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Es gibt Lebensphasen, die erlebt man äußerst intensiv und gleichzeitig fast willenlos. Es ist, als ob man neben sich steht und beobachtet, wohin einen das Leben treibt.

Katrin (ungemein präsent: Karoline Eichhorn) durchleidet grad solch eine Phase. Ihr Chef und Geliebter hat ihr zu Beginn einer gemeinsamen Dienstreise eröffnet, dass seine Frau nun ein Kind erwarte und dieser Kurzurlaub der Abschied von ihrer Liebe sein werde. Wie grausam solch ein leichtfertig geplanter Abschied auf Raten ist, das bekommt er selbst bald zu spüren.

Er reist vorzeitig ab, sie bleibt zurück. Nicht willens zurückzugehen, unfähig voranzugehen. Sie kann über ihre Situation reflektieren, aber sie kann ihr nicht entfliehen. Am Abgrund. Dann begegnet sie dem viel jüngeren Malte (der gute Antonio Wannek, der an den jungen Til Schweiger erinnert)...

Es gibt Filme, die erlebt man. Man kann sie nicht einfach zur Kenntis nehmen. Entweder man lässt sich auf sie ein oder man verlässt das Kino sofort. Dominik Graf ist mit "Der Felsen" ein solcher Film gelungen. Ohne dass ihn ein Dogma dazu nötigen würde, setzt er auf eine neue Form.

Er rückt seinen Figuren mit der Digitalkamera auf die Pelle, was vor allem Karoline Eichhorn wunderbare Momente der Unwillkürlichkeit ermöglicht. Er flechtet bewegte und unbewegte Assoziationen und Momentaufnahmen ein.
Und gleichsam als Leim für diese Collage benutzt er eine Off-Sprecherin, die einem teilweise das Gefühl gibt, man befinde sich in einem Hörfilm für Blinde

Diese Off-Texte sind gegenüber dem Einsatz in „Amelie“ wesentlich ausgedehnt, was sie zu einem ungemein starken Mittel macht: Sie erhellen uns die Motivation der Figuren, die inneren und äußeren Zwänge, denen sie unterworfen sind. So etwas wird üblicherweise aus der Ich-Perspektive gemacht, aber hier erlaubt es die – noch dazu objektivere - Beobachtung mehrerer Personen und des Geschicks, das sie verbindet - oder trennt.

Doch alle diese formalen Spielereien hätten zu nichts als einem Reisevideo geführt, wenn Dominik Graf uns nicht gleichzeitig relevante Geschichten zu erzählen hätte.
Sie handeln von Macht und Ohnmacht in der Liebe, vom Erwecken und Verfolgen von Hoffnungen, von Prostitution, von Ausweglosigkeit.

Ein wahres Labyrinth, in dem sich seine Figuren verlieren und finden, um sich wieder zu verlieren. Sicher nicht zufällig ist das zentrale Thema der spärlichen Filmmusik Saties „Gnossienne No. 3“, eines jener Klavierstücke, die an die antike Sage vom Labyrinth des Minotaurus in Knossos angelehnt sein sollen. (Auch die dazugehörige Sage um Theseus, Ariadne und Dyonisos böte bei näherer Betrachtung sicher interessante Parallelen zum Film. Aber das würde hier zu weit führen).

Saties fast zusammenhanglos im Raum stehende Akkorde harmonieren wunderbar mit dem Innehalten von Katrin und Malte im Augenblick, mit ihrer verzweifelten Suche. Wer es schafft, sich von diesem anstrengenden Drama für zwei Stunden (und lange Zeit danach) gefangen nehmen zu lassen, kann viel über Menschen lernen. Das meiste ist eher trostlos und traurig.

Aber wie einen Silberstreif am Horizont schenkt uns Graf am Ende einen – im wahrsten Sinne des Wortes – Augenblick, der uns ahnen lässt, wie nach all dieser zerstörerischen Gefühlsgewalt doch noch etwas Positives werden kann – wenn Katrin ihre Lektion auf dem Felsen gelernt hat.

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