Die in der OFDb überdurchschnittlich hohen Bewertungen für diese Tragikömodie überraschen denn doch ein wenig, weil aus einer ungemein spannenden Exposition (sie, junge 17, in schwarzem Gothic-Outfit rebellierend, trifft ihn, 49, den bierbäuchigen Spießer und Ladenbesitzer) im Endffekt nur ein Bruchteil des filmischen Potentials herausgeholt worden ist. Zwar versucht sich die erste abendfüllende Regiearbeit von Chritine Lahti an dem nicht eben unbescheidenen Anspruch, eine Studie über individuell unterschiedliche Sphären und Ausformungen von Einsamkeit abzuliefern, was angesichts der kraß unterschiedlichen Protagonisten Jennifer (Lee Sobieski) und Randolph (Albert Brooks) nach dem vielfach erprobten Prinzip "Gegensätze ziehen sich an" Wortwitz und Spannung verspricht und diese stellenweise auch bietet... Aber - und hier folgt die große Einschränkung - spätestens in der zweiten Filmhälfte nimmt das familientherapeutische Gutmenschentum derart überzogene Züge an, daß unter diesem Malus die Glaubwürdigkeit der Story und damit die Gesamtwirkung auf den Beobachter zu arg leiden haben. Nicht daß die Darstellerleistungen großartig zu bekritteln wären, denn diese liegen fast ausnahmslos im grünen Bereich (wobei John Goodman in einer schrillen Nebenrolle geradezu brilliert), sondern es sind neben einem Übermaß an Spökenkiekerei elementare Schwächen des Skriptes und der Regie, die eine rundum positive Bewertung verhindern.
Für die Besitzer der DVD sei die Empfehlung angefügt, unbedingt einmal die Tonspur mit dem englischen Original anzuwählen: insbesondere die in der deutschen Synchro fast unerträglich nölende Leelee Sobieski gewinnt durch diesen Tastaturentipp einiges an Gewicht.
Liebhabern von leicht schrägen, unverbindlichen Herz-Schmerz-Streifen bietet My First Mister vielleicht sogar wirklichen Kurzweil und Filmvergnügen; allerdings werden Probleme der Adoleszenz und Identitätsfindung bzw. kaputte Familienstrukturen gemeinhin ein wenig anders aufgearbeitet - jedenfalls außerhalb des Kinosaales oder des heimischen Filmtheaters.
Insgesamt gerade noch 6/10.