Review

“I can feel the devil walking next to me“

Diese Textzeile aus einem wohlbekannten Lied kennt wohl jedes Kind der 80er Jahre und ist doch gleichzeitig so bezeichnend für den neuesten Streich des dänischen Regisseurs Nicolas Winding Refn. Nach dem Riesenerfolg „Drive“ folgt mit „Only God Forgives“ ein Film, den man nur lieben oder hassen kann. So mancher stempelte OGF als „inhaltsleer“ oder „sinnloses Kunstwerk“ ab. Kinozuschauer verließen enttäuscht das Kino, wiederum andere haben sich nicht mal die Mühe gegeben, den Film zu verinnerlichen. Ein „Drive 2“ sollte man sich sofort aus der Rübe streichen, OGF spielt in einer gänzlich anderen und vor allem tiefsinnigeren Liga.

Zwei Brüder leiten einen Boxclub mitten in der Hölle Thailands, welchen sie für den stillen Drogenhandel benutzen. Eines Abends tickt der ältere Bruder Billy völlig aus. Auf der Suche nach billigen Sex mit einer 14-jährigen, bringt Billy ein junges Mädchen um. Der Polizist Chang regelt diesen Vorfall auf seine eigene Weise. Als dann auch noch die Mutter des toten Billy nach Bangkok fliegt, Rache schwört und ihren jüngeren Sohn Julian in die Pflicht nimmt, zieht sich eine blutige Spur durch die Straßen Bangkoks.

Auf dem Papier also eine reine Vergeltungs-Chose – nur auf dem Papier. Der Film steckt bei genauer Betrachtung voller Rituale, Gewalt, Zeichen und faszinierenden Bildern. Viele Details werden erst beim zweiten, dritten oder gar vierten Schauen bewusst. Ich möchte den Film jetzt nicht in seiner Rollendeutung und Metaphern kleinkauen, aber besonders bemerkenswert ist die Figur des Thai-Cops Chang, der mich ganz in seinen Bann zog.

Ich kann Karate Karaoke!

Vithaya Pansringarm spielt den unorthodoxen Cop Chang, der nach getaner Arbeit die grausigen Bilder des Alltags mit dem Singen in einer Karaokebar verdrängt bzw. besingt. Refn lässt Chang nach jedem furchtbaren und ebenso gewalttätigen Intermezzo auf der Bühne trällern. Allein die Präsenz des stoisch-ruhigen Charakters ist überwältigend. Aber eben diese Wirkung erzielt auch Ryan Gosling, der mit Schmuddelbart noch cooler aussieht als in „Drive“. Gosling spielt einen emotional-kaputten Typen (den jüngeren der Brüder namens Julian), der ohne Zweifel, neben Chang, der interessanteste Charakter des Films darstellt. Während die Beziehung zu seinem Bruder Billy im Film lediglich erzählend wiedergegeben wird, ist die Beziehung zu seiner Mutter etwas deutlicher und symbolisiert seine permanent-depressive Stimmung. Kristin Scott Thomas spielt die rachsüchtige Mutter Crystal, auf die das Schimpfwort „Bi*ch“ basieren könnte. Ironischerweise wird diese Rolle von dem personifizierten letzten Einhorn synchronisiert (Traudel Haas).

Eine Sympathiefigur in OGF sucht man vergeblich. Kein Darsteller und nicht einmal Regisseur Winding Refn nimmt den Zuschauer an die Hand. Viele Szenen wirken beim ersten Sehen sinnlos oder übertrieben brutal. Nur passt die Mischung zwischen Angst, Unbehaglichkeit und plötzlichem Gewaltausbruch weitaus besser als in „Drive“. OGF ist leiser, dreckiger und nicht so massenkompatibel wie „Drive“. Der Zuschauer soll sich hier auf keine Seite schlagen oder Gosling die Daumen drücken – er soll sich einfach in diesen Strudel mitreißen lassen und die Bilder genussvoll aufsaugen. Das erfordert aber auch die richtige Stimmung und das volle Einlassen auf 90 Minuten, die von Meditationsphasen bis zur hetzerischen Verfolgungsjagd variieren können.

Jede Kameraeinstellung könnte ein Gemälde sein und dementsprechend lange, hält die Kamera auch drauf!

Wie Julian entspannt auf der Couch liegt, Chang wie er starr sein Schwert in der Hand hält und keine Miene verzieht oder die berüchtigte Kampfszene der beiden sind nur einige Ausschnitte aus „Only God Forgives“, die sich dauerhaft bildlich ins Gedächtnis brennen. Die Kameraführung ist ruhig, durchdacht und fängt eine berauschende, gar surreale Atmosphäre ein. Der Zuschauer wird permanent in den Bann dieser Bilder gezogen – auf einen anrüchigen Strip kann ohne Vorwarnung ein grausamer Gewaltakt folgen. Diese unsichere und zugleich faszinierende Atmosphäre wird von den Charakteren und den grandiosen Schauspielern, die sie verkörpern, veredelt. Die Dialoge sind spärlich und wohl überlegt eingesetzt. Daher hängt man quasi an den Lippen der Schauspieler und hört ganz genau zu. Hierbei sei kurz angerissen, dass die Kinofassung mit nicht synchronisierten thailändischen Dialogen und deutschen Untertiteln die bessere Wahl darstellt, als die komplette deutsche Fassung.

Die Krönung ist der fantastische Soundtrack von Cliff Martinez. Der Score ist weitaus unauffälliger und harmonischer als in „Drive“. Darüber hinaus darf im Soundtrack auch unser Karaoke-Racheengel Chang zum Mikro greifen (Titel 6). Besonders das melancholische Stück „Tur Kue Kwam Fun“, welches den perfekten Schlusspunkt in OGF unterstreicht, ist traumhaft schön und lässt den Zuschauer überwältigt in den Sessel sinken. Selbst beim wiederholten Ansehen bin ich immer wieder von den Socken.

Am Ende widmet Regisseur Nicolas Winding Refn den Film einen ganz besonderen Kollegen, welcher eine sehr ähnliche Art von Film in der Vergangenheit gedreht hat. In meinen Augen, und das mag sich verrückt anhören, ist OGF mit weitaus mehr Substanz und Inhalt ausgestattet, als es der kritische Großteil für möglich hält. „Only God Forgives“ vereint künstlerisch-surreale Bilder mit einer ausufernden Rachestory, die mit dem Filmtitel für schöne Diskussions- und Interpretationsrunden sorgen kann. So scheinen viele Zuschauer eine andere Sicht auf die Geschichte und deren Charaktere zu haben – und seien wir doch mal ehrlich, dass macht das Medium Film doch so spannend und faszinierend.

In zu vielen Streifen der heutigen Zeit werden die ewig gleichen Mechanismen abgespult. Das Mainstreampublikum bekommt die ewig gleichen Materialschlachten zu sehen und Effekte sowie Product-Placement nehmen einen wichtigeren Platz ein, als Story oder Charaktere. „Only God Forgives“ ist ein dankbares Kontrastprogramm für den Liebhaber des surreal-experimentellen Films. Kein Streifen für Popcorn oder Saufgelage – sondern ein Film den man allein im stillen Kämmerlein an einem dunklen Tage / noch besser in einer dunklen Nacht ansehen kann und sich dabei ungestört und kommentarlos in diesen Film „reinsaugen“ lassen sollte.

Winding Refn setzt nach dem erfolgreichen Hollywooddebüt „Drive“ mit diesem besonderen Schmankerl ein wichtiges Zeichen. Er dreht keine Filme für die grölende und verwöhnte Kinomehrheit. Wohl auch ein Grund, warum ihm der Film einen Shitstorm par excellence bescherte – die Drive-Fanboys waren angefressen und machten Refn ordentlich die Hölle heiß. Sogar auf dem Cannes Festival kassierte der Film abfällige Schelte. Ich hoffe das dieser Mann in den kommenden Jahren aus einem ähnlichen Budget (für OGF knapp 5 Mio. $) einen ähnlich beklemmenden und wunderschönen Film macht.

Fazit: „Only God Forgives“ von Nicolas Winding Refn ist ein hypnotischer und zugleich wunderschöner Alptraum aus Blut, Karaoke und Neonlicht. Die Schauspieler bieten eine denkwürdige Leistung, allen voran Vithaya Pansringarm als Cop Chang. Der Soundtrack ist harmonisch bis bedrohlich und unterstreicht die jeweilige Situation in OGF auf wunderbarer Weise. Die ruhige Kameraführung, sowie der überlegte Einsatz von Dialogen, macht diesen Film zu einem surrealen und zugleich überwältigenden Vergnügen, welches die Zuschauerschaft spaltet und auch in Zukunft spalten wird. Wer sich jedoch 90 Minuten Zeit nimmt und komplett in diesem Film eintaucht, kann belohnt werden. Ich persönlich habe 3 Wochen mit einem Review gewartet und mir den Film inzwischen 4 mal angesehen und ich entdecke immer neue Facetten und Blickwinkel in diesem besonderen Streifen.

„Only God Forgives“ ist ein meisterhafter Film, der packt und nicht mehr loslässt. Egal was man von diesem Werk auch halten mag, wir haben es hier mit dem vielleicht faszinierendsten Film seit langem zu tun.

“Not much between despair and ecstasy“

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