Manche Filme schreien praktisch danach, als Staubfänger in den Videotheken zu enden, so auch „Better Than Chocolate“ von 1999, der, gedreht mit Minimalbudget und gefühlt in 8mm gefilmt, zumindest außerhalb der SchwuLesBischen Szene nie größeres Aufsehen erregen konnte. Und manchmal, wenn der geneigte Filmfan sich doch mal in jene verstaubte Ecken der Videotheken verirrt (oder, wie in meinem Falle, auf der OFDb über Cast-&-Crew-Verknüpfungs-Suche-Spiel an langweiligen Abenden Filme findet, von denen man noch nie gehört hat), findet er dann doch Schmuckstückchen, die es eigentlich verdient hätten, ein größeres Publikum zu finden.
Die 19-jährige Maggie (Karyn Dwyer), College-Abbrecherin, die sich jetzt so lala in der lesbischen Szene einer nicht näher definierten kanadischen Großstadt über Wasser hält, bekommt überraschend Besuch von ihrer Mutter (Wendy Crewson, bekannt als Mutter aus „Santa Clause“), die von ihrem Mann betrogen worden ist und in einer Art Midlifecrisis steckt, und ihrem 17-jährigen Bruder – in ihrer Wohnung voller Sextoys und ihrer neuen Liebschaft Kim (Christina Cox … Cox … bruharhar), die natürlich „nur“ Mitbewohnerin ist.
Daraufhin entbrennt dann eine (meistens) recht lustige Szenerie aus Sex, den man in der eigenen Wohnung geheim halten muss, Mutter Lilas Machenschaften, die sich permanent in das Leben ihrer Tochter einzumischen versucht und sich mit Judy anfreundet, einer Freundin von Maggie, die aber eigentlich ein Mann ist (bzw. war); außerdem muss der Gay-Pride-Buchladen einer Bekannten vor den Behörden und den Übergriffen aggressiver Neonazis gerettet werden, und über all dem steht die sich anbahnende Beziehung zwischen Maggie und Kim, die stark unter der Heimlichtuerei vor Mutter Lila leidet.
Vorweg eine Warnung: „Better Than Chocolate“ ist nicht das, was in Filmkennerkreisen allgemein als „guter Film“ bezeichnet wird. So ziemlich alles an dem Film leidet am niedrigen Budget, das Drehbuch wirkt über weite Strecken relativ unstrukturiert, die Schauspieler sind mit wenigen Ausnahmen (Christina Cox kann überzeugen, Peter Outerbridge als Transgender-Sängerin Judy sogar mitreißen) eher mittelmäßig bis unterirdisch (Wendy Crewson zeigt in einer Selbstbefriedigungsszene, dass sie selbst wohl noch nie einen Orgasmus gehabt hat – unglaublich schlecht).
Trotzdem macht „Better Than Chocolate“ echt Spaß. Das liegt hauptsächlich an den skurrilen Geschehnissen, der Humor kommt nie, wie man es vom nordamerikanischen Kontinent bei Filmen über Sex eigentlich gewohnt ist, mit dem Holzhammer und Ekel-Witzchen wie Sperma im Bier. Niemand wird hier nicht aus dem Lachen herauskommen, vielmehr lockt die Verbindung von skurriler Szenerie und skurriler Handlung, aufgelockert durch gelegentlichen Wortwitz und lustige Einfälle ein permanentes Lächeln aus demjenigen Zuschauer hervor, der sich auf das Spiel einlässt. Immer wieder wird es dann auch wieder melodramatisch, besonders im Handlungsstrang rund um Judy, die mal von einer Kampflesbe auf dem Frauenklo verprügelt wird, weil sie/er auf dem falschen Klo sei, mal von ihrem/seinem Vater fallen gelassen wird, schließlich aber auch Lila beibringt, Spaß am Leben zu haben. Inszeniert ist das Ganze dann als eine Art seltsame Mischung aus Kunstfilm (besonders spürbar bei den diversen Kleinkunst-Auftritten in der Szenedisco) und US-Teeniefilm, wobei Regisseurin Anne Wheeler letzteres Genre nur benutzt, um mit dessen Traditionen zu brechen.
So ist „Better Than Chocolate“ unter dem Strich ein durch und durch netter Film geworden, wenn man ihm verzeiht, dass er aufgrund des minimalen Budgets den einen oder anderen technischen Mangel aufweist und ohne wirklich gute Schauspieler auskommen muss. Alle, die sich darauf einlassen, bekommen aber eine interessant inszenierte Mischung aus Teenie-Komödie, Liebesdrama und künstlerischem Anspruch, garniert mit jede Menge nackter Haut, die permanent Spaß macht, ohne dass man genau ausmachen kann, warum, und die man so eigentlich eher aus Frankreich als aus Kanada erwartet hätte. Warnen möchte ich hiermit diejenigen, die eine lesbische Version von „American Pie“ erwarten (wie die Inhaltsangaben auf manchen Websites durchaus implizieren), denn genau das bekommt man mit „Better Than Chocolate“ nicht.