Die Verfilmung eines Tatsachenromans, den der titelgebende einzige Überlebende der Operation Red Wings aus dem Jahre 2005 schrieb, der „Lone Survivor“ eines Fiaskos.
Damit ist freiwillig von Anfang an ein wenig die Spannung raus, da die Eingangsszenen auch noch einmal für alle Uneingeweihten verdeutlichen, dass es sich hierbei um Marcus Luttrell (Mark Wahlberg) handelt, der schwerverletzt in ein Krankenhaus geflogen wird. Danach setzt man alles auf Anfang, führt Marcus als Teil einer SEAL-Einheit ein, zu dessen besten Kameraden Danny Dietz (Emile Hirsch), Matt ‘Axe‘ Axelson (Ben Foster) sowie der Lieutenant Michael Murphy (Taylor Kitsch) gehören. Mit bemerkenswerter Ökonomie führt Peter Berg seine Figuren ein, charakterisiert sie über die Fotos, Zeichnungen und sonstige Memorabilien in ihren Barracken, durch kurze Dialoge über Familien, Freundinnen und Ehefrauen, über Alltäglichkeiten wie einen Wettlauf durch die Basis in Afghanistan, wo sie zusammen mit ihren Kameraden stationiert sind.
Es ist der Beginn der Operation Red Wings, welche die Gefangennahme oder Tötung des Talibanführers Ahmad Shah (Yousof Azami) zum Ziel hat. Murphys Team soll den Beobachtungsposten stellen, das Dorf, in dem Shah vermutet wird, observieren und Meldung an die Truppe machen, ehe diese anrückt. Nach der Landung im Gelände und einem langen Marsch zum Ziel der Reise kann das Team Shah sichten, doch es beginnen bereits die Probleme, welche es den SEALs schwerer machen, gleichzeitig aber extradiegetisch die Spannung erhören: Funkkontakt ist nur eingeschränkt möglich, andere Kommunikationsmittel wie Satellitentelefone eigentlich nicht erlaubt, und noch dazu befinden sich im Dorf Unmengen von Talibankämpfern, nicht nur die prognostizierte Handvoll.
Doch die Operation kippt endgültig, als die SEALs auf drei Hirten stoßen, die ebenfalls zum Talibandorf gehören, und diese gefangen nehmen. Was soll man mit ihnen machen? Sie töten, sie gefesselt zurücklassen oder sie laufen lassen? Die SEALs treffen eine folgenschwere Entscheidung…
Die oben beschriebene Stelle gehört zu den interessantesten von „Lone Survivor“, beschreibt sie doch relativ realistisch ein moralisches Dilemma und eine Situation, für die es anscheinend keine richtige Lösung gibt, wobei die verschiedenen Charaktere für verschiedene Positionen in der Debatte einstehen und dabei das Für und Wider aller Standpunkte offenbaren. Die Tötung des Trios verstößt nicht nur gegen geltendes Recht, sie ist auch moralisch falsch. Andrerseits bedeutet die Freilassung der Drei die sichere Entdeckung, damit nicht nur den Fehlschlag der Mission, sondern auch Gefahr für das eigene Leben. Selbst der Mittelweg des Fesselns und Zurücklassens hat seine Tücken: Kann man garantieren, dass sie gefunden werden oder werden sie elendig zugrundegehen? Der Ausfall der Kommunikation dient in diesen Szenen dann nicht allein der Spannungssteigerung, sondern auch der Vertiefung des Dilemmas: Kein Kommandeur kann den SEALs die Entscheidung abnehmen, die eigentlich Murphy obliegt, der es allerdings gewohnt ist mit seinen Teamkameraden auf Augenhöhe zu agieren.
Der Regisseur hinter dem Dilemma, dem Davor und dem Danach ist Peter Berg, ein Quasi-Chamäleon seiner Zunft, jemand ohne eigene Handschrift, der dafür andere effektiv zu kopieren weiß, etwa Michael Mann bei „The Kingdom“ oder Michael Bay bei „Battleship“. Hier scheint sich Berg allerdings nicht ganz festlegen zu können, was „Lone Survivor“ stilistisch etwas uneinheitlich wirken lässt. Nicht nur inhaltlich, auch inszenatorisch steht zwar immer „Black Hawk Down“ als frühere bildgewaltige Verfilmung eines US-Militärfiaskos im Raum, doch dann wiederum schleichen sich Passagen ein, die aus anderen Werken stammen könnten, angefangen bei den dokumentarischen Bildern von SEAL-Ausbildung über die im besten „Top Gun“-Stil dargestellte Kameradendynamik auf der Basis bis hin zu den Wartepassagen, die in ihrer Anspannung und äußeren Ereignislosigkeit immer wieder an „Jarhead“ erinnern.
Von seiner ideologischen Warte ist „Lone Survivor“ nicht ganz einfach einzuschätzen. Er beginnt als Männerabenteuer, bei dem die Amerikaner lockere Spaßmacher, liebende Familienmenschen und überlegene Krieger sind, während man von den Taliban nur barbarische Vergehen gegen die Zivilbevölkerung mitbekommt (wenngleich die Darstellung nicht so überzogen und tendenziös wie beispielsweise in „Act of Valor“ ist). Bei der erwähnten Debatte wiederum wird kurzfristig am Saubermannimage gekratzt, immerhin sind die Ratlosigkeit der Truppe und das Plädoyer einzelner die Gefangenen zu erschießen nicht unbedingt vorbildhaft, in den folgenden Feuergefechten sind die Sympathien dann wieder klar verteilt. Jedoch scheint dies der gewählten Froschperspektive geschuldet zu sein, die mit den Augen der Soldaten sieht: Im Kampf ist (für einen selbst) klar wer Freund und Feind ist, man hält sich auch sonst für den Guten, ehe Ereignisse wie die Gefangennahme der Hirten das Selbstbild ins Wanken bringen. Aus dieser Perspektive stellt der Film schließlich auch Luttrels Erstaunen dar, wenn der zu diesem Zeitpunkt bereits schwer verletzte SEAL feststellt, dass nicht alle Afghanen Taliban sind, dass einige ihm sogar helfen wollen, ihn als Gast aufnehmen und ihn schützen. Sogar der Abspann zollt dieser Erkenntnis erfreulicherweise Tribut, auch wenn er in erster Linie Bilder der gefallenen Amerikaner zu einer Coverversion von David Bowies „Heroes“ von Peter Gabriel zeigt, in seinen letzten Bildern allerdings auch die afghanischen Helfer würdigt, die ebenfalls Verluste erlitten.
Diese Identifikation mit den Soldaten stellt „Lone Survivor“ dann auch durch das Casting her. Mark Wahlberg ist derzeit eh der Vorzeigeheld der Arbeiterklasse, gut zu sehen an seinen letzten Rollen („Contraband“, „Ted“, „Broken City“, „Pain & Gain“, „2 Guns“), in denen er als einfacher, bestenfalls bauernschlauer Mann des Volkes auftrat. Hier drängt er sich gelegentlich etwas zu sehr in den Vordergrund (manchmal erscheint es fast als sei er der Kommandiere der Einheit), gleichzeitig trägt er den Film als Identifikationsfigur. Taylor Kitsch geht in seiner dankbaren Rolle allerdings auf, der etwas unterforderte Ben Foster zeigt sich mal wieder von seiner besten Seite, während der für seine Verhältnisse überraschend aufgepumpte Emile Hirsch Ordentliches leistet, aber immer etwas im Schatten der anderen drei steht. Von den Nebendarstellern können ansonsten nur noch Eric Bana als Einsatzleiter und Alexander Ludwig als Nachwuchs-SEAL Akzente setzen, der Film konzentriert sich aber auf das Schicksal des SEAL-Quartetts unter Feuer.
Doch man sollte von „Lone Survivor“ keinen normalen Actionreißer erwarten. Stattdessen steht der Film zwischen den Stühlen von Schauwerten und realistischer Kriegsdarstellung wie schon „Black Hawk Down“ oder (der letzte Akt von) „Zero Dark Thirty“. Die Kugeln fliegen, eine Mittendrin-statt-nur-dabei-Ästhetik vermittelt das Schlachtfeldgefühl und sorgt für Dynamik, während der Kampf gegen eine zahlenmäßig massiv überlegenen Feind natürlich nicht ohne massenhaft Schusswechsel abgeht. Gleichzeitig sieht man auch das Leiden und das Sterben, das eigene öfter und deutlicher als das fremde, doch als unbeschwerte Action gehen die Kampfszenen in „Lone Survivor“ nicht durch. Die Frage, ob man von dem Gezeigten eher berauscht oder eher abgeschreckt sein soll, lässt „Lone Survivor“ offen, verdeutlicht aber damit auch gleichzeitig das Dilemma: Kann es überhaupt Antikriegsfilme geben?
Zu den meisterlichen Werken dieser Kategorie fehlt Bergs durchaus kurzweiligem Militärdrama aber noch ein Stück: Durch die Perspektivwahl scheint er den kritischen Fragestellungen lange Zeit etwas zu einfach auszuweichen, die Message, dass es Afghanen nicht nur Taliban sind, ist richtig, wirkt aber etwas unsauber eingeführt, und so sachlich wie „Zero Dark Thirty“, so mitreißend wie „Black Hawk Down“ oder so erschreckend wie die Eingangsszene von „Der Soldat James Ryan“ ist er in der Summe nicht. Es sind zwar keine gravierenden Mängel, die einen schlechten Film aus „Lone Suvivor“ machen würden, aber die Fallstricke, die eben keinen großartigem aus ihm machen.
Der teilweise befürchtete Selbstbeweihräucherungsfilm ist „Lone Survivor“ schlussendlich nicht geworden, auch wenn er durch die Einnahme der Soldatenperspektive vor allem die US-Sicht zeigt und darüber Einzelheiten simplifiziert. Dennoch ist Peter Bergs Militärdrama ein effektvoller, meist packender, wenn auch stilistisch etwas uneinheitlicher Film, der nicht an seine ganz großen Vorbilder heranreicht, aber dennoch einen guten Eindruck hinterlässt.