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Als George A. Romero 1985 mit „Day of the Dead“ den anthropomorphen Restspuren im verrottenden Fleisch seiner Zombies auf den Grund ging, tat er das mit wissenschaftlicher Neugier. Erstmals fand er zumindest in einem Exemplar seiner Untoten mehr als nur der Schatten einer zerfallenden Gesellschaftsordnung, mehr als das Schockbild, das uns an das Schlechteste unserer Lebensweise erinnert. Was, wenn hinter dem stöhnenden Mund und den rollenden Augen noch immer etwas Menschliches steckt; was, wenn der Zombie mehr ist als nur ein toter Organismus, der sich stur weigert, seine Prozessoren abzuschalten?

Ihn als empfindsames, bisweilen sogar sozial agierendes Wesen zu begreifen, ist Ausdruck einer Strömung, die sich längst weit über das harte Horrorkino hinaus in den Mainstream verbreitet hat. Es gibt inzwischen romantische Komödien („Warm Bodies“) und TV-Dramedies („iZombie“) über die leichenblassen Gehirn-Gourmets, die somit längst zum allgemeinen Kulturgut geronnen sind. Diese Entwicklung ging sicherlich auch einher mit dem seit einigen Jahren gestiegenen Interesse für Ausgestoßene, Nerds und schräge Vögel. Unserem Held mangelt es an Körperpflege, er hat Artikulationsschwierigkeiten und frisst Gedärme? Egal; er ist trotzdem liebenswert, denn er ist zumindest nicht so wie all die anderen austauschbaren Mitläufer da draußen, wie all diese Zombies…

Für Sabu, der grundsätzlich gerne außerhalb vorgegebener Kastenformen denkt, ist die Emanzipation des Zombies von seiner Genre-Heimat eine denkbar gute Voraussetzung. Denn einen Film mit Zombies zu drehen, heißt ja längst nicht mehr, dass man auch tatsächlich einen Zombiefilm dreht. „Miss Zombie“ ist vielmehr experimenteller Kunstfilm; er bedient sich gewisser Konventionen und bekannter Schlüsselbilder, um das ursprüngliche Genre zu ätherisieren und dann in einen eigenen Kontext mit neu definierten Regeln zu überführen.

Gleichwohl ist der japanische Regisseur mit diesem Vorhaben womöglich ein wenig spät dran. In diesem Punkt eröffnen sich Parallelen zu Jim Jarmusch, der für „The Dead Don’t Die“ sogar noch einmal sechs Jahre länger brauchte, um Vergleichbares auf seinem Gebiet auszutesten. Aber auch 2013 existierten schon Filme wie „Fido“ (2006), in denen Zombies als Haussklaven eingesetzt wurden, oder „Deadgirl“ (2008) bzw. „The Woman“ (2011), die sich mit damit beschäftigten, wie weibliche Geschöpfe zu etwas Nicht-Menschlichem reduziert werden. Wenn Sabu nun die gleichen Schwerpunkte erneut setzt, lässt das seinen Ansatz zumindest aus der Ferne betrachtet wenig originell erscheinen.

Doch „Miss Zombie“ löst jegliche Skepsis binnen Sekunden in Luft auf. Dafür sorgt vermutlich die spezielle audiovisuelle Sprache, die durchgehend zum Einsatz kommt. Eigentlich sieht man in der ersten Szene nur einen Mann hinter einem Zaun, der telefoniert. Das fahle Schwarzweiß und das akustische Design, das kleine, nebensächliche Geräusche überproportional akzentuiert, lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass hier jemand weiß, wie er seine Zutaten einzusetzen hat.

Sabus Japan der Zukunft, in dem Zombies mit schwachem Infektionsgrad domestiziert und als Haushilfen eingesetzt werden, könnte ebenso gut ein Japan der Vergangenheit sein. Als Schauplatz dient ein Haus, das zwar recht modern eingerichtet ist, sich jedoch in ein regelrecht altertümliches Ambiente eingebettet findet: Rustikale Holzdielen mit weißem Anstrich und offene Räume versprühen von innen ein fast schon mediterranes Flair, während ein großer Hof mit Bruchsteinpflaster und ewig lange Steintreppen von außen etwas Ländliches einbringen. Das umliegende Dorf samt konservativer Bevölkerung übt derweil einen nicht unwesentlichen Einfluss auf die Atmosphäre aus. Recht früh schaut ein Vertreter des Dorfes vorbei, um den Einkauf der ungewöhnlichen Putzkraft zu verurteilen und ein paar unterwürfige Verbeugungen einzuheimsen. Hier schimmert noch der japanische Traditionalismus durch; insgesamt zeigt sich der Sabu als Regisseur und Autor hingegen massiv vom amerikanischen Film inspiriert. Als die Untote im Käfig angeliefert wird und den neuen Besitzern wie bei einem Haushaltsgerät Instruktionen zur Handhabung gegeben werden, erinnert man sich daran, wie die neuen Eltern des Roboterkindes in Steven Spielbergs „A.I.“ vom ausliefernden Unternehmen über die allgemeinen Geschäftsbedingungen aufgeklärt werden. Im wichtigsten Plot Point wird außerdem sehr deutlich „Frankenstein“ zitiert, ohne die entsprechende Szene überhaupt zeigen zu müssen; der Bezug ergibt sich lediglich über den Dialog und die Anschlusssituation. Und die Bezüge zum Untoten-Film enden nicht etwa bei der Romero-Strömung des „emotionalen Zombies“, sie reichen stattdessen bis hin zur Schmerzunempfindlichkeit der Mumie und der ewigen Melancholie des Vampirs, dessen Gebiss unter kalten, schwarzen Augen hin und wieder sogar zum Vorschein kommt.

Den eigentlichen Fokus verlegt Sabu aber fort vom profanen Monsterkino, um ihn auf das Triptychon des weiblichen Rollenbilds in der Gesellschaft zu verlegen: Die Frau als sexualisiertes Objekt, die Frau als Geliebte und die Frau als Mutter. Unterschiedliche Nebenfiguren werden genutzt, um pro Kapitel jeweils eines dieser Rollenbilder genauer zu betrachten. Die Passivität der zombifizierten Frau bleibt dabei stets monoton gleich. Ayaka Komatsu hat die Aufgabe, in Lethargie ihrer Routine nachzugehen und das scheußliche Verhalten ihrer Umwelt wortlos zu dulden. Aufgaben werden stets von außen an sie herangetragen, die jeweilige Rolle somit fremdbestimmt. Dieser Zustand fehlender Selbstbestimmung schwillt auf Höhepunkten zu einem Schmerz an, dessen gleißendes Rauschen wieder in den grellen Bildkontrasten reflektiert werden sowie im kontinuierlich lauter werdenden Geräusch einer Bürste auf dem Steinboden oder eines Küchenbeils, das schmatzend ein Filet durchdringt.

Der eigentliche Kunstgriff gelingt Sabu aber in den letzten Minuten, den er bereits ab Filmmitte vorbereitet, indem er die Zombie-Frau zum Spiegel der Familienmutter erklärt. Es ist also nicht Ayaka Komatsu, die auf Demütigung und Misshandlung seelisch zu reagieren hat, sondern Makoto Togashi, die für Komatsu einsteht, wenn es darum geht, der Emotion freien Lauf zu lassen. Für einen herausragenden Schlussakt ist somit gesorgt.

„Miss Zombie“ mag nicht gerade neue Dimensionen erschließen, bedenkt man, wie sich der Zombiefilm in den letzten 20 Jahren entwickelt hat. Für das Arthaus-Kino ist es immer gefährlich, Ideen aufzugreifen, die dem Genre-Kino und seinem reduzierten Publikum längst entkommen sind, um das Massenkino unsicher zu machen. Sabu gelingt aber, wozu Jim Jarmusch später nicht mehr imstande war: des Mainstreams liebstes Kind, den Zombie, mit sicherer Hand als Medium zu verwenden, um die eigene Vision kompromisslos umzusetzen.

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