Realitätskonformes Stresskonzept
War Humor in der öffentlich-rechtlichen TV-Krimireihe „Tatort“ bisher eher die Domäne der Münsteraner um Jan Josef Liefers und Axel Prahl, lief ihnen 2013 der MDR mit dem ursprünglich als einmaliges Weihnachtsgeschenk am 26.12.2013 geplanten Weimarer „Die fette Hoppe“ um das Ermittlungsduo Nora Tschirner („Keinohrhasen“) und Christian Ulmen („Herr Lehmann“) den Rang ab. Das Drehbuch des „Bullyparade“-Autors Murmel Clausen und des erfahrenen „Tatort“-Schreibers Andreas Pflüger verfilmte Franziska Meletzky, die zuvor bereits toternste Beiträge der Reihe gedreht hatte, z.B. mit vier „Stromberg“-Episoden aber auch komödiantische Erfahrung sammeln konnte und für „Dr. Psycho“ bereits mit Ulmen zusammengearbeitet hatte.
Der Hamburger Kommissar Lessing (Christian Ulmen) wird nach Weimar versetzt, wo er seine schwangere Kollegin Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) im Rahmen seines ersten Einsatzes kennenlernt: Ein Maskierter hat das Rathaus überfallen und Dorn als Geisel genommen. Lessing kann den Übeltäter überwältigen, doch der Vorfall stellt sich lediglich als Übung heraus, in die er nicht eingeweiht war. Der erste echte Fall lässt jedoch nicht lange auf sich warten: Brigitte Hoppe (Elke Wieditz, „Die Leiden des jungen Werthers“), Besitzerin der örtlichen Großfleischerei, Anbieterin der beliebten Rostbratwurst „Fette Hoppe“ und zugleich meistgehasste Person Weimars, gilt als vermisst, seit ihr Wagen mit Blutspuren aufgefunden wurde. Dorn und Lessing beginnen ihre Ermittlungen bei Hoppe-Sohn Sigmar (Stephan Grossmann, „Tatort: Dinge, die noch zu tun sind“), der zur jungen, jedoch bereits zweimal verwitweten Nadine Reuter (Palina Rojinski, „Männerherzen“) eine Affäre unterhält. Ein Erpresser meldet sich bei Sigmar und verlangt 45.000 Euro Lösegeld. Die Summe macht stutzig: Handelt es sich tatsächlich um eine Entführung und das Opfer ist noch am Leben? Ins Visier geraten ferner Kutscher Caspar Bogdanski (Dominique Horwitz, „Ein tödliches Wochenende“) sowie die die fingierte Geldübergabe vermasselnde Behördenmitarbeiterin Frau Olm (Ramona Kunze-Libnow, „Stromberg“) …
„Die fette Hoppe“ ist erfrischend anders, auch als die häufig so bemüht witzige Konkurrenz aus Münster. Die Charaktere der beiden Ermittlerfiguren sind nicht grell überzeichnet, sind keine Parodien. Dafür haben sie einen sympathischen Hang zur Selbstironie, aber auch zu einem abgeklärten Sarkasmus, was ihnen eine gewisse Distanz zum Fall zu wahren behilflich ist. Diesen lösen sie schließlich mit Intelligenz, List und der Unterstützung von Spurensicherung, Technik & Co. Eine nicht ungefähre Rolle spielt dabei auch die Menschenkenntnis: In Weimar kennt jeder jeden, was das Drehbuch ebenso hervorhebt, wie es die Kleinstadt als Kulturmetropole herauskehrt. Das klassische Whodunit? kommt dabei nicht zu kurz, ganz im Gegenteil: Es lässt sich fröhlich miträtseln. Der Humor speist sich aus unorthodoxen Ermittlungsmethoden, den Seitenhieben Dorns und Lessings aufeinander und viel Wortwitz. Dem Fall an sich geht dafür noch etwas das überzeichnete, karikierende Skurrile ab, das in späteren Weimarer Beiträgen zur Reihe auf die Spitze getrieben werden sollte – es blieb nämlich nicht bei diesem einmaligen Weimarer „Tatort“, Dorn und Lessing ermitteln in unregelmäßigen Abständen weiter und ihre Figuren wurden weiter ausgearbeitet.
Klugscheißer Lessing wirft mit erfundenen Statistiken um sich („Na und? In 99 % aller Fälle komme ich damit durch!“), wovon sich Dorn reichlich unbeeindruckt zeigt. Weshalb die Chemie zwischen beiden von Anfang an trotz gegenseitiger Sticheleien so gut ist, enthüllt das Drehbuch schließlich als große Überraschung, was beinahe ein bisschen schade ist, da sie die Beziehung beider zueinander, insbesondere die nassforsche Art Dorns, stark relativiert. Nichtsdestotrotz: „Die fette Hoppe“ ist ein gelungener Spagat zwischen Humor und klassischer Krimikost, ist lustig und spannend zugleich und bietet einige echte Lacher. Die Besetzung ist auch in den Nebenrollen stark; Rojinski als heiße männermordende Füchsin, Horwitz als trunksüchtiger, verbitterter Kutscher und Grossmann als vermeintliches „Würstchen“ wissen allesamt zu überzeugen. Auch musikalisch lässt dieser Fall aufhorchen, allem voran die verschiedenen Neuinterpretationen der bekannten „Tatort“-Titelmelodie. Alles in allem ein sehr würdiger Weimarer Einstand.