Manchmal, wenn man als Erwachsener durch die Straßen schlendert und eine kleine Gruppe von Kindern auf dem Fahrrad oder Skateboard entdeckt, denkt man sich: Sieh an, sieh an. Sie benutzen noch unsere Fortbewegungsmittel von damals. Aber was wissen sie über grüne Sumpfmonster? Wie würden sie sich im Notfall gegen die pelzigen Kreaturen der Nacht verteidigen, die bei Vollmond heulen? Haben sie sich jemals mit einer Rolle Toilettenpapier eingewickelt und mit ausgestreckten Armen die kleine Schwester gejagt? Oder ohne Blatt vorm Mund formuliert: Verfügen sie über unsere grenzenlose Begeisterung für das Phantastische, die uns heute noch mit Vorliebe zu den Filmen der 80er mit all ihren schrillen Effekten greifen lässt?
Wenn jede Generation ihre individuelle cineastische Ausbildung bekommt, dann haben die 80er-Jahrgänge vermutlich eine höhere Affinität für handgemachte Abscheulichkeiten aller Art als spätere Generationen. Nicht die Schauspieler, sondern die Künstler für Spezialeffekte waren die heimlichen Stars eines jeden Films; sobald der Credit für die Effekte im Vorspann erschien, kam die Gänsehaut. Die grundsätzliche Faszination für das Deformierte oder Groteske, die bevorzugt das männliche Publikum anzieht wie die Fliegen, existiert sicherlich querbeet durch alle Generationen und ist somit nicht zwangsläufig ein Merkmal der Kids aus den 80ern; doch diese wurden anders als ihre Nachfolger aus erster Quelle mit den wunderlichsten Trickeffekten der gerade frisch erschienenen Horrorfilme versorgt, zumeist präsentiert über eine schäbige VHS, deren Laufstreifen nur weiter zur Mystifizierung beitrugen.
Das erwachsene Kino war zu jener Zeit natürlich schon über die altbekannten „Monster Classics“ der großen Universal-Zeit hinausgewachsen. „Das Ding“, „Hellraiser“, „Die Fliege“… Verstörendes, auf Zelluloid nie zuvor Gesehenes von Lovecraft’scher Unbegreiflichkeit flutete die Kinosäle und Wohnzimmer, so dass sich die Phantombilder der plastischen Spezialeffekte auf alle Zeiten in zahllose Gehirne einbrennen sollten. Zurück blieben all die vergessenen Kreaturen, die das Kino der 30er und 40er ursprünglich hervorbrachte: Dracula, die Mumie, der Wolfsmensch, Frankensteins Monster, der Schrecken vom Amazonas. Höchstens für alberne Komödien wie „Transylvania 6-5000“ waren sie noch als (un)toter Witz zu gebrauchen und ansonsten völlig wertlos – es sei denn, man reichte sie weiter an die jüngere Generation. Was den Erwachsenen nicht mehr gruseln konnte, bescherte ja vielleicht zumindest noch dem Kind selige Alpträume.
Fred Dekker hatte als 27-Jähriger in seinem Regiedebüt „Night of the Creeps“ zumindest für die Prom-Night-Altersklasse bereits einen entsprechenden Genre-Streifen vorgelegt, der ein ironisches Verhältnis zu den eigenen Spielregeln pflegte und dennoch nicht zimperlich war, wenn es ans Eingemachte ging. Von dort aus war „Monster Busters“ eigentlich ein solide wirkender Schritt in den Mainstream. Kinder-Abenteuer, oftmals mit schauerlichen Szenen geschmückt, hatten damals Hochkonjunktur. Muppets-Meister Jim Henson beispielsweise ließ in „The Dark Crystal“ (1982) gar nicht so knuddelige Puppen von der Leine; „Teen Wolf“ (1985) stellte seine Transformationen zwar harmloser dar als das große Vorbild „American Werewolf in London“, musste dafür aber die Ängste Jugendlicher vor der Veränderung des eigenen Körpers in die Rechnung einbeziehen; die „Goonies“ (1985) trudelten in ein Abenteuer, das eine Nummer zu groß für sie schien; in „Stand by Me“ (1986) wurde eine Leiche zum Symbol für das Erwachsenwerden.
Schwer zu sagen, weshalb „Monster Busters“ selten in einer Reihe mit diesen Klassikern genannt wird und wenigstens hierzulande kaum bekannt ist, denn schon sein Einstieg macht deutlich, dass es sich keineswegs um ein rechtmäßig vergessenes B-Movie für ein kleines Spartenpublikum handeln kann. Die Liebe zum Detail wird beim Schwenk durch eine alte Gruft mit den Sinnen greifbar. Nebel kriecht an Steinwänden vorbei, während muffige Lichtbündel aus den oberen Schichten der Gebäude ins Dunkel dringen. Mit einer Vampirhand krabbelt auch eine Handvoll Taranteln aus einem Sarg, dessen Deckel langsam zur Seite geschoben wird. Ein hässliches Fledermausgesicht verzieht seine Schnauze in jede erdenkliche Richtung und lässt ein Gebiss mit Fangzähnen aufblitzen; ein Fledermausflügel verwandelt sich in einer effektiven Mischung aus Tricktechnik und Schnitt in eine menschliche Hand. Der legendäre Stan Winston ist Teil eines Effekte-Teams, das bei der Gestaltung der klassischen Kreaturen aus dem Universal-Fundus die Extreme dessen auslotet, was man einem Kinderpublikum zumuten kann. Liebevoll werden die Original-Designs (aus Copyright-Gründen) abgewandelt, ohne ihren unwiderstehlichen Charme zu verlieren; im Gegenteil, es entstehen modernisierte Variationen, die (selbst 30 Jahre später) frisch wirken und doch der alten Schule treu bleiben.
Auch wenn Duncan Regehr als Graf Dracula eine eher ausdruckslose Besetzung bleibt (was allerdings im Allgemeinen offenbar anders gesehen wird), so retten die Effektleute bei seinen Spezialauftritten und der generell weniger menschlichen Erscheinung seiner Gefährten am Ende den Tag. Selten beispielsweise hat ein Fischmensch die beiden Hälften eines Wer-Hybrids effektiver kombiniert. Wäre man gezwungen, zu einem Kiemenmann der Filmgeschichte in die Wanne zu hüpfen, so wäre seine Wanne, und das ist ein Kompliment, völlig ausgeschlossen. Nie war eine Mumie klappriger, als wenn Michael MacKay sie spielte. Ein würdiger Pionier für die Rollen, die heute Javier Botet übernimmt, in Erinnerung geblieben durch seinen hinkenden Gang (hoffentlich lassen sich Grasflecken aus Bandagen herauswaschen). Draculas Bräute waren selbst in Francis Ford Coppolas Verfilmung nicht furchteinflößender geschminkt. Und als dann auch noch der Zähne fletschende Werwolf in pelzige Teile gesprengt wird, weiß das begeisterte Kind: Endlich wird seinesgleichen von den Filmemachern mal ernst genommen.
Überhaupt ist „Monster Busters“ ein Film, der sich tief in die Gefühlswelt eines solchen Kindes hineinversetzen kann, das gerade seine Liebe zum Horror entdeckt. Eine Story um eine Gruppe 12-jähriger Monster-Fiction-Nerds, die sich eines Tages einer Horde echter Monster stellen müssen, könnte sich so ziemlich jeder Autor einfallen lassen. Die Kunst liegt darin, in eine solche Story Anekdoten einzubauen, die sich wie ein Déjà-Vu der persönlichen Kindheit anfühlen. Zusammen mit seinem Co-Autoren Shane Black (jawohl, der Kerl, der in den Hochzeiten des Actionfilms regelmäßig auch die Träume etwas älterer Männer von Explosionen und „Bromances“ wahr werden ließ) gelingen Dekker unentwegt derartige Momente. Welcher Bruder einer jüngeren Schwester (hier auch noch mit Sabine-Bohlmann-Synchronisation, was für zusätzliche Simpsons-Retro-Vibes sorgt) hat zum Beispiel nicht bereits erlebt, wie sie mit Unterstützung der genervten Mama versuchte, Teil der großen Jungs-Clique zu werden, die sich in ihrem Baumhaus verschanzte? Kleine Beobachtungen wie diese werden am laufenden Band in das Skript eingeflochten und komplementieren das Element des Phantastischen. Klischees wie der „Scary German Guy“ werden zwar aufgegriffen, jedoch in schönen Momenten abgewandelt, die Geborgenheit vermitteln: wie wenn der gruselige Deutsche sich als allwissender Monster-Nerd entpuppt, dessen Fachwissen anbetungswürdig ist. Oder die wunderbare Szene, in der Sean (Andre Gower) vom Hausdach aus mit dem Fernglas einen Horrorfilm schaut und sich sein Vater zu ihm gesellt. Die Beiläufigkeit, mit der hier das Vorurteil des verständnislosen Elternteils widerlegt wird, ist herzerwärmend.
Doch auch wer sich selbst als Horror-Nerd sieht, der über einige Jahrzehnte an Filmwissen verfügt, wird ausreichend bei Laune gehalten. Gleich in der Eröffnung streunen Gürteltiere durch die Gemäuer, die seit Tod Brownings „Dracula“ eines der letzten ungeklärten Geheimnisse der Filmgeschichte bilden. Als Frankensteins Monster (flößt mit und ohne Maske gehörigen Respekt ein: Tom „Ripper“ Noonan) auf die kleine Phoebe (Ashley Bank) trifft, wird die berühmteste Szene des 1931er „Frankenstein“ von James Whale einfach frech in Farbe neu gedreht (mit anderem Ausgang, versteht sich). Stephen King rult von Andre Gowers rotem T-Shirt aus alles weg. Das Baumhaus ist natürlich gepflastert mit allerlei Postern zu Horror-Klassikern. Und Godzilla wird von der Mutter, die von Filmen offensichtlich nicht die geringste Ahnung hat, mit wesentlich kleineren Filmfiguren verwechselt.
Das Tempo bleibt während der 80 Minuten angenehm flott, Fantasy-, Horror- und Comedy-Anteile sorgen für Ausgewogenheit und alles in allem herrscht durch die vielen unterschiedlichen Antagonisten eine beachtliche Abwechslung, die vom Monster im Schrank bis zum (dezent an „Evil Dead“ erinnernden) Dimensionsstrudel auf offener Straße die unterschiedlichsten Gesichter zeigt. Die Kinder-Darsteller sind solide, auch wenn sie vielleicht nicht ganz mit den Charakterköpfen aus „Goonies“, „Stand by Me“ oder „ES“ mithalten können.
„Monster Busters“ ist ohne den entsprechenden emotionalen Bezug vielleicht kein Ausnahmevertreter seiner Zeit, doch es gibt keinen vernünftigen Grund, ihn nicht ein für allemal in den Kanon der erinnerungswürdigen Coming-of-Age-Horrorkomödien für jüngere (und ältere!) Semester aufzunehmen. Die reichhaltigen Spezialeffekte unter Beteiligung von Stan Winston, die flotte Regie mit fließenden Szenenübergängen und das mit Reminiszenzen an unser aller Kindheit gespickte Drehbuch sorgen für eine schützende Beschichtung, die vor der Witterung der Zeit schützt und dafür sorgt, dass die ollen Kamellen auch heute noch in kräftigen Farben strahlen.