"Was für ein trauriges Spiel."
Die zukünftige Welt ist bestimmt durch komfortable Informationsvermittlung. Die Menschen hören über einen Knopf im Ohr Nachrichten, E-Mails, Musik und vieles mehr. Sie bestimmen selbst, was sie hören wollen und was nicht. So sieht man auf den Straßen zwar sprechende Personen, allerdings keine miteinander interagierenden.
In dieser Welt schreibt Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) beruflich ergreifende Liebesbriefe für Menschen in Beziehungen, die real weit voneinander entfernt sind oder keine Zeit für den anderen haben. Manche betreut er schon seit vielen Jahren. Er selbst befindet sich gerade in einer Scheidungssphase. Die Trennung von seiner Ex-Frau Catherine (Rooney Mara) zieht ihn emotional ziemlich runter. Weder Videospiele, Telefonsex und die Aufmunterungsversuche von der gut befreundeten Nachbarin Amy (Amy Adams) schaffen ihm Lebensmut.
Dies ändert sich als er sich ein Betriebssystem anschafft, das individuell auf den Benutzer zugeschnitten ist, über ein eigenes Bewusstsein verfügt und sich sich stetig weiterentwickelt. Samantha nennt sich das System, dass Theodore mit einer freundlichen, weiblichen Stimme anspricht. Die zunehmend intimer werdende Beziehung zu Samantha steht allerdings im Schatten eines fehlenden physischen Austauschs.
Regisseur Spike Jonze ("Being John Malkovich", "Adaption.") zeichnet sich durch ausgefallene Geschichten aus. Üblicherweise enthalten seine Filme Elemente, die zwar real erscheinen, jedoch so grotesk sind, dass sie eindeutig dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Oder der Witz zeichnet sich durch eine ganz eigenständige Skurrilität aus.
"Her" ist ebenso ein solcher Kandidat. Die leicht futuristische Welt ist gezeichnet von zahlreichen Kuriositäten, besonders im Bereich der Sexualität. Ebenso von einer durchgängigen Traurigkeit, die auf Dauer geradezu schwermütig erscheint.
Das Melodram setzt seinen Protagonisten gänzlich in den Mittelpunkt und stellt die Welt nur nebenbei vor. Das öffentliche Reden mit einem System ist hier ebenso omnipräsent, wie die bunte Retromode. Gerade letzteres beißt sich ganz offensichtlich mit den überwiegend graublauen Bildern und dem nur leicht futuristischen Großstadtfeeling. Von der Technologie scheint sich im Transportbereich nicht viel getan zu haben. Dafür sind Grünflächen eine absolute Seltenheit.
Man möchte mehr wissen von dieser nachvollziehbar-befremdlichen Welt. Jedoch belässt es "Her" dabei seine Umgebung in Nebensächlichkeiten zu erklären und nicht weiter darauf einzugehen.
Erzählen will der Film viel. Doch häufig schreitet die Geschichte einfach nicht voran. Die unmöglich erscheinende Romanze erhält viele interessante Facetten und Einsichten. Spannung erzeugt "Her" allerdings erst im letzten Viertel, denn erst da befasst er sich mit den Konsequenzen einer lernenden künstlichen Intelligenz.
Zuvor bilden feinfühlig ausgearbeitete Emotionen kurze Spannungsbögen. Häufig verfällt der Film daraufhin allerdings seiner traurigen Stimmung und wirkt dauerhaft eintönig und schwermütig.
Aufbrechen kann dies nur der rar gesäte Witz. Der Humor steckt dabei weniger in der Liebesgeschichte selbst, als vielmehr in einzelnen Szenen am Rande. Ganz besonders die zukünftige Gesellschaftsform sowie die Unterhaltungselektronik liefern einige Kuriositäten und nicht unbedingt jugendfreie Aussprüche, über die man einerseits zum Lachen, andererseits aber auch zum Nachdenken ermuntert wird.
Joaquin Phoenix ("8mm - Acht Millimeter", "Gladiator") agiert überaus glaubwürdig mit einem geradezu minimalistischen Schauspiel, gleichzeitig aber auch fehlender Varianten. Olivia Wilde ("In Time - Deine Zeit läuft ab", "Tron: Legacy") sowie Amy Adams ("American Hustle", "Man of Steel") haben in ihren Nebenrollen nur wenig Spielraum und eine zu geringe Präsenz.
"Her" ist in seinen besten Momenten unglaublich emotional und zeitweise kurios grotesk. Die Romanze ist sehr nachvollziehbar, besonders durch eine glaubwürdige Performance ihres Hauptdarstellers. Leider vernachlässigt der Film seine Weltendarstellung sehr, über die man doch so gern mehr erfahren würde und kämpft stattdessen mit seiner geringen Spannungskurve und allgegenwärtigen Melancholie. Zu lang erscheint die Laufzeit und der Subtext über künstliche Intelligenz zu gering aufgearbeitet. Dennoch hat Spike Jonze wieder einen Film erschaffen, der überaus eigenständig und originell ist.
7 / 10