Ich las einige der deutschsprachigen in- und externen Reviews und war erstaunt, dass ich auf eine Deutung nicht stieß, obwohl sie eigentlich das Thema des Films sein dürfte: Die unterhaltsame Konfrontation von Menschen mit nichtmenschlichen Wesen, die sich menschenähnlich betragen, die sich als Menschen verkleidet haben.Bei Borgman, sowie seinen Spießgesellen Pascal und Ludwig, vielleicht auch den sie asexuell begleitenden Frauen Ilonka und Brenda handelt es sich nicht um menschliche Wesen, sondern um Aliens, oder wie auf IMDB.com vermutet wird, um „Dämonen" oder „Gottheiten".
IMDB, FAQ: „[...] there are several hints [...] that they are demons. At the start they are hunted by a priest, Borgman makes a negative comment about Jesus Christ when telling a story to the children and Borgman shows the ability to seduce people and influence peoples' dreams."
Deutsch: „[...] es gibt diverse Hinweise, dass sie Dämonen sind. Anfangs werden sie von einem Priester gejagt, Borgman äußert sich in einer Gutenachtgeschichte für die Kinder negativ über Jesus Christus und Borgman ist fähig, Menschen zu verführen und Träume zu beeinflussen."NB: Natürlich muss man kein Dämon sein, um von der Kirche verfolgt zu werden, sich über Jesus lustig zu machen, oder Menschen zu verführen...
Der IMDB-User friendlyboy312 sieht es auch etwas anders: „Borgman and his crew aren't real human beings, they are the personification of an impersonal God, God as total force of nature. They are portrayed as forest spirits, and their hypnotic sway over living things is only an illusion caused by their being personifications of natural law. The family of man, in their angular house, is affected by the destructive forces of nature inherently, being of it themselves. In an attempt to blockade these harsh realities from each other, they end up wiped away, fortress and all, fertilizer for some kind of new seed, growing closer to natural law. "Deutsch: „Borgman und seine Leute sind keine echten Menschen, sie sind Verkörperungen einer unpersönlichen Gottheit, Gott in Form der völligen Macht der Natur. Sie werden als Waldgeister gezeigt und ihr hypnotischer Einfluss auf Lebewesen ist nur eine Illusion, verursacht, weil sie die Naturgesetze verkörpern. Die Menschheit [family of man], in ihrem rechteckigen Haus, ist von Natur aus von den zerstörerischen Kräften der Natur betroffen, ist sie doch Teil der Natur. Bei dem Versuch, diese unangenehme Wirklichkeit auszuschließen, werden sie letztlich hinweggefegt, samt Festung und allem werden sie zu Dünger für eine Art neue Saat, wobei sie näher an den Naturgesetzen gedeihen werden."
Nur die ganz jungen Menschen erhalten noch eine Chance, an der Seite der Götter fortzuleben.Und dass die älteren Menschen, wie in Pflanztöpfen, schwebend wie Wasserpflanzen, im See entsorgt werden und als Fischfutter dienen, stützt natürlich auch die Theorie der Naturgötter - Ilonka springt danach übrigens zu einem erfrischenden Bad in eben diesen See.
Ich selbst tendierte beim Sehen spontan zur „Alien"-Deutung. Denn ich hatte kurz zuvor „Under the Skin" (2013) gesehen (sowie die Romanvorlage „Die Weltenwanderin" gelesen), in dem Scarlett Johansson ein Alien spielt, das durch „gutes Zureden" Männer dazu bringt, ihr in ein Haus zu folgen, wo sich die Männer in einer Art „Ursuppe" verflüssigen, höchstwahrscheinlich ausgesaugt werden. Auch das Alien Sil in „Species" bedient sich großzügig bei menschlichen Wirten, auch die „Körperfresser" und der Formwandler in „Das Ding aus einer anderen Welt" übernehmen Menschen (was auch bei irdischen Dämonen schon lange Sitte ist).Auch schon die den Film „Borgman" einleitende Texttafel auf schwarzem Grund: „- und sie fielen auf die erde um ihre reihen zu verstärken -" kündet von außerirdischen Invasoren. Dass diese im Untergrund verborgen leben (wortwörtlich und übertragen!), passt dazu, genau so wie die erste Einstellung nach der Texttafel: ein in Großaufnahme bellender Schäferhund. Hunde pflegen stets die unmenschlichen Invasoren zu verbellen (siehe H.P. Lovecrafts „Flüsterer im Dunkeln", ein weiterer Alptraumstoff um nicht irdische Wesen, die mehr schlecht als recht menschliche Körper übernehmen).
Borgman und seine Leute betreiben genau, was die Texttafel beschreibt: sie gliedern die drei Kinder und das jugendliche Kindermädchen in ihre „Reihen" ein, nachdem sie hinderliche Kontaktpersonen (Eltern, Freund, Gärtner, Arzt) eliminierten. Dazu gehört, dass ihre Opfer oft genug wie hypnotisiert erscheinen oder handeln (wenn Borgman den Kindern Geschichten erzählt, oder sich von der Ehefrau beherbergen lässt). Am deutlichsten, wenn eines der Kinder einem um Hilfe flehenden schwerverletzten Arbeitssuchenden (Opfer der Borgman-Gruppe) mit einem Stein den Gnadenstoß gibt (außer wir bevorzugen die Folgerung, dass das Kind so ein Verhalten in seinem bürgerlich-kapitalistischen Milieu gelernt hat - Euthanasie für schwaches Leben - was auch nicht unwahrscheinlich ist).Nachts kniet der nackte Borgman wie ein Nachtmahr (vgl. die Darstellungen des Malers Johann Heinrich Füssli, z.B. auf Wikipedia, dort auch unter „Albtraum") über der schlafenden Frau und impft ihr mit Albträumen Mißtrauen gegen den Ehemann ein, bis sie schließlich will, dass Borgman ihn tötet. Natürlich fühlt sie sich zu Borgman sexuell angezogen - menschliches Leben im bürgerlichen Kontext bedeutet wohl automatisch sexuelle Frustration. Ähnlich wie sich das Kindermädchen gleich von Pascal angezogen fühlt.
Dass sich die Aliens unangemessen kleiden, ihre Gartenarbeit in Sakko und Schlips verrichten, verrät ihre Unangepasstheit an menschliche Sitten. Auch die Invasion des Hauses und die brachiale Umgestaltung des Gartens entsprechen nicht den menschlichen Sitten. All das gelingt ihnen nur, ohne auf Widerspruch zu stoßen, auf Grund ihrer hypnotischen Fähigkeiten. Natürlich gehen die Aliens auch wissenschaftlich vor, eine alte Angewohnheit von UFO-Besatzungen: Sie schneiden ihre Neumitglieder am Rücken auf (Zweck unklar - doch auch Borgman wurde dergestalt bearbeitet - all das erinnert an Heinleins „Puppet Masters") und verabreichen ihnen orange-schimmernde Tränke.Borgman und seine zwei Männer scheinen selbst Formwandler zu sein. Immer wieder tauchen Windhunde auf, die sich als andere Erscheinungen der drei deuten lassen.
Ob sie Gottheiten sind, die aus der Erde stammen und am Schluss wieder in den Wald gehen, (Forschungs-) Reisende von fremden Welten, Widerstandskämpfer gegen fies-kapitalistische Vorortbewohner, oder Dämonen, die die Menschen von Gott wegführen: das möchte ich nicht entscheiden. Aber („normale") Menschen sind sie nicht (mehr). Der Film studiert wohl nur den Zusammenprall der beiden Kulturen, aber aus unserer „menschlichen" Sicht, die nicht verstehen KANN, so dass eine Aufklärung schwer fällt.