Review

„Voll die Klemmschwester!“

Der tunesischstämmige Regisseur Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) adaptierte für sein in französisch-belgisch-spanischer Koproduktion entstandenes und im Jahre 2013 veröffentlichtes Liebes-/Coming-of-Age-Drama „Blau ist eine warme Farbe“ die gleichnamige Graphic Novel Julie Marohs.

Die eher schüchterne und zurückhaltende Teenagerin und Schülerin Adèle (Adèle Exarchopoulos, „Die Kinder von Paris“) verliebt sich in die wenige Jahre ältere, blauhaarige und offenherzige Kunststudentin Emma (Léa Seydoux, „Winterdieb“) und geht mit ihr eine leidenschaftliche lesbische Liebesbeziehung ein, die Adèle gegenüber ihren Eltern geheim hält und zum Zerwürfnis mit Freundinnen und Freunden führt. Man zieht zusammen und Adèle beginnt eine Ausbildung zur Grundschullehrerin. Doch die Beziehung scheitert am fehlenden Anschluss Adèles an Emmas kunstbelesenen Freundeskreis, an Emmas zunehmender Zusammenarbeit mit ihrer Ex-Freundin Lise (Mona Walravens, „Plötzlich Papa“) und am Gefühl der Ausgeschlossenheit und Einsamkeit, das Adèle zunehmend plagt. Es kommt zur Trennung, nachdem Emma Adèle bei deren Affäre mit einem Arbeitskollegen erwischt. Adèle versucht, die Trennung zu verarbeiten…

Kechiche ging mit dem Anspruch an seine Verfilmung heran, verstärkt auf Realismus zu setzen, um ein authentisches Bild der Figuren und ihrer Handlungen und Entwicklungen zu vermitteln. Dies findet zunächst einmal in der Verwendung ungekünstelter Jugendsprache und vulgärer Dialoge Ausdruck und erschließt sich dem Publikum bald durch die Natürlichkeit, die insbesondere die beiden Hauptdarstellerinnen an den Tag liegen. Dadurch werden auch „leise“ und weniger sichtbare Emotionen wahrnehm- und nachempfindbar, was einer der großen Pluspunkte dieses Films ist. Im Zentrum steht die verdammt süße Adèle, eine pausbäckige Brünette südländischen Typs, die zu Beginn des Films gerade ihre Sexualität entdeckt. Nachdem sie mit ihrem Freund schlussgemacht hat, knutscht sie mit ihrer besten Freundin. Sie erhofft sich mehr, aber für ihre Freundin war’s nur ein spontaner Spaß.

Doch dann wird Emma zur zentralen Figuren im Leben dieser zentralen Figur, das dadurch auf den Kopf gestellt wird. Wir beobachten die Annäherung beider aneinander, die tiefen Gefühle, die sie füreinander entwickeln, und die Liebe und Lust, der sie sich schließlich hingeben. Letztere gipfelt in mehreren ausgiebigen, recht expliziten gleichgeschlechtlichen Sexszenen, die pornös und ästhetisch zugleich, in jedem Falle hocherotisch ausgefallen sind. Doch natürlich ist nicht alles eitel Sonnenschein: Aufwühlende Szenen machen Homophobie ob ihrer realistischen Inszenierung richtiggehend erfahrbar, Adèles Beziehung entfremdet sie von Freund(inn)en und Familie. Und schließlich entfremden sich auch Emma und Adèle voneinander, tief empfundenes Unglück ist die Folge, von Kechiche gleichberechtigt den vorausgegangene positiven Liebeserfahrungen gegenübergestellt.

Dieser zweite Teil wurde von Kechiche absichtlich nicht vom ersten getrennt, sodass es „Blau ist eine warme Farbe“ auf eine Gesamtlaufzeit von fast drei Stunden bringt. Sicherlich, beides gehört zusammen, bedingt gewissermaßen einander. Eine strikte Trennung in zwei eigenständige Filme hätte jedoch auch verdeutlicht, dass der zweite Abschnitt gegenüber dem ersten abfällt: Logisch, wer sieht nicht lieber einem glücklich verliebten Paar u.a. beim Sex zu, als Beziehungskrach, Trennungsstress und Trauer beizuwohnen? Nichtsdestotrotz gelingt es Kechiche auch hier, Emotionen authentisch anmutend zu transportieren. Er beendet seinen Film offen, ohne jegliche Pointe – eben ganz so, wie das wahre Leben meist spielt.

Unter Kechiches Regie legt auch die Kamera jegliche Distanz ab und ergeht sich in zahlreichen Nahaufnahmen auf Adèle – und, wenn Adèle Emma anschaut, auf Emma. Auch außerhalb der Sexszenen ergeben sich dadurch intime Momente und feine, subtile Erotik, an denen man das Publikum teilhaben lässt. Die Folge sind über weite Strecken ausgeblendete Umwelt und Nebenfiguren, ganz so, wie es Frischverliebte eben tun, ohne es dabei böse zu meinen: es ist Ausdruck der Fixierung aufeinander. Angereichert werden die Bilder mit Dialogen, die um Literatur und bildende Kunst kreisen, was inspirierend, aber auch selbstverliebt wirken kann, in der Regel wohl schlicht schöngeistig. Stilistisch ist Kechiche vieles gut gelungen, wenngleich die zweite Hälfte gegenüber der erfrischenden ersten recht spröde wirkt. Leider versagte entweder der Schnitt oder aber Kechiche verwechselte Naturalismus mit betonter Langatmigkeit. Vom Auswalzen beinahe jeder Szene auf doppelte Länge profitieren lediglich die Sexszenen.

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