"Drive" wurde schon durchwachsen aufgenommen, ist für mich aber eines der künstlerischen Meisterwerke seit der Jahrtausendwende. "Only God Forgives" folgte auf diese perfekte 10 & man spürt hier förmlich den Trotz, den Regie-Supertalent & Querdenker Nicolas Winding Refn nun auch dem Teil der Bevölkerung entgegen schleudern will, der "Drive" zu einem kommerziellen Erfolg werden ließ. Der Film ist sowas von gegen den Strich, gegen den Massengeschmack, extrem artistisch & eindringlich. Eine einzige große Metapher voller kleiner Symbole & wiederum Metaphern. Ohne wirkliche Story, Dialoge oder Charakterzeichnung, stur wie sein Regisseur & ein eigenfinanziertes Mammutprojekt, was vielleicht über die Jahrzehnte, vielleicht aber auch nie vollständig geschätzt werden wird, am ehesten noch visuell. Gegen diese teuflische Ballade über Ehre, Schuld & Buße, wirkt manch kryptischer Kubrick-Film wie "2001" simpel, leicht & nahezu gerade heraus.
Die, noch nett gesagt, seicht & nebensächlich erscheinende Geschichte, handelt von einem Boxclubbesitzer/Drogenhändler in Thailand, dessen Bruder ausrastet, ein Mädchen missbraucht & tötet. Daraufhin wird ein Strudel aus Rache, Bosheit & Gerechtigkeit entfacht, in dem kein Arm am Korpus bleibt & keine Sünde aus der Vergangenheit so leicht abgewaschen werden kann. Menschen sind hier Symbole, stehen für Größeres, Schwereres, Wichtigeres. Gott, Teufel, Engel, Dämonen, Menschen. Die Bilder sind überwältigend & gehören zum Schönsten, was ich je an Kunst gesehen habe. Allein die Ausleuchtung & Farbgestaltung macht mich sprachlos. Auch der wummernde, unterschwellige Sound hinterlässt Eindruck & unterlegt das traumgleiche, einzigartige Filmerlebnis perfekt. Visuell eine Wucht & schon allein dadurch vergehen die 90 Minuten zügig. Wer das Alles allerdings gar nicht auf sich wirken lässt oder den Zugang einfach nicht findet - ihr seid nicht allein, mir ging es im Kino nicht anders. Für all die, können das zunächst die anstrengendsten & zähsten 90 Minuten werden.
Ich kann aber nur heftig betonen, dass die zuerst wirr erscheinende & fast schon aufreizend, einen auf tiefsinnig machende Rachecollage, mit jedem Betrachten, Durchleuchten, Versinken, bei mir im Ansehen stieg. Die Faszination wich nicht Langeweile, wie bei anderen Filmen, sondern stieg mit jeder Sichtung. Mehr zu entdecken & zum (alb)träumen, gibt es kaum sonst, heutzutage erst recht nicht. Vielleicht wirklich nur damals von Kubrick bis Argento. Wer sich also nach & nach mit "Under The Skin", "Enemy", "Drive" oder "Sicario" anfreunden konnte, findet hier vielleicht eine neue Rätselherausforderung. Egal ob es die teuflische Mutter, der mehr als schweigsame Gosling oder der unantastbare Polizistengott ist, egal ob es grausam-brutale Folterungen oder seltsam-hypnotische Karaokebeiträge sind - es passiert scheinbar nichts, und doch alles. Der Film geht immer alles oder nichts, ist ein Arthouse-Draufgänger, kein Blindgänger. Brutale Eruptionen, poetische Erektionen & philosophische Induktionen.
Fazit: noch schöner als "Drive" & ein audiovisueller Orgasmus, der in Kubricks Fußstapfen tritt. Die "Story" lebt aber von der Leidens- & Interpretationsfähigkeit des Publikums. Weniger normal & Mainstream geht wohl kaum. Für mich mittlerweile fast eine Offenbarung, aber manchmal noch immer zäh wie ein Luxus-Oktopuss.