PAPAYA – DIE LIEBESGÖTTIN DER KANNIBALEN
Die junge Reporterin Sarah will auf einer karibischen Insel ein paar unbeschwerte Urlaubstage verbringen. Etwas später trifft sie Vincent, einen alten Bekannten, der als Ingenieur den Bau eines Atomkraftwerks auf der Insel leiten soll. Das heiße Klima bringt die beiden in Wallung und schnell geht es in Vincents Bungalow unter eine kühle Dusche. Als sie sich aber ins Bett begeben wollen, entdeckt Sarah die Leiche eines vermissten Ingenieurskollegen. Wie die Untersuchungen des örtlichen Polizisten herausstellen, war jener schon der Zweite, der auf mysteriöse Weise aus dem Leben schied. Kurz darauf trifft Sarah auf eine eingeborene Schönheit namens Papaya, die Sarah und Vincent schöne Augen macht. Durch Papaya erfahren die beiden Amerikaner, dass in den Slums ein altertümliches Stammesritual stattfinden wird, bei dem alle Beteiligten sich nach Inka-Tradition um einen heiligen Stein versammeln und für Frieden und Glück beten, zumal die Einwohner gegen den Bau des Kraftwerks demonstrieren und die Räumung des Dorfes boykottieren. Obwohl Vincent die Ablehnung der Einwohner gegenüber seiner zivilisierten Mission nicht nachvollziehen kann und für traditionellen Hokuspokus nicht viel übrig hat, fährt er mit Sarah in die Slums. Nach einiger Suche in den scheinbar menschenleeren Gassen werden sie in ein Haus gelockt, wo das Ritual stattfinden soll. Dort werden sie bereits erwartet und mit einem Rauschmittel empfangen. In Trance verfolgen sie die hemmungslose Festlichkeit, bei nicht nur Schweine geschlachtet, sondern auch ein Mensch geopfert wird. Am nächsten Morgen wachen Sarah und Vincent in einem fremden Bett auf. Gleich darauf begrüßt sie Papaya und es geht gemeinsam in die Badewanne. Als Sarah von Papaya nach nebenan geschickt wird, entführen zwei Bekannte Papayas sie in das blaue Haus, um sie dort zu verhören und festzuhalten. So kann Papaya ungestört mit den Waffen einer Frau Vincent gefügig machen, der ihr mittlerweile total verfallen ist und nicht den Ernst der Lage erkennt. Seine Angebetete arbeitet nämlich für eine Organisation, die mit allen Mitteln verhindern will, dass das Kraftwerk gebaut und damit gegen die Zerstörung ihrer Sitten und Naturverbundenheit und ihres Lebensraum ankämpfen. Sarah gelingt die Flucht und versucht Vincent zu warnen. Aber er nimmt sie nicht ernst, und muss diese Uneinsichtigkeit schließlich mit seinem Leben bezahlen. Unterdessen liebäugelt Sarah mit dem Anführer der Organisation und entwickelt Verständnis für die Situation seiner Leute. Sie entschließt sich, den armen Menschen zu helfen und übernimmt am Ende die Rolle Papayas, denn der nächste Ingenieur ist bereits eingetroffen, um Vincents Arbeit fortzusetzen.
Um den faulen Zauber gleich zu entlarven: PAPAYA DEI CARAIBI (Originaltitel) hat trotz des deutschen Titels nichts mit Kannibalen zu tun. Hierbei handelt es sich lediglich um eine dreiste Mogelpackung seitens des deutschen Verleihs – ein Bestreben, um einen weiteren handelsüblichen Softsex-Thriller aus der Joe D’Amato-Schmiede besser vermarkten zu können. (Weshalb der Terminus „Kannibalen“ mit „C“ geschrieben wurde, weiß der Geier.) Der Film ist nämlich der erste aus einer ganzen Serie von teilweise back-to-back gedrehten Schmuddelstreifen, für deren Kulisse Regisseur Aristide Massaccesi sich die Postkartenidylle des sonnigen Santo Domingo aussuchte. Neben den bekannteren Genrefilmen IN DER GEWALT DER ZOMBIES und PORNO HOLOCAUST gehören auch WOODOO BABY – INSEL DER LEIDENSCHAFT, SESSO NERO, HARD SENSATION und PORNO ESOTIC LOVE (alle 1980 entstanden) dazu.
Für den Plot bediente Massaccesi sich weltlicher Konflikte. Im Auftrag der Globalisierung beuten die Industriestaaten Mutter Natur und sogenannte Entwicklungsländer rücksichtslos aus. Diesmal sind es Südseebewohner, die versuchen, sich gegen Atomkraft und Verdrängung aus ihren Lebensgewohnheiten zu wehren, und nach unzähligen, unfruchtbaren Debatten sich gezwungen sehen, zu gewalttätigen Mitteln zu greifen. So wird die heißblütige Papaya auf die Vertreter des industriellen Schreckens angesetzt, um sie mittels ihrer sexuellen Kompetenzen aus dem Weg zu räumen. Davon Zeuge wird der Zuschauer gleich zu Beginn in eindringlicher Weise, wenn Papaya ihrem vermeintlichen Lover den Lümmel abbeißt – Laura Gemser wird es ihr in IN DER GEWALT DER ZOMBIES gleichtun. (Für die Rolle holte Massaccesi die ziemlich unbekannte Melissa Chimenti aus der Versenkung, nachdem sie sexuelle Abarten in Renato Polsellis Pseudo-Mondo RIVELAZIONI DI UNO PSICHIATRA SUL MONDO PERVERSO DEL SESSO (1973) demonstrierte.)
Aber der Fortschritt lässt sich nun mal nicht aufhalten, und so ist Massaccesi auch schnell fertig mit dem Thema, das lediglich als Rahmenhandlung für ausschweifenden Geschlechtsverkehr herhalten muss. Dass es dem Mann mit der Thematik nicht ernst ist, erkennt man spätestens nach der drastischen Ritual-Szene, in denen zwei (tote) Schweine aufgeschlitzt und ausgeweidet werden und das ganze mit einem Menschen wiederholt wird. Hier kommt es auch zur einzigen kurzen Szene, die etwas mit Kannibalismus zu tun hat: der Zeremonienmeister beißt in das herausgeschnittene Herz seines Opfers. (Der Initiator dieser Darbietung ist übrigens Dakar, der im darauf folgenden Jahr durch seine Rollen in Lucio Fulcis WOODOO – DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES und Marino Girolamis ZOMBIES UNTER KANNIBALEN einen kleinen Bekanntheitsgrad im Fandom gewinnen konnte.) Die im weiteren Ablauf der Handlung beteuerte friedfertige und anspruchslose Lebenshaltung der Bewohner steht natürlich im krassen Gegensatz zu der soeben geschilderten Tradition. Da wünscht man sich doch glatt die Zivilisierung derartiger barbarischer Stammesriten herbei.
Im Mittelpunkt dieses Sleaze-Schnarchers steht Kultaktrice Sirpa Lane. Die gebürtige Finnin wurde einst von David Hamilton entdeckt und von Filmemacher Roger Vadim in dessen Erotik-Krimi EIN WILDES LEBEN (1974) als „nächste Bardot“ gefeiert. Die legendärste Rolle bescherte ihr Walerian Borowczyk in seinem surrealen Erotik-Drama LA BÊTE (1975), danach folgte Mario Caianos Nazi-Exploiter LA SVASTICA NEL VENTRE (1977), bevor es mit Alfonso Brescias Sci-Fi-Schlocker DIE BESTIE AUS DEM WELTRAUM (1980) bergab ging; 1999 erlag die Arme dem Aids-Virus mit nur 44 Jahren. Ihr zur Seite steht Maurice Poli, den Genre-Fans dank Mario Bavas letzten Film, WILD DOGS, wohlgesonnen in Erinnerung haben dürften.
Zeitweise geraten die beiden in einer nahezu Traum ähnlichen Atmosphäre von einem Körperflüssigkeitsaustausch zum nächsten. Der entscheidende Höhepunkt des Films ist sicherlich die Ritual-Szene, in der die Anwesenden, zunächst bunt kostümiert, nicht nur ihre Verkleidung, sondern auch alle Hemmungen fallen lassen und ihre nackten Körper zu heißen Rhythmen tanzen lassen. Die treibende Musik Stelvio Ciprianis, sowie das Kamera-Auge Massaccesis erzeugen den Hauch eines psychedelischen Erlebnisses. Atmosphärisch gelungen ist zum Teil auch der vorausgehende Spaziergang durch das scheinbar verlassene Dorf. Menschen, die so plötzlich auftauchen, wie sie gekommen sind; Schaukelstühle, die sich ohne sichtbare Einflüsse bewegen; eine vorbeifahrende, führerlose Kutsche – das sind Stilmittel des zarten Grusel, die man bei einem solchen Film nicht aus den Augen verlieren sollte, um ihm positivistisch entgegenzutreten. Aber das sind nur die sprichwörtlichen Tropfen auf dem heißen Stein. Denn bekanntlich ist Sex in der D’Amato-Welt das Kernstück, der Schmelztiegel allen Seins und darüber hinaus ein unbedachtes Mittel, alle Probleme in den Hintergrund zu drängen, streng nach der Devise „Jeder mit jedem und so oft und wo immer es nur geht“. Ohne diesen Leitfaden laufen die Protagonisten orientierungslos durch die Gegend, ohne dass etwas Nützliches für die Geschichte oder wenigstens etwas Aufregendes zustande käme. Ein Laufzeit schindendes Unding, das bei Aristide Massaccesi regelmäßig vorkommt – ein Vergleich mit dem Stil Jess Francos kommt also nicht von ungefähr.
Nichtsdestotrotz gelang es Massaccesi weitgehend auch den letzten Mist einigermaßen annehmbar, wenn nicht gar gut in Szene zu setzen. Zumindest visuell, denn als Kameramann hatte der Gute ein geschultes Auge dafür, die Kulissen und Sets ansprechend zu fotografieren. Das ist auch der einzige Strohhalm, an dem sich die meisten seiner Filme hochziehen können – und PAPAYA ist da keine Ausnahme.