kurz angerissen*
Dass “Oculus” auf einem Kurzfilm basiert, ist noch an den Nähten sichtbar. Ein Mann und sein Antlitz in einem unheimlichen Spiegel – eine solche Lovecraft’sche Intimität weiß Mike Flanagans Langspielumsetzung seiner eigenen Vorlage allenfalls in der Rückschau zu erzeugen, in welcher nachgezeichnet wird, auf welche Wege es das mysteriöse Einrichtungsstück Zeit seiner Existenz verschlagen hat und welche Schicksale es dabei besiegelte.
Dass um diese recht einfache Basis ein Konstrukt aus Zeit- und Realitätsebenen gespannt wird, ist eben ein deutliches Anzeichen dafür, dass das Drehbuch um einen harten Kern herum expandieren musste. Doch das gelingt überraschend gut: Die Erzählung steht einem attraktiven Look und gruseligen Sequenzen nie im Wege, ja, im ausgedehnten Finale sorgt sie sogar für frische Impulse bei der Schnitt- und Montagetechnik, wenn die parallel laufenden Handlungsstränge aus Vergangenheit und Gegenwart endgültig miteinander verschlungen werden.
Wo Rory Cochrane und Katee Sackhoff als Eltern im Vergangenheitsstrang agieren, ist eine faustdicke Distanz spürbar. Interaktion mit dem Zuschauer findet ihrerseits praktisch nicht statt, was ein angemessen gespenstisches Flair verursacht. Die Gegenwart um deren erwachsene Kinder Karen Gillan und Brendon Thwaites hält hier nicht ganz mit, weil ihre Beziehung zueinander zu offensichtlich auf einen Twist ausgelegt ist und die Konstruiertheit damit offen zutage tritt. Doch insgesamt ist „Oculus“ weit mehr als das durchschnittliche Horror-B-Movie. Die hochwertige Machart, das ungewöhnlich komplexe Drehbuch, die wirklich unheimlichen Geistererscheinungen und nicht zuletzt das effektiv durchgehaltene Prinzip von „Suspense over Gore“ machen ihn zum Geheimtipp.
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