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Bangkok. Zwei Brüder, Julian und Billy. Sie betreiben einen Boxclub. Doch der ist nur Tarnung für profitable Drogengeschäfte. Deren Spiritus Rector ist die Mutter der beiden Brüder. Billy hat eine Vorliebe für minderjährige Mädchen. Er tötet eine 16-jährige Prostituierte, wird allerdings von der Polizei schnell in Gewahrsam genommen. Der Polizeichef Chang erlaubt dem Vater des Mädchens, Rache zu üben. Er bringt Billy um. Die Mutter wird informiert. Sie kommt nach Bangkok, um den Leichnam zu identifizieren. Sehr enttäuscht ist sie von dem apathischen Julian, der bisher nichts getan hat, um die Bluttat zu rächen. Julian zeigt auch ein gewisses Unverständnis für seinen Bruder. Die Mutter ist hierüber entsetzt. "Er wird schon seine Gründe gehabt haben" schmettert sie dem labilen Julian entgegen.

Dies ist die Ausgangslage für eine geradezu antike Tragödie, für ein Drama voller Schuld und Sühne, Mord und Vergeltung. Kristin Scott Thomas spielt einen fantastischen Part als hochgeschminkte, blondierte eiskalte Hexe. Erotik und bösartigster Zynismus vereinigen sich in ihrer Person. Julian wirkt dagegen wie ein hilfloser Spielball der Geschehnisse. Getrieben von Schuldgefühlen für den Mord an seinem Vater betrachtet er mehrmals seine Hände als wären sie Fremdkörper. Ryan Gosling wurde von manchen Kritikern vorgeworfen, er könne keine Gefühlsregungen auf die Leinwand transportieren. Das ist natürlich grober Unfug. Welche sollte er auch zeigen, wenn seine Figur gerade dazu nicht in der Lage ist.

Der Film offenbart in seiner Inszenierung jederzeit großen Stilwillen, ist grandios ausgeleuchtet, die Musik ist angenehm zurückhaltend und unterschwellig hypnotisch zugleich. Oft stehen die Akteure wie auf einer Theaterbühne auf den Sets, regungslos, reden - bei oberflächlicher Betrachtung - gestelzte/prätentiöse Sätze. Dabei ist es gerade das, was den besonderen Reiz dieses Films ausmacht. Dazu kommt eine kaum mehr steigerbare Langsamkeit. War schon Refns Vorgänger DRIVE fast eine Antithese zu den Vorbildern wie z.B. Walter Hills furiosen THE DRIVER von 1978, so reduziert der Regisseur hier das Tempo schier bis zum Stillstand, erzeugt aber nicht zuletzt dadurch eine unglaubliche Spannung. Ja, der Film ist zäh, man glaubt tatsächlich, deutlich mehr als 89 Minuten gesehen zu haben.

ONLY GOD FORGIVES verweigert sich auch fast jeglicher narrativen Struktur, serviert uns stattdessen vor Spannung knisternde Tableaus. Und das ist auch gut so, denn Kino kann viel mehr als - ganz banal und mainstreamlike - Geschichten erzählen. Wie schon im Wikinger-Drama WALHALLA RISING macht Refn sein Ding, erzeugt eine eigene Welt. Großes, trauriges Kino.

Schrammt nur haarscharf an der Höchstwertung vorbei.

9/10.

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