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Von seinen letzten, gerade die für die Volksrepublik China und seine Massen produzierten Werken stellt Blind Detective wohl die Interessanteste, aber oder da in seinen einzelnen Zutaten auch die Gewöhnungsbedürftigste dar; ein großes Konglomerat aus vielerlei Gelungenem und auch so Manchen nicht, dass die Geschichte zwar beibehält, aber aus verschiedenen Augenwinkeln erzählt. Dabei ist gerade das Sehen und das Gesehenwerden hier der entscheidende Faktor und auch das Problem, ist doch, die der Titel vorgibt, der Ermittler und somit auch die Hauptperson blind und auf anderen Augen und andere Instinkte angewiesen. Ähnlich wie Regisseur Johnnie To, der seit jeher seine Arbeiten von einem kleinen festen Kreis an Autoren und dies auch in Mehrzahl, zuletzt zumeist die Paarung Wai Ka-fai, Yau Nai-hoi und Ray Chan schreiben und sich auf deren Ideen und Worte verlässt, so forscht der Detektiv hier nach den Erzählungen seiner Auftraggeberin und bald Partnerin und vielleicht auch bald Frau des Lebens in spe:

Nach einer Netzhautablösung vor vier Jahren erblindet, sieht sich der ehemalige Polizist Johnston [ Andy Lau ] als freischaffender Privatdetektiv einst ungeahnten Schwierigkeiten mit für ihn gar nicht einschätzbaren Gefahrpotential gegenüber. Eines Tages trotz des richtigen Riechers durch das rettende Eingreifen vom Ex-Partner Szet Fat-bo [ Guo Tao ] und dessen Schützling Ho Ka-tung [ Sammi Cheng ] um die öffentlich ausgeschriebene Belohnung gebracht, lässt er sich zur Wiedergutmachung von der Polizistin in einem privaten Fall anheuern. Ho will nicht nur etwas für ihren eigenen Dienst lernen, sondern auch das mysteriöse Verschwinden einer Schulfreundin aufklären, wozu sie den recht speziellen Johnston auch zu sich in das wohlausgestattete Apartment ziehen und zunehmend ihr Leben bestimmen lässt.

Nur der Auftakt des Filmes, eine Überwachung eines Verdächtigen in den öffentlichen Säureanschlägen in Mongkok von 2008 - 2010 ist tatsächlich aktuell, der Rest ernährt sich von der Vergangenheit, auch dem der filmischen Reminiszenzen wie an Mad Detective (2007) bzw. noch weiter zu Running on Karma (2004) und so dem Verfolgen kalter Spuren und ungelöster Fälle weitab zurück. Cold Cases, die Aufklärung interessiert die Gesellschaft nicht mehr, sondern nur noch, und wenn auch nur mit Glück eine Einzelperson, die mit dem Opfer privat und gefühlsmäßig verbunden war. Bilder, die fern zurückliegen und längst Geschichte und verblasst und verdrängt sind, werden durch den Nicht-Sehenden wieder lebendig und zurück in die Gegenwart geholt. Eine Taktik und ein sich die in die jeweilige Lage versetzen, in der die Handlung oft auch nachgespielt wird und so die Emotion geweckt werden soll.

Was im Film auf diese Weise gelingt und letztlich auch zur Auflösung des Rätsel bringen soll, funktioniert für den Zuschauer von Außen nicht immer, und nur selten durch Geschick und dann oft eher das pure Glück. Das Nachstellen der Szenerie, in der auch mal die Positionen von Täter und Opfer eingenommen und mittendrin gewechselt und/oder neue Subjekte angelegt und eingefügt werden, sorgt eigentlich nur in einer einzigen Szene für den Aha-Effekt beim Publikum (und den dortigen Anwesenden, zwei Pathologen im Leichenschauhaus nämlich, die zwischen Erstaunen und Lachen schwanken und ihren Blicken so richtig auch nicht trauen), und darüber hinaus mehr für Verdruss im Klamauk und überaus exaltierten Spiel.

Beide Darsteller, einzeln schon prägnant und kommerziell im Auftreten und dies noch vermehrt im Team, stellen mit ihren bisherigen Paarungen wie Needing You [ 2000 ], Love on a Diet (2001), Infernal Affairs (2002) und Yesterday Once More (2004) so etwas wie das perfekte Gespann in ebensolchen Choreographien ihres Charismas und Zuneigung dar, werden hier nun allerdings überzeichnet und verlieren sich im schillernden Auftreten schlechthin. Sie wirkt weder als Polizistin überzeugend noch als begehrenswertes Wesen und ist auch sonst eher entnervend in der Präsenz und vermeintlich komödiantischen Overstatement. Er ist wenigstens noch prägnanter, aber eigentlich nur ständig mit Nahrungsaufnahme beschäftigt und wie ein Derwisch die Leute in der Nähe mit dem Blindenstock scheuchend und mit Worten drangsalierend und erweist sich eher als Scheusal denn als Gewinn.

Ähnlich ergeht es bald der Erzählung an die Eingeweide, hat diese zwar eine Handvoll kleinerer Überraschungen, gerade auch die der Wechsel der Genre vom Krimi, zur Romantik, zur Komödie und wieder zum Thriller – mitsamt einem Abstecher in ein vermodertes, verschmutztes, mit Schrot, Rost und Unrat zugestelltes Waldgrundstück voll skelettierter Leichen sowie einem wüsten Blutbad gen Ende – und so der Gangart zurück, manchmal auch fast in einen und denselben Augenblick, hat aber dennoch mehr Kopf als Herz und denkt sich so als cleverer als man sich tatsächlich fühlen sollte und nicht ist. Eine reine Fingerübung. Nebenschauplätze sind bisweilen tatsächlich nur nebensächlich und gehören so auch gekappt und in den Schneideraum und die Überarbeitung zurück. Gefühle wirken nur behauptet und nicht tatsächlich fühlbar, wie eingebildet und vorgestellt, aber niemals erlebt. Auch die einstige Chemie der beiden Suchenden nach der Wahrheit (und den Partner fürs Leben, den Mann bzw. die Frau zum Heiraten) ist längst nicht mehr das, was es vor einem Jahrzehnt der filmischen Annäherung und des Kennenlernens einmal war, sondern nur noch Kalkül und lärmende Anstrengung schlechthin. Und das das Ganze stilvoll aussieht, seinen eigenen entspannten, gerade auch nächtlich scheinenden, nach Jazz und flauschiger Beweglichkeit mit gleichzeitig Kontrolle und Spontaneität fühlenden Rhythmus und immer wieder mal das gewisse Format zu Mehr hat, versteht sich bei einem Routinier wie To von selbst und muss nicht mehr extra gewürdigt werden.

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