„Peters Berg-Predikt" - oder „Die Passion des Navy SEAL"
Allerspätestens mit dem Ende dürfte auch dem Begriffsstutzigsten klar geworden sein, was Peter Berg mit seinem Kriegsdrama „Lone Survivor" wirklich im Schilde führt. Trotz einer Reihe abschreckender und hässlicher Szenen geht es keineswegs um eine Antikriegsbotschaft, trotz eines deutlichen Fokus auf Grausamkeiten geht es nicht so sehr um eine Dämonisierung der Taliban und trotz einer differenzierten Darstellung der afghanischen Bevölkerung geht es auch nicht um Objektivität. Nein, Peter Berg betreibt zuvorderst und passioniert Denkmalpflege.
Wenn vor dem Abspann private Bilder und Filmaufnahmen der realen, an der im Film dargestellten Mission beteiligten und getöteten Soldaten über die Leinwand flimmern und dazu eine samtweiche Stimme irgendetwas von „Heroes" säuselt, dann hat das definitiv eine enorme emotionale Wirkungskraft. Ob allerdings die Tränen aus Ergriffenheit ob des unmenschlichen Leidens der Soldaten, oder aus Wut ob der dreisten und süßlich-klebrigen Heiligenverehrung kullern, liegt in erster Linie am Empfänglichkeitsgrad des Zuschauers für manipulative Holzhammer-Pathetik.
In den USA hat man sich an der Peter Berg-Predikt offenbar nicht gestört und dem Film ein beeindruckendes Einspiel von 125 Millionen Dollar beschert. Im Rest der Welt dürften es die unkaputtbaren Navy SEALs allerdings deutlich schwerer haben. Aber an Schwierigkeiten sind sie ja gewöhnt.
Und Berg lässt daran auch nicht den geringsten Hauch eines Zweifels aufkommen. Denn was die vier Jungs Marcus (Mark Wahlberg), Michael (Taylor Kitsch), Danny (Emile Hirsch) und Matt (Ben Foster) hinter feindlichen Linien erdulden müssen, grenzt an ein Martyrium biblischen Ausmaßes. Da gibt kaum ein Körperteil der von einer Übermacht an Taliban-Kriegern aufgeriebene Elitesoldaten, das keine feindliche Kugel abbekommt. Aber egal ob ein paar Finger fehlen, Beine und/oder Füße durchlöchert wurden, oder gar ein Kopfschuss vorliegt, stets wird immer weiter gerobbt, gerannt und natürlich geballert als gäbe es kein Morgen. Gut, für die meisten gibt es das dann auch nicht mehr, aber zumindest hat man bis dahin ein maximales Maß an Opferbereitschaft, Leidensfähigkeit und Überlebenswillen gezeigt.
Peter Berg inszeniert diesen Überlebenskampf als blutiges Gemetzel, das zweifellos an die Nieren geht und auch sicher nicht zur Anwerbung neuer Rekruten taugt. Aber anders als bei der bis heute in seiner abschreckenden Drastik unerreichten Eingangssequenz von Steven Spielbergs „Saving Private Ryan", ist es nicht die unfassbare Grausamkeit und totale Willkür vieler Kriegshandlungen die hier in Erinnerung bleibt, sondern das schier unmenschliche Durchhaltevermögen der US-Eliteeinheit. Die zahlreichen Zeitlupenaufnahmen und das häufige Fokussieren auf blutende Wunden stilisieren das Sterben der SEALs zu einem heroischen Opferritual und kleistern die hässliche Fratze des Krieges mit einem Zuckerguss aus Pathetik zu.
Diese Botschaft wird mit einem vor allem in Dokumentarfilmen gerne angewandten Authentizitäts-Kniff zementiert. So beginnt der Film nicht nur mit der eigentlich nichts sagenden Formel „Nach einer wahren Begebenheit", sondern steigt vor allem sofort mit Originalaufnahmen verschiedener Abschnitte der Navy SEAL-Ausbildung ein. Am Ende folgt dann das bereits erwähnte Äquivalent, das durch sein personalisierendes Element die vermeintliche Realitätsklammer umso fester schließt.
Unter all dem lärmenden Pathos-Getöse geht dann leider weitestgehend verloren, dass der Film durchaus auch interessante Ansätze zu bieten hat. So geraten die Soldaten erst durch eine eigene Entscheidung und bis zu einem gewissen Grad durchaus bewusst in die letztlich tödliche Falle. Denn das sich auf einer geheimen Liquidierungsmission befindende SEALs-Quartett wird durch puren Zufall von ein paar Ziegenhirten entdeckt. Die Soldaten stehen nun vor einem unlösbaren Dilemma. Wollen sie ihren Auftrag nicht gefährden, müssten sie alle töten und verscharren und würden damit gegen sämtliche Vorschriften und völkerrechtliche Bestimmungen verstoßen. Lassen sie die Aufgegriffenen frei, riskieren sie nicht nur das Scheitern ihrer Mission, sondern auch die Alarmierung des zahlenmäßig überlegenen Gegners und den damit sehr wahrscheinlichen Tod. Berg serviert hier keine platte Helden-Lösung, sondern lässt seine Protagonisten durchaus kontrovers diskutieren, bis der Ranghöchste die letztlich fatale Entscheidung zur Freilassung trifft.
Auch in der Portraitierung der Afghanen zeigt Berg kein eindimensionales Bild von tumben Bergbauern und fanatisierten, menschenverachtenden Taliban. So riskiert beispielsweise ein ganzes Dorf sein Überleben aufgrund eines alten Ehrenkodexes der Paschtunen. SEAL Marcus Luttrell steht aufgrund des ausgesprochenen "Paschtunwali" unter dem besonderen Schutz der Einwohner, die den Fremden mit aller Macht gegen die heranstürmenden Taliban verteidigen. Hier arbeitet Berg deutlich differenzierter als beispielsweise Spielberg, der in seinem Invasions-Spektakel völlig unreflektiert das antiquierte und historisch lachhafte Lied vom hässlichen und durch und durch verkommenen deutschen Soldaten posaunt.
Aber alles Mühen um Fairness und das Dilemma zwischen Moral und Kriegsnotwendigkeit geht letztlich in überbordender Pathetik und salbungsvoller Opfer-Heroik unter. Berg kippt hier den ganzen Farbeimer aus und hinterlässt damit einen höchst zwiespältigen Eindruck. Optisch und vor allem tontechnisch brillant inszeniert wird zwar nicht das Kriegshandwerk an sich bejubelt, aber ganz entschieden und nervtötend plakativ die Märtyrer-Mentalität bzw. Bereitschaft der Ausführenden. Ein Denkmal für soldatische Grundtugenden ist nicht illegitim, aber eine Kolossalstatue hätte es auch nicht unbedingt sein müssen.