Review
von Leimbacher-Mario
Lyrische Blutsauger
Ich würde mich nicht als größten Jarmusch-Kenner oder -Anhänger bezeichnen, dafür habe ich schon allein zu wenige seiner Filme gesehen. Ein Gefühl für seinen ganz individuellen & unverkennbaren Stil bekommt man aber auch ohne perfekte Kenntnis seines Gesamtwerks. "Only Lovers Left Alive" ist seine Ode an die Unsterblichkeit - nicht nur die von Vampiren, sondern vor allem die der Liebe, der Schönheit & der Künste, vor allem der (Rock&Roll-)Musik. Seine hypnotische & wunderschöne Geschichte zweier Jahrhunderte alter Vampire, die sich unerklärlich stark anziehen & eine Verbindung zu haben scheinen, ist wahrscheinlich mit "A Girl Walks Home Alone At Night" der schönste Vampirfilm aller Zeiten & sogar ähnlich inhaltsarm. Seine Atmosphäre & auslösenden Gefühle stehen eindeutig weiter oben in der Prioritätenliste als eine wirklich spannende, voranschreitende Geschichte. Als reinen Style over Substance würde ich dieses poetische Filmgedicht allerdings nicht abstempeln.
Es ist nicht zu verleugnen, dass in den knapp zwei Stunden auffällig wenig passiert, keine richtige Geschichte erzählt wird. Und trotzdem bleibt mir der atmosphärische Film sicher noch lange im Gedächtnis, macht mich teilweise sogar etwas mehr zu einem Jarmusch-Fan. Allgemein würde ich jedoch deutlich warnen, dass bisherige Skeptiker seiner Kunst um diese ungewöhnliche Liebesgeschichte einen weiten Bogen machen sollten. Wer einer extrem entschleunigten Erzählweise & eher Genusskino als Erzählkino nicht abgeneigt ist, kann hier jedoch voll auf seine Kosten kommen. Die Bilder sind nicht nur wertig, sondern fast schon kleine Kunstwerke für sich & die Atmosphäre schwelgt irgendwo zwischen selbstzerstörerisch, tief romantisch & barock gruselig. Vor allem Swinton & Hiddleston verleihen ihren Vampiren Gravitas, surreale Schönheit, Weisheit & tiefe Emotionen, gehören mit zu den charismatischsten Untoten aller Zeiten. Bei Anton Yelchin war es besonders traurig ihn momentan zu sehen, aber auch er oder die endlich mal lockerleicht & fresch aufspielende Mia Wasikowska wirken glaubhaft & sind echte Bereicherungen, toll anzusehen.
Manchmal wünschte ich mir bei all der Schönheit, etwas mehr Ziel, Spannung & Wirkung, erst recht bei der verdammt gruseligen, barbarischen, leider nicht exemplarischen letzten Einstellung unseres Vampirpaares. Da verfranst sich der bemerkenswerte Film lieber oft in Poesie, Kommentaren zur Gesellschaft & Anhimmelung der Kunst. Doch gerade diese emotionalen Verbindungen der Vampire zur Weltgeschichte & deren Kunst, ist gleichzeitig mal eine ganz andere Herangehensweise & vor allem für musisch & künstlerisch veranlagte Menschen ein Fest. Selten wurde Blut so künstlerisch wertvoll geschlürft, selten waren Vampire so erhaben & dem Menschen überlegen. Kein Wunder, dass diese von unseren Protagonisten Zombies, nicht Menschen genannt werden. Coole Musik, Style galore, knietiefe Stimmung aus verlorener Melancholie, Bewusstlosigkeit, Langeweile & sogar trockenem Humor. Eine Mischung für geduldige Feinschmecker des Gothic-Cinema. Dazu noch eine Ode an Detroit & die untergehende Menscheit - wundervoll leblos.
Fazit: für Jarmusch-Fans ein saftiger Happen, für so manch einen Kritiker zähes Dörrfleisch - für mich ein Vampirkunstwerk, dessen Schönheit seine Längen überschattet!