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Widerliche Menschen, die sich gegenseitig widerliche Dinge antun und angetan haben, kaum zu einer normalen Kommunikation in der Lage sind und von der Welt, in der sie leben, völlig assimiliert zu sein scheinen. So könnte man die Protagonisten in „Only God Forgives“ beschreiben. Wenn man sie denn überhaupt als echte Charaktere bezeichnen möchte, denn eigentlich sind sie genauso wie alles, was sie umgibt, Teil des stilistischen Konzepts, dem hier in radikaler Weise alles untergeordnet ist. Bevorzugt in Dunkelrot und Gelb ausgeleuchtete Räume und Flure, wie Schlafwandler umher schleichende Figuren, die kaum eine Miene verziehen, dazu eine bassbetonte Soundkulisse und – in der wahrscheinlich grausamsten Szene des Films - ein zerschnittenes, menschliches Auge. Ganz so frei von narrativen Zwängen wie der zitierte Klassiker des surrealen Films ist das hier besprochene Werk freilich nicht, doch die Bildersprache gibt auch hier eindeutig den inhaltlichen Ton an. Weit mehr als das gesprochene Wort, von dem in den rund 90 Minuten Laufzeit ohnehin wenig Gebrauch gemacht wird.

Erzählerisch geht es vornehmlich um anachronistisches und damit der Lächerlichkeit preisgegebenes Männlichkeitsgebahren, um emotionale Kälte und Abgestumpftheit, gleichzeitig aber auch um Schuld, Sühne und bedingungslosen Familienzusammenhalt. Letzterer ist bei der hier dargestellten Gaunersippe allerdings von Anfang an nie mehr als eine bloße Fassade, hinter der man eine Vergangenheit erahnen kann, die von körperlicher und psychischer Gewalt durch die Eltern, insbesondere der Mutter, geprägt ist. Die Auswirkungen der Übergriffe, die offenbar regelmäßig auch sexueller Natur waren, sind bei den beiden Söhnen unmissverständlich erkennbar: Aus dem Erstgeborenen Billy ist ein brutaler Schläger und Vergewaltiger geworden, der sich bevorzugt an Minderjährigen vergeht. Julian dagegen, von Ryan Gosling einmal in seiner neuerlichen Paraderolle als wortkarger Psychopath dargestellt, ist nicht in der Lage, eine Frau überhaupt nur anzufassen, lässt seine Gespielin stattdessen vor seinen Augen masturbieren und flüchtet sich gleichzeitig in bizarre Fantasiegebilde. Als Billy eines Tages eine junge Prostituierte ermordet und daraufhin von dessen Vater in blinder Wut zu Tode geprügelt wird, soll der verunsicherte Julian auf Geheiß seiner Erzeugerin den großen Bruder rächen, während gleichzeitig irgendwo in der Stadt der Racheengel in Gestalt eines Polizisten seine Kreise zieht. Eine personifizierte Heimsuchung, die auf ihre eigene Weise Gerechtigkeit übt – und dabei noch skrupelloser vorgeht als die zu Bestrafenden. Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Inhaltlich hat „Only God Forgives“ letztlich nicht mehr zu bieten als dieses von Phallussymbolen und surrealer Ästhetik durchtränkte Todesballett. Die eigentliche Essenz des Films ist fast ausschließlich auf seiner stilistischen Ebene zu finden; ein extremes Verkünsteln, durch das sich das Geschehen, obwohl eindeutig in der thailändischen Metropole Bangkok angesiedelt, kaum noch im uns bekannten Diesseits verorten lässt, sondern sich vielmehr in einer (Alb-)Traumwelt abspielt, die deutlich von den Visionen eines David Lynch inspiriert ist: Wenn einmal mehr jemand langsam durch dunkle Gänge auf geheimnisvolle Türen zuschlurft wartet man bisweilen nur darauf, dass hinter der nächsten Ecke ein tanzender Kleinwüchsiger seine Schritte übt, jemand etwas von falschen Eulen erzählt oder eine Frau leise "Silentio" flüstert.

Erklärungen oder moralische Wertungen sucht man hier vergebens, ebenso Figuren, die uns wenigstens für einen Moment an einem Innenleben teilhaben lassen, das über blanken Hass und gestörte Sexualität hinausgeht. Aber nichts dergleichen geschieht. Einfach, weil diese Figuren zu tieferen Emotionen überhaupt nicht mehr in der Lage sind oder es womöglich nie waren. Refn lässt uns mit diesen gewissen- und verantwortungslos handelnden Menschen allein, verzichtet auf einen moralischen Haltepunkt, der dem Zuschauer den Umgang mit der allgegenwärtigen Grausamkeit erleichtern könnte. Erleichterung, wenn auch nur in Form von grimmigem Sarkasmus, das verspürt man erst am Ende, wenn der stoische Gesetzeshüter, wie einige Male zuvor, eine schnulzige Karaokenummer zum Besten gibt. Ein Ritual, das für ihn ebenso selbstverständlich ist wie das vorausgegangene Richten über die sogenannten bösen Menschen.

Gegen jede Erwartungshaltung gebürstet liefert Refn hier ein cineastisches Wagnis ab, das durch seine so abstoßende wie elegante Bildersprache ein Faszinosum ausstrahlt, mit dem der vergleichsweise spärliche Inhalt aber nur schwer mithalten kann. Und obwohl der Regisseur seine Darstellungen nicht, wie in einigen exzentrischen Werken von Lars von Trier oder Gaspar Noé zu bewundern, in puren Exzess abgleiten lässt, darf man sich schon die Frage stellen, ob er es diesmal mit der extremen Stilisierung und der damit einhergehenden Irritation seines Publikums nicht ein wenig übertrieben hat.

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