Das Ende von „Kick-Ass“ schrie mehr oder weniger nach einer Fortsetzung, Comicautor Mark Miller zeichnete eine und drei Jahre nach dem Erstling steht nun das Sequel an.
Dave Lizewski (Aaron Taylor-Johnson) alias Kick-Ass hat das Helden-Dasein drangegeben, Mindy Macready (Chloë Grace Moretz) alias Hit-Girl noch nicht. Immer noch schwingt sie sich in ihr Helden-Outfit, trainiert und jagt Kriminelle, während sie ihrem Ziehvater Marcus Williams (Morris Chestnut), einem Kollegen ihres getöteten Vaters, vorgaukelt, sie gehe noch zur Schule. Schließlich trainiert Dave bei ihr, doch bereits der erste Ausflug zeigt, dass auch „Kick-Ass 2“ gerne Klischees gegen den Strich bürstet: Nach einigen Wochen Training macht Dave zwar bessere Schnitte im Kampf gegen Dealer, bekommt aber am Ende dennoch die Hucke voll, ehe Hit-Girl ihn rettet.
Chris D’Amico (Christopher Mintz-Plasse), früher Red Mist, hingegen ist zur Untätigkeit verdammt: Die Mafiafamilie verbietet ihm Vergeltung, vor allem seine Mutter. Doch als er ihren Tod verschuldet, steigt er nicht zum mächtigsten Mitglied des Clans außerhalb des Knastes auf, ein in ihrem Nachlass gefundenes Fetisch-Outfit gibt ihm den Ansporn unter neuem Namen erneut eine Karriere als Superbösewicht zu starten: The Motherf%&*?^r. Oder auch The Motherfucker, für alle weniger Verschämten. Zur ironischen Brechung trägt Chris‘ rechte Hand Javier (John Leguizamo) bei, der diesen stets auf seine mangelnde political correctness, sein fehlendes Feingefühl und oft problematische Wortspiele hinweist.
Als Mindy bei Hit-Girl-Aktionen erwischt wird, redet Marcus ihr ins Gewissen und sie hängt das Kostüm an den Nagel. Dave will jedoch weitermachen und findet die Gruppe Justice Forever: Weitere selbsternannte Superhelden unter der Führung von Colonel Stars and Stripes (Jim Carrey). Diese bekommen es bald mit Chris‘ Truppe zu tun…
„Kick-Ass 2“ trifft den sehr speziellen Ton des Vorgängers trotz des Wechsels auf dem Regiestuhl überraschend gut, entwickelt er doch das Grundkonzept der alltäglichen Superhelden weiter. Die Konsequenzen der Popularität von Kick-Ass machte Schule, mehr Leute versuchten sich als Heroen und oft haben diese banale Probleme zu lösen, geben den Leuten aber ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Gleichzeitig droht Gefahr, denn viele sind wahren Gangstern nicht gewachsen und die Schaffung einer Superschurkentruppe erscheint noch dazu ein logischer Schritt. Gleichzeitig versuchen andere sich an den Erfolg anzuhängen, in dem sie beispielsweise Kick-Ass verprügeln und ein Video bei Youtube hochladen – die neuen Medien spielen auch hier eine zentrale Rolle in dieser reflexiven Comicadaption.
Auch den schrägen, mal bösen, mal auch etwas klamaukigen Humor des Vorgängers behält „Kick-Ass 2“ bei und kann mit einigen exquisiten Momenten aufwarten, wie etwa jener Szene, in der sich Mindy als normales Mädchen versucht und ein Boyband-Video vorgeführt bekommt: Zum einen treibt der Film diverse Boyband-Klischees herrlich auf die Spitze, gleichzeitig ist es wahnsinnig amüsant das sonst so toughe Girlie in dieser oder anderen Szenen im Kampf mit den eigenen Hormonen zu beobachten. Nur leider ist es dieser Handlungsstrang, der zur (nicht nur humoristischen) Totalausfallszene des Films in der Cafeteria führt: *SPOILER* Als Mindy mit den Zicken abrechnet, posaunt sie einfach so herum, dass ihr Vater ein Superheld war, gibt einem Mädchen Geld und merkt dabei an, dass dies von einem toten Drogendealer stammt (wieso?), ehe sie dann noch für Kotze und Fäkalien in der Cafeteria sorgt. *SPOILER ENDE* Das ist zwar überzogen, aber leider auch gnadenlos unlustig und erinnert an gängige Flachkopfkomödien.
Genau in dieser Phase schlägt die Geschichte einige dämliche Kapriolen, etwa die unglaubwürdige Naivität von Daves Kumpel Todd (Augustus Prew), der durch nicht rational erklärbare Dämlichkeit eine Tragödie im Finale herbeiführt. Zum Glück fängt sich „Kick-Ass 2“ im letzten Drittel wieder. *SPOILER* Gerade der Tod von Daves Vater ist etwas, das sich nicht viele Filme trauen würden. Dabei führt dies das Thema Väter weiter: Nach Big Daddy und Vater D’Amico stirbt nun auch Daves Dad, hat im Gegensatz zu diesem aber nichts mit dem Kampf von Helden und Verbrechern zu tun, weshalb diese Szene zum einen ein ziemlicher Schock ist, aber auch zeigt, dass für Dave/Kick-Ass nun alles anders wird. *SPOILER ENDE* Doch es gibt noch mehr Szenen, in denen sich „Kick-Ass 2“ reflektiert mit den Folgen von Gewalt beschäftigt: Ein Superverbrecher bereut im letzten Moment, doch ehe er tatsächlich Konsequenzen ziehen kann, wird er von einem Hai zerfleischt, der Vigilantenkampf der selbsternannten Helden fordert Opfer, bei denen man sich nicht sicher sein kann, ob sie es wert waren, und am Ende muss Hit-Girl Kick-Ass daran erinnern, dass es in der realen Welt Konsequenzen hat, wenn man mehrere Leute mit einer Polizeiwaffe erschießt.
Trotzdem darf sich auch die Actionfraktion freuen, denn es gibt natürlich auch wieder die blutigen Kämpfe des Vorgängers zu bestaunen. Der durch „Never Back Down“ bereits Martial-Arts-erfahrene Regisseur Jeff Wadlow und sein Fight Choreographer Mike Lambert sorgen hier für meist dynamische Kloppereien, in denen neben Macheten und selbstgebastelten Knüppelwaffen auch allerlei zweckentfremdete Gegenstände zum Einsatz kommen, darunter Glasscherben, eine Gasflasche und ein Rasenmäher. Dazu gibt es noch einige Shoot-Outs, in denen es ebenfalls ordentlich suppt, auch wenn man dem Film das niedrige Budget in einigen Szenen (z.B. bei der Kletterei auf dem Transporter) ansieht. Richtig schwach ist jedoch nur das Massaker in einer Wohnsiedlung, bei dem die Polizisten immer brav zu zweit ankommen, um nach und nach von Mother Russia (Olga Kurkulina) dahingemetzelt zu werden – die Szene ist einfach viel zu bemüht gewalttätig und schräg zu sein, wodurch sie einfach nur verkrampft wirkt.
Aaron Taylor-Johnson überzeugt erneut als sympathischer Teenager, der sich zu höherem berufen fühlt, während Chloë Grace Moretz wieder ganz groß aufspielt als Minderjährige, die schon zu viel gesehen und zu viel getan hat. Jim Carrey hält sich angenehm zurück und hat gerade dadurch seine großen Momente, Christopher Mintz-Plasse overactet ein wenig. Clark Duke bekommt als bester Kumpel mehr Raum, während Lyndsy Fonseca nur eine Szene hat und etwas unsauber aus dem Film geschrieben wird. Als Neuzugänge dürfen unter anderem Donald Faison, John Leguizamo und Lindy Booth gelungenen Support abliefern, während Chuck ‘The Iceman‘ Liddell einen Cameo hat – als er selbst.
Im Mittelteil schwächelt „Kick-Ass 2“ in mehrerlei Hinsicht, sei es durch die mörderisch schlechte Cafeteria-Szene oder manchen Drehbuchpatzer (z.B. haben die meisten aus Chris’ Superschurkentruppe fast gar kein Profil), doch insgesamt denkt die Fortsetzung die Geschichte würdig weiter: Weg von der Origin-Story und den Versehen Helden- und Teenager-Dasein unter einen Hut zu bringen, hin zum Blick auf die Konsequenzen des Heldentums außerhalb rechtsstaatlicher Bahnen. Nachdenklich, schwarzhumorig und actionreich kommt „Kick-Ass 2“ daher, lässt ein Hintertürchen für ein weiteres Sequel offen, findet aber auch einen befriedigenden Abschluss, falls es nicht weitergehen sollte.