„Es gibt kein Meisterwerk ohne Wahnsinn.“
Frank Pavich, Regisseur des New-York-Hardcore-Dokumentarfilms „N.Y.H.C.“ aus dem Jahre 1999, widmet sich in seinem 2013 ebenfalls in US-Produktion entstandenen Film „Jodorowsky's Dune“ einem ganz besonderen Kuriosum der Filmhistorie: dem vielleicht großartigsten nie realisierten Filmprojekt, der Verfilmung des Science-Fiction-Epos „Dune“ des Autors Frank Herbert durch den chilenischen Filmemacher Alejando Jodorowsky.
„Sei so ehrgeizig wie nur möglich!“
Dieser hatte sich mit seinen exzentrischen und surrealen Spielfilmen „El Topo“ (1970) und „Montana Sacra – Der heilige Berg“ (1973) einen Namen gemacht und griff nun im wahrsten Sinne des Wortes nach den Sternen. Pavich schnitt mehrere Interviews, die er mit „Jodo“ über „Dune“ geführt hat, zusammen. Diese zeigen einen alten, aber gesund wirkenden Jodorowsky, der mit sichtlicher Begeisterung über seine damaligen ehrgeizigen Ambitionen spricht, seiner Besessenheit Ausdruck verleiht und die gesamte Präproduktionsgeschichte anekdotenreich und enthusiastisch Revue passieren lässt: Wie er den französischen Comiczeichner Moebius für Skizzen und Storyboards verpflichtete, wie er den Briten Chris Foss und den Schweizer H.R. Giger für grafische Objektgestaltung und „Dark Star“-Spezialeffektkünstler Dan O’Bannon für die SFX gewann – nachdem er zuvor Douglas Trumbull („2001: Odyssee im Weltraum“) abgelehnt hatte. Grund: Er sei ihm zu technisch nicht spirituell genug gewesen.
Für die Musik nahm er Kontakt mit den Proggern Magma und Pink Floyd auf, schauspielern sollten Mick Jagger, Udo Kier, Keith Carradine sowie Salvador Dalí und Orson Welles, die er mit absonderlichen Versprechen köderte. Seinen damals präpubertären Sohn Brontis ließ er täglich Kampfsport trainieren, um ihn ebenfalls als Schauspieler einsetzen zu können. Dieser kommt gleichsam zu Wort, ferner Foss und Giger, die Produzenten Michel Seydoux und Jean-Paul Gibon und Nicolas Winding Refn als zeitgenössischer Filmemacher. Seine damalige Crew bezeichnet Jodo als Krieger, er wähnte sich auf einem Pfad zur Erschaffung eines Meilensteins, zu einer nachhaltigen Veränderung nicht nur des Kinos – man war voller Aufbruchsstimmung und Tatendrang.
Tatsächlich sehen Moebius‘ Storyboards, die zusammen mit dem Produktionskonzept in einem bibeldicken Wälzer zusammengefasst und hier in Teilen animiert gezeigt werden, ebenso beeindruckend aus wie Foss‘ und Gigers Entwürfe. Überhaupt wirkt David Lynchs missglückte „Dune“-Verfilmung aus dem Jahre 1984 gegen all das hier Gezeigte noch kleiner, als sie ohnehin schon ist. Schnell lässt man sich als Zuschauer(in) neugierig machen und von Jodorowskys Begeisterung anstecken. Der Größenwahn des Projekts ist jedoch allgegenwärtig und es ist fraglich, ob nach einem tatsächlichen Drehbeginn nicht früher oder später Wahnsinn und Egos der unterschiedlichen Protagonisten in destruktiver Weise aufeinandergeprallt wären. In der knallharten Studiorealität scheiterte Jodorowskys „Dune“ damals am Zeitgeist, der – zumindest von Geldgeberseite – aufwändigen Science-Fiction-Epen gegenüber wenig aufgeschlossen war, aber gewissermaßen auch an Jodorowsky selbst, der zu keinen Kompromissen bereit war und ein bis zu 14-stündiges Spektakel anstelle eines abendfüllenden Spielfilms plante.
In dieser Hinsicht lässt Pavichs mit einem Viktor-E.-Frankl-Zitat eröffnender Film dann auch etwas Kritik vermissen, Jodorowskys Visionen stellt er nie infrage – auch nicht, ob es wirklich nötig war, seinen zwölfjährigen Sohn derart zu drillen. Wäre es nicht schlauer gewesen, bei einer gemutmaßten Laufzeit von zehn und mehr Stunden das Konzept als Mehrteiler oder Serie zu verkaufen? War Jodo in geschäftlicher Hinsicht zu naiv, eventuell etwas übermütig oder gar arrogant? War er zu überambitioniert und dadurch realitätsverloren? Es wäre sicherlich interessant gewesen, diese oder ähnliche Fragen innerhalb dieser Dokumentation zu verhandeln. Nichtsdestotrotz ist dieser Film spannender erzählt als Lynchs „Dune“-Verfilmung und bietet er intime Einblicke in faszinierende Interna, zudem vermittelt er quasi nebenher einiges zur Person Alejandro Jodorowsky. Dass es mehr als nur ein Allgemeinplatz ist, Jodorowsky als seiner Zeit voraus zu bezeichnen, belegen die zahlreichen Gegenüberstellungen von „Dune“-Storyboard-Bildern und Ausschnitten späterer überaus erfolgreicher Science-Fiction-Filme, die offenbar stark vom Jodo-Dune-Wälzer, der damals an sämtliche US-Produktionsstudios verteilt worden war, inspiriert waren. Und dass Ridley Scott für „Alien“ mit Moebius, O’Bannon, Giger und Foss zusammenarbeite, ist sicher auch kein Zufall.
Ein bisschen von Jodorowskys „Dune“ hat es also in viele Meilensteine des Kinos geschafft, was Jodorowsky trotz seines Scheiterns zu einer Art Schlüsselfigur des Science-Fiction-Kinos macht. Pavichs Dokumentarfilm erweist ihm die Ehre und schafft ein Bewusstsein für seinen filmhistorischen Stellenwert, wodurch er die Beachtung erlangt, die er verdient. Abzüge in der B-Note gibt’s jedoch für orthographisch falsche Steven-Spielberg- und Masters-of-the-Universe-Texteinblendungen. „Jodorowsky's Dune”: Tragisch und grandios zugleich.