Es ist eine Weile her, dass ich meinen ersten und letzten (Kurz-)Film vom tschechischen Regisseur Jan Švankmajer gesehen habe, und das bei einem OFDB-Kollegen. Irgendwann stieß ich dann auf diesen längeren Film von Švankmajer, und wurde wie damals schon nicht enttäuscht.
Der Kinderwunsch bei der Familie Horák ist groß. Doch beide sind nicht zeugungsfähig, so bleibt es zunächst beim Wunsch, endlich ein Kind zu haben. In der ganzen tschechischen Stadt scheint jeder ein Kind zu haben, nur eben Karel und Bozena Horák nicht.
Eines Tages gräbt Karel vor seinem kleinen Ferienhaus einen Baumstumpf aus, der nach einigen zuschneiden die Form eines Babys hat. Bozena hat plötzlich ein Kind, selbst eine neunmonatige Schwangerschaft wird den Nachbarn vorgegaukelt, bis „Otik“ zum Leben erwachen darf. Und wie es nun mal ist, der Holzstumpf erwacht wirklich zum Leben und hat einen unstillbaren Hunger, selbst vor Menschen macht er nicht mehr halt.
Die Horáks versuchen alles, um ihren „Otesánek“ zu verheimlichen. Nur die junge Nachbarstochter Alzbetka erkennt die Lügen der Familie Horák und findet in einen Kinderbuch die Geschichte über „Otesánek“...
Nach Švankmajers ersten längeren Film „Faust“ folgt nun seine Komödie mit Biss, „Otesánek“. Natürlich darf der surreale Faktor in Filmen von Švankmajer nicht fehlen. Schon zu Begin zeigt sich, wie grausam und eigentlich doch leicht diese Welt ist. Karel schaut aus dem Fenster des Frauenarztes, unten werden Babys aus einer Tonne genagelt, wie Fisch in Zeitungspapier eingewickelt, gewogen und verkauft. So einfach ist es, ein Baby zu bekommen, nur nicht für Familie Horák. Švankmajer liefert noch weitere solcher Beispiele.
Daneben wird auch das tschechische Alltagsleben ein wenig auf die Schippe genommen. Der Vater der kleinen Alzbetka ist ein Genussmensch, sprich dem Alkohol und gutem Essen nicht abgeneigt. So wird natürlich erst mal mit Wódka gefeiert, als die Nachricht über Bolzenas Schwangerschaft die Runde macht. Dafür sieht es am Essenstisch immer recht mau aus. Suppe Suppe, fast immer Suppe, nur vor dem TV ist die Welt noch in Ordnung, dort gibt es Sport und die Werbung zeigt gutes Essen.
Höhepunkt der Švankmajerschen Filme sind natürlich seine ausgereiften Stop-Motin Effekte, die natürlich dann in Erscheinung treten, wenn Otik anfängt, sich zu bewegen. Diese sind wie gewohnt perfekt in Szene gesetzt und beschränken sich aber nicht nur auf Otik. Recht humorvoll ist auch der alte Pädophilie Nachbar Pan Zlabek. Wenn er Alzbetka sieht, dann gibt es auch mal Stop-Motion um die Hose herum, aber natürlich nicht in dem Stil, dass man sich vor den Kopf gestoßen fühlt, sondern auf Švankmajers humorige Art und Weise. Auch gibt es nicht wirklich drastische Bilder, auch wenn Otik nicht gerade zimperlich mit der Wahl seines Essens ist, und gegen Ende ist Otik so groß, dass er eh alles frisst, was ihm vor seinem Holzmaul kommt. Dabei erhält er auch tatkräftige Unterstützung, denn die Geschichte soll verändert werden und nicht enden wie in Alzbetkas Buch.
Man muss eh sagen, dass die Schauspieler auf grandiose Weise ausgesucht wurden. Jeder ist perfekt in seiner Rolle und jeder spielt die typischen Klischees in perfekter Art und Weise.
Natürlich ist „Otesánek“ nicht perfekt, denn man könnte bemängeln, dass der Film ein wenig zu lang geraten ist, und eigentlich nicht Stoff für über zwei Stunden her gibt. Eine Kürzung von 20-30 Minuten hätten dem Film sicherlich auch in Sachen Tempo gut getan. Gerade im Mittelteil wirkt der Film doch ein wenig zäh und kommt nicht in die Gänge. Der Anfang und das Ende sind da bedeutend besser, auch wenn man den Mittelteil nicht als schlecht bezeichnen kann, nur halt etwas langatmig und ein wenig zu ausführlich von Švankmajer inszeniert.
Fazit: „Otesánek“ ist eine herrliche rabenschwarze Komödie, die keine Klischees auslässt, lustige und schrullige Charaktere bietet und vieles mehr. Hinzu kommen die meisterhaften Stop-Motik-Effekte, für die der tschechische Regisseur Jan Švankmajer so berühmt ist. Leider ist der Film nur etwas zu lang geraten, um wirklich durchgängig über 120 Minuten zufesseln, an einigen Stellen wäre weniger mehr gewesen. Schwamm drüber, „Otesánek“ überzeugt. Ob man en Film einfach nur als erfrischende Komödie sehen will, oder sich gar Gedanken macht über den erhobenen Zeigefinger, man solle doch nie der Natur ins Handwerk pfuschen. Dies sei jedem selbst überlassen. Jedenfalls kann ich mich beruhigt an Švankmajers Meisterwerk, „Faust“, wagen. Sein Stil gefällt mir.