fortsetzungen und Remakes müssen nicht immer schwächer als ihre Vorgänger sein... (aber eine "Scream" plagiierende "The Town That Dreaded Sundown"-Reihe über Phantom-Killer in Texarkana muss jetzt trotzdem nicht kommen...)
1.) Frank Trebbin: Die Angst sitzt neben Dir. http://www.ofdb.de/view.php?page=trebbin_review&fid=24426&rid=501387
2.) Das Grauen wird im Verlauf des Films noch intensiver vermittelt werden, spätere Morde greifen dann sogar ganz explizit auf abgetrennte Köpfe, offene Brüche, (CGI-)Blutfontänen, tiefe Stich- & Schnittwunden usw. zurück.