Der neueste Film von Regisseur Ben Wheatley war ein klares Pflichtprogramm nach dem unerwartet starken KILL LIST, seinem innovativen und harten Beitrag auf ABC's OF DEATH und dem schwarzhumorigen SIGHTSEERS als Fantasy Filmfest 2012 Opener. Alle drei waren sehr unterschiedliche Filme die viele Filmschubladen beiseite gefegt haben, aber die man alle auf ihre Art sehr empfehlen konnte. A FIELD IN ENGLAND fegt auch einiges beiseite, als erstes allerdings unsere Sehgewohnheiten und üblichen Anforderungen an Aufbau einer Story, Dramaturgie und Spannung. Diesmal mixt er sogar noch das Genre "Historienfilm" und einen durchgehenden schwarz-weiß Look dazu und strapaziert die Aufnahmefähigkeit seiner Zuschauer diesmal unvergleichbar ärger als zuvor.
Er kümmert sich in sehr deutlicher Form wenig um Erwartungshaltungen und Genregrenzen und setzt dies mit viel Enthusiasmus und auch konsequent durch. Diese Art filmischer Avantgarde gibt es heute nicht mehr oft und somit erntet der Film ganz viel Lob von meiner Seite, auch wenn er sicherlich nicht ein zweites Mal gesehen wird. Horror- oder harte Thrillerfans, denen oben genannte Werke von Wheatley gefallen haben, kann ich dennoch nur warnen vor dem Genuss von A FIELD IN ENGLAND. Er wirkt mehr wie ein filmisches Experiment und wäre als ein erster Langfilm von Wheatley sicherlich für die meisten in Ordnung gewesen. Wen der Trailer schon anwidert sollte schnell das Weite suchen, der Film ist am Stück weitaus weniger dramaturgisch dicht gestaltet.
Daran ist nicht der intensive Gebrauch psychoaktiver Pilze unserer Helden Schuld, der sich als perfekte Ergänzung und unterliegender surrealer Rückenwind in dem zeitweise fast traumartigen A FIELD IN ENGLAND erweist und nach hinten hin erwartungsgemäß von Verwirrung in schiere Angst transformiert. Ein bedrohliches schwarzes Loch tut sich ständig am Himmel auf – "Black Hole Sun" oder schon die erste Wirkung der Pilze? Unsere Darsteller agieren mit ihren wie von Messern geschnitzten Gesichtern jederzeit präsent und darstellerisch geradezu monströs-intensiv und füllen den anspruchsvollen Raum im Film adäquat mit tiefschwärzestem Humor aus.
Dies trifft auch auf mehrere in Zeitlupe gedrehte und diverse goreähnlichen Szenen die ohne Selbstzweck in Szene gesetzt wurden zu. Die Geschichte des Alchemisten, der mit seinen Soldatenfreunden einen Magier versucht ausfindig zu machen, der dann die gesamte Truppe für seine "Schatzsuche" hijacked, tritt aufgrund der visuellen Opulenz narrativ völlig in den Hintergrund. Die Verunsicherung des Zuschauers ist das offensichtliche Prinzip von Wheatley. Im letzten Drittel spielt A FIELD IN ENGLAND all seine suggestive Kraft aus und das Bilderstakkato entfaltet eine geradezu magische Anziehungskraft wenn man sich darauf einlassen kann.
Gerade in dieser Phase wird die Funktion und Güte des Schnitts sichtbar der vorher eher zurückhaltend und mit einigen jump-cuts aufwarten konnte. Hier wird die am Anfang des Films auf einer Bildtafel ausgesprochene Warnung vor "blitzartigen Bildern und stroboskopischen Sequenzen" sehr deutlich verständlich. Soundtracktechnisch gibt sich A FIELD IN ENGLAND recht zurückhaltend und meist sind es neben dem ein oder anderen Getrommel ein paar elektronische Geräusche und einer der Protagonisten gibt auch mal ein gesungenes Ständchen ab, was in Summe dafür sorgt, dass A FIELD IN ENGLAND auch in der Vertonung einen ganz eigenen Weg geht. Mal passiert vordergründig nicht viel, mal ist man von der Bilderflut geradezu überwältigt und manche Szenen könnte man zehnmal anschauen um alles zu erfassen.
Vergleiche mit anderen Filmen sind bei dieser nihilistischen Oper weitgehend zwecklos. Der Grad der erreichten Surrealität kann sich mit Werken Alejandro Jodorowsky (u.a. El Topo, Fando y Lis) messen. Zumindest hat Wheatley etwas ganz eigenes geschaffen, mir kamen allerdings dennoch in Ansätzen AGUIRRE oder auch VALHALLA RISING in den Sinn. Visuell am ehesten vergleichbar sind jedoch ein wenig DEAD MAN oder auch ERASERHEAD. Insbesondere wer den experimentellen Charakter der beiden letztgenannten in sein Herz geschlossen hat könnte sich durchaus an der nihilistischen Oper A FIELD IN ENGLAND erfreuen. Für Cineasten und Arthouse Freunde ist er allemal eine sehenswerte Erfahrung.
7,5/10 Punkten