„Ich habe den Teufel gesehen.“
Seinen Kurzfilm „Oculus: Chapter 3 - The Man with the Plan“ baute US-Regisseur Mike Flanagan („Absentia“) mit „Oculus – Das Böse in dir“ im Jahre 2013 zu einem abendfüllenden Spielfilm aus – seinem bis dahin dritten. Die Mischung aus Psycho-Drama und Horrorfilm greift die beliebte und verbreitete Mystik auf, die häufig mit Spiegeln einhergeht, was Erinnerungen an „Into the Mirror“ bzw. dessen Remake „Mirrors“, an „Candyman“ oder auch „Amityville – A New Generation“ weckt.
Der junge Erwachsene Tim (Brenton Thwaites, „Son of a Gun“), der als Kind (Garrett Ryan, „Dark House“) seinen Vater (Rory Cochrane, „Public Enemies“) erschossen hatte, wird aus der Nervenheilanstalt als geheilt entlassen. Er trifft seine Schwester Kaylie (Karen Gillan, „Guardians of the Galaxy“) wieder, die jedoch der festen Überzeugung ist, Tim habe sich damals überhaupt nichts eingebildet, sondern es sei Realität gewesen: Ein antiker Spiegel habe den Spuk verursacht, der ihre Eltern in den Wahnsinn und schließlich in den Tod trieb. Sie ersteigert das alte Stück und will mittels minutiös geplanten Videobeweisen dessen übernatürliche Kräfte belegen und ihn schließlich zerstören. Auch an die eigene Sicherheit hat sie gedacht und nichts dem Zufall überlassen. Noch versucht Tim sie davon überzeugen, einem psychopathologischen, traumabedingten Irrglauben aufzusitzen, doch bald kommen ihm Zweifel – sollte seine Schwester doch Recht haben?
„Du bist sicher hungrig...“
So ein zerbrochener Spiegel soll ja sieben Jahre Unglück bringen, ein intakter jedoch kann noch wesentlich unheilbringender sein – oder ist alles nur Einbildung? Um diese Frage dreht sich Flanagans Film lange Zeit. Im Prolog lässt er Tim seinem Psychotherapeuten (Miguel Sandoval, „Straight to Hell“) von seinen bösen Träumen erzählen, bevor er entlassen wird. Nachdem Kaylie den Spiegel ersteigert hat, montiert Flanagan die erste Rückblende, die elf Jahre zuvor angesiedelt wurde und den Auftakt für viele weitere Zeitsprünge darstellt. Kaylie filmt sich, während sie die Historie des Spiegels aufrollt und von den mysteriösen Toden seiner Vorbesitzer berichtet. Schließlich erfährt der Zuschauer auch, dass der Vater der Geschwister als Mörder seiner Frau (Katee Sackhoff, „Halloween: Resurrection“) gilt, doch Kaylie glaubt, der Spiegel sei schuld. Immer mehr Details einer Familientragödie kommen ans Licht: Der Vater hat die Mutter gefoltert und getötet und Tim ihn daraufhin erschossen, woraufhin Tim in die Psychiatrie eingewiesen wurde. Nun will Kaylie den Spiegel also herausfordern, um die Familienehre wiederherzustellen und hat eine Mechanik gebastelt, die in der Lage sein soll, ihn zu zerstören. Bis dahin ist‘s jedoch noch ein weiter Weg, denn immer wieder werden Rückblenden parallel zu den Ereignissen der Gegenwart integriert.
Und diese haben es durchaus in sich: War „Oculus – Das Böse in dir“ lange Zeit vornehmlich mehr Psycho-Drama denn Horrorfilm, vermengen sich in den verbildlichten Erinnerungen nun die böse Atmosphäre dem Grauen ohnmächtig gegenüberstehender, traumatisierter Kinder mit einigen sparsam eingesetzten unappetitlichen Gewaltspitzen (wobei zum Fiesesten sicherlich gehört, wie sich der Vater in einem Anfall von Selbstverstümmelung einen Fingernagel herausreißt) und morbider Maskenkunst, so dass man recht deutlich und detailliert zu sehen bekommt, wovon anfänglich lediglich viel geredet wurde. Parallelen zu Filmen wie „The Amityville Horror“ oder „Shining“ drängen sich auf, sind jedoch kein bloßes Plagiat. Flanagan versteht es hier, mit Spannung und Suspense zielführend und effektiv zu arbeiten und verlässt sich keinesfalls auf blutige Szenen, die hier lediglich die zweite Geige spielen. Die soliden darstellerischen Leistungen der überwiegend jungen Schauspieler tragen ihren Teil dazu bei.
Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass (Achtung, Spoiler!) auch Kaylie und Tim allen Vorkehrungen zum Trotz die Kontrolle verlieren – denn dass der Einrichtungsgegenstand verdammt sinister ist, stellt Flanagans Film allerspätestens dann klar, als es auch in der Gegenwart zu Todesfällen kommt. Wie er beide Zeitebenen immer stärker miteinander vermischt, ist einerseits eine durchaus interessante Versinnbildlichung des surrealen Paranormalen und Ausdruck von Kontrollverlust und Wahnsinn der Opfer, wird andererseits aber leider etwas übertrieben. Man hätte besser daran getan, schneller auf den Punkt zu kommen, denn neue Erkenntnisse ergeben sich nicht mehr: Dafür, dass keinerlei Informationen zum Ursprung der Macht des Spiegels geliefert werden, erscheint der Film zu lang. Diese Art der Entmystifizierung hat er jedoch ebenso wenig nötig wie eine Katharsis oder ein Happy End, so dass letztlich trotz etwas unausgegorenen Timings und einer sich gegen Ende überschlagenden Erzählstruktur der positive Gesamteindruck überwiegt – was sich bei mir als abergläubischem Freund von Spiegelgeschichten in 7 von 10 Punkten wider-, äh, -spiegelt.