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Macon Blair spielt einen Obdachlosen, der nicht mehr in ein normales Leben zurückfinden konnte, seit seine Eltern ermordet wurden. Er erfährt durch die Polizei, dass der Täter, der ihn zum Waisen machte, nun aus dem Gefängnis entlassen werden soll und fasst kurzerhand den Entschluss, diesen zu ermorden. Er ahnt nicht, dass er damit eine gewaltsame Familienfehde entfesselt, in die auch seine Schwester hineingezogen wird.

Wem der Name Jeremy Saulnier, der das Crowdfunding-Projekt „Blue Ruin“ als Regisseur und Autor stemmen konnte, wenig sagt, hat bisher nichts Wichtiges verpasst, wenngleich dessen neuestes Werk in Cannes durchaus mit Lob bedacht wurde und einen Preis gewinnen konnte. Das könnte sich in naher Zukunft jedoch ändern, da sich der Indie-Filmer mit „Blue Ruin“ vermutlich einen Namen machen wird, was letztendlich nicht ganz unberechtigt ist.

„Blue Ruin“ ist vor allem ein ruhiger, ein atmosphärischer Film. Das ist anfangs eher ein Nachteil, weil das Geschehen extrem schwerfällig in Gang kommt, da Saulnier mit Dialogen ausgesprochen sparsam umgeht und relativ lange braucht, um mit seiner Handlung anzusetzen. Das macht die Einsamkeit des menschenscheuen Protagonisten, einem heruntergekommenen Eigenbrötler, der auch den Kontakt zu seiner Schwester weitestgehend verloren hat, zwar durchaus fassbar, macht den Film aber auch sehr zäh. In der zweiten Filmhälfte, wenn sich die Gewaltspirale aufgrund diverser Racheakte zu drehen beginnt, bleibt das Tempo zwar weiterhin niedrig und gesetzt, der Film wird aber unterhaltsamer, weil Saulnier zunehmend eine gespannte Atmosphäre erzeugt. Das gelingt ihm mit seiner gesetzten, gerade in den spannenden Momenten extrem langsamen Erzählweise und der Grundstimmung, dass der nächste Gewaltexzess nicht mehr lange auf sich warten lassen kann. Denn diese baut er immer wieder überraschend ein, setzt auf eine realistische, schonungslose Darstellung der Gewaltspitzen und dosiert sie so spärlich, dass sie sich nicht verschleißen. So hat man es hier letztlich mit einem stillen, ruhigen Thriller zu tun der punktuell förmlich explodiert, dann aber schnell wieder in den alten Trott gelangt.

Darüber hinaus zeichnet sich „Blue Ruin“ auch durch versierte Schauspielleistungen einiger unverbrauchter Gesichter aus, besonders natürlich durch die gelungene Vorstellung von Macon Blair, der den Film in den vielen stillen Momenten durchaus zu tragen vermag. Stellenweise kommt auch ein sehr schwarzer, lakonischer Humor dazu. Die amüsanten Momente gelingen Saulnier besonders dann, wenn sich sein Protagonist bei seinem Rachefeldzug unbeholfen anstellt, als ein überforderter Amateur entpuppt, dem es lange nicht gelingt, sich eine Schusswaffe zu besorgen und schließlich seine erste zerlegt, beim Versuch das Schloss zu entfernen.

Die Story, ebenfalls aus der Feder von Saulnier, ist dabei vor allem eines: Schnörkellos. Zwar gelingt es dem Indiefilmer ein gelungenes Portrait einer sehr ländlichen Gesellschaft Amerikas zu zeichnen, von Familien, die ihre Angelegenheiten nicht über Behörden oder die Polizei regeln, stattdessen lieber zur Waffe greifen, um ihr Recht durchzusetzen, von Menschen, die mehr Waffen als Bildungsabschlüsse besitzen, für die das Zeitalter der Familienfehden noch nicht vorübergegangen ist. Der Plot gibt ansonsten aber leider nicht allzu viel her. Es gibt immer mal wieder längere Passagen, in denen sehr wenig passiert, wenngleich sie durchaus zu unterhalten vermögen. Die späte Auflösung rund um den Tod der Eltern des Protagonisten wird zudem relativ unpassend eingebracht, woraufhin das Finale enttäuscht und den Film etwas abrupt beendet.

Fazit:
Nach einem langatmigen Beginn unterhält „Blue Ruin“ schließlich mit seiner dichten Atmosphäre durchaus gelungen, zeichnet sich aber auch durch seinen lakonischen, schwarzen Humor und durch punktuelle, überraschende Gewaltexzesse aus. So gelingt Jeremy Saulnier ein durchaus ordentlicher, unterhaltsamer Thriller, dessen Story aber etwas zu schlicht ist.

63 %

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