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„Der Fluch des entzauberten Mythos"

Der Western ist tot, es lebe der Western. Frei nach diesem Motto versucht Hollywood immer wieder mal das einstige Vorzeige-Genre aus den Untiefen des Nischendaseins zurück ins Rampenlicht der breiten Zuschauergunst zu hieven. Mit mäßigem Erfolg. Spätestens seit den frühen 1970er Jahren hat der Western als Publikumsmagnet und damit auch als Cah-Cow endgültig ausgedient. Zwar gab es immer wieder mal Überraschungserfolge ("Der mit dem Wolf tanzt", "Erbarmungslos", "True Grit"), zu mehr als einer punktuellen Vitalspritze hat es allerdings nie gereicht. Von einer nachhaltigen Reanimation, selbst von einem temporären Revival, ist man meilenweit entfernt. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Das Grundproblem ist sicherlich, dass der Mythos des Westerns wie auch der des Westerners bereits mit der nihilistisch-zynischen Italo-Variante, man möchte fast sagen hinterrücks erschossen wurde. Die bis dato tausendfach erzählte, strahlende Mär vom aufrechten Gesetzeshüter, vom rechtschaffenen Westmann oder vom aufopferungsvollen Siedler sah sich unvermittelt mit dem unheroischen Staub zwielichtiger Revolverhelden und lediglich an materiellen Werten interessierten Draufgängern konfrontiert. Die klar voneinander abgegrenzten Gut-Böse-Schemata funktionierten nicht mehr.
Neben dem Helden-Mythos hat aber vor allem auch der Frontier-Mythos ordentliche Kratzer abbekommen. Die brutale Vertreibung und Beinahe-Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner durch Verrat, Betrug, Hinterlist und Mord war lange kein Thema in der US-Öffentlichkeit und damit auch nicht im diesbezüglich historischen Spielfilm. Die langsam ins amerikanische Bewusstsein einsickernde Erkenntnis von den unschönen Begleiterscheinungen der Westwärtsbewegung verpasste der Legende vom entbehrungsreichen, aber aufrechten und von edlen Motiven beseelten Existenzkampf gegen die unwirtliche Wildnis mindestens einen schalen Beigeschmack. Auch wenn sich in John Fords Spätwerk bereits Anklänge dieser nicht mehr zu verdrängenden Erkenntnis finden, für den klassischen Western war diese Entwicklung der endgültige Abgesang.

Das wird umso deutlicher, sieht man sich die seitdem gedrehten Erfolgsfilme an. Entweder stellen sie die Tragik der Indianer in den Mittelpunkt ("Der mit dem Wolf tanzt", "Der letzte Mohikaner"), demontieren den Mythos des strahlenden Westernhelden ("Erbarmungslos"), oder kommen als Schauspieler-orientiertes Charakterdrama ("Todeszug nach Yuma") daher, bei dem das Wild-West-Setting nicht zwingend erscheint. Schließlich wäre dann noch das hemmungslose Zitieren, Uminterpretieren und in den ureigenen Autoren-Kosmos Integrieren vermeintlich typischer Ingredienzien der gesamten Genre-Geschichte ("Django Unchained").

Die Problematik keinen Western im altmodischen Sinn mehr drehen zu können - sofern man in Blockbuster-Kategorien denkt-, führte zwangsläufig zur Idee der Crossover-Variante. So, die auf dem Papier schlüssig erscheinende Taktik, mixt man einfach aktuell publikumswirksame Genres mit Western-Motiven. Doch auch hier war der Erfolg eher bescheiden. Barry Sonnenfelds überkandidelter, wirrer und gänzlich unlustiger Versuch sein "Men in Black"-Rezept mit dem Western zu fusionieren ("Wild Wild West") ist eines der prominentesten Beispiele. Auch der unlängst gescheiterte Versuch einer Alien-Invasion im Wilden Westen ("Cowboys vs. Aliens") fällt in diese Kategorie.

Vor diesem entmutigendem Hintergrund ist es mehr als erstaunlich, dass sich die erfolgsverwöhnten Macher der "Fluch der Karibik"-Reihe in das Minenfeld einer modernen Western-Produktion begeben. Sicherlich hatte auch niemand damit gerechnet, dass der ebenfalls seit Jahrzehnten vor sich hindümpelnde Piratenfilm eine solch fulminante Wiedergeburt erleben würde. Allerdings ist dieser weit weniger Mythen-umrankt und hatte auch nie einen vergleichbaren Stellenwert (weder quantitativ, noch in der Zuschauergunst).
Das Blockbuster-Triumvirat Jerry Bruckheimer (Produzent), Gore Verbinski (Regisseur) und Johnny Depp (Darsteller) lies sich jedenfalls nicht beirren und trotzte dem Disney-Konzern ein stattliches Budget von über 200 Millionen Dollar ab. Angesichts des erst kürzlich gelandeten „John Carter"-Flops auch eine durchaus mutige Entscheidung. Zumal man erneut auf eine in Amerika zwar bestens bekannte, aber doch mit ordentlich Patina behaftete Vorlage zurückgriff. Die Abenteuer des maskierten Westernhelden „Lone Ranger" begannen als Radio-Show in den 1930er Jahren, setzten sich in einer beliebten Comic-Reihe fort und kulminierten schließlich in einer überaus erfolgreichen TV-Dauerserie (1949-57).

Dem Titel zum Trotz ist die eigentliche Hauptfigur in der neuen Kino-Adaption dann auch nicht der  maskierte Texas Ranger, sondern sein indianischer Sidekick Tonto. Schon die Besetzung macht dies deutlich Während der brave Westernheld vom ebenso unbekannten wie unmarkanten Armie Hammer verkörpert wird, darf sich Superstar Johhny Depp als schrulliger Comanche so richtig austoben. Der Vorwurf, dass man damit lediglich den tuntigen, dauerbesoffenen Kultpiraten Jack Sparrow in den wilden Westen schickt mag auf den ersten, oberflächlichen Blick berechtigt sein, geht dann aber doch an Intention und Realität des Films recht deutlich vorbei.

Tonto ist keine Kopie des exaltierten Piraten, sondern eine typische Depp-Kreation, die es immer wieder schafft den Darsteller hinter seinen meist schrulligen Figuren verschwinden zu lassen. Diesmal orientierte er sich offenkundig an Stummfilmstars wie Buster Keaton und Charlie Chaplin und adaptierte deren Stoneface-Mimik. Das bewusst reduzierte Spiel sowie die Schwerpunktsetzung auf Minenspiel und Gestik sind ein deutlicher Unterschied zum dauerquasselnden und herumhampelnden Sparrow. Übernommen hat er zwar Frisur und Kopftuch, kombiniert mit einer seltsamen Kriegsbemalung sowie einem toten Vogel auf dem Kopf ist aber auch das Äußere erkennbar unterschiedlich.
Gerade im Kontrast zum von Armie Hammer bieder-brav angelegten Titelhelden Lone Ranger funktioniert Tonto ausgezeichnet. Die beiden ungleichen Partner wider Willen sorgen immer wieder für treffende Situationskomik und harmonieren prächtig. Der naiv-aufrechten Staatsanwalt und der indianische Sonderling sind zwiefellos eines der unterhaltsamsten Paare des laufenden Kinojahres.

Das lässt sich auf über weite Strecken hinsichtlich des Films sagen, allerdings gibt es doch eine Reihe von Ungereimtheiten und Unzulänglichkeiten die eine mögliche Erklärung für das schwache Abschneiden an den US-Kinokassen liefern.
Dass die eigentliche Handlung recht banal daherkommt, ist dabei nicht einmal das Hauptproblem. Zwar ist die Geschichte vom naiven Greenhorn, das durch die Ermordung seines Ranger-Bruders zum einsamen Rächer mutiert nicht sonderlich tiefschürfend, aber das gilt auch für zahllose Vertreter des klassischen Western. Auch die weiteren Figuren bewegen sich durchaus in dessen Tradition. Da gibt es den mordenden Banditenboss Cavendish (William Fichtner), den zwielichtigen Eisenbahnbaron Nathan Cole (Tom Wilkinson), die resolute Puffmutter (Helena Bonham Carter) sowie die schmachtende Frau zwischen zwei Männern (Ruth Wilson).

Was den Film ein ums andere Mal aus der Bahn zu werfen droht sind allerdings nicht der vermeintlich zu simple Plot, oder die wenig differenzierten Figuren, sondern paradoxerweise Verbinskis große Liebe zum Western-Genre, die einfach nicht so recht zur spektakelhaften Vergnügungspark-Ausrichtung des Films passen will. So schwelgt er minutenlang in fantastischen Landschaftsaufnahmen des Monument Valley, gibt den gemäldeartigen Bildern einen staubigen, erdfarbenen Look und inszeniert die diversen Feuergefechte blutig-brutal. John Ford und Sergio Leone lassen grüßen. Der gleichermaßen epische wie melancholische Anstrich des Films wird schließlich noch durch eine an „Little Big Man" angelehnte Rahmenhandlung verstärkt - der greise Tonto vegetiert in den 1930er Jahren als Jahrmarktsattraktion vor sich hin, bis ein kleiner Lone-Ranger-Fan ihn dazu bringt, ihre Geschichte zu erzählen.
Diese durchaus gelungene Hommage an große Genre-Vorbilder verträgt sich allerdings nicht sonderlich mit dem zeitweise durchschlagenden Schaubudenhumor sowie einigen Slapstickhaft angelegten Actionszenen. Ganz zu schweigen von der mit aller Brutalität (ein Kavallerieregiment unter einem General Custer-Klon (Barry Pepper) mäht einen ganzen Stamm nieder) gezeigten Tragik der Indianerkriege, die in einen Gag zwischen Tonto, dem Lone Ranger und dessen Wundergaul Silver mündet.  

Regisseur Verbinski will schlicht zu viel auf einmal, wirft zeitweise Zutaten zusammen die nicht harmonieren und verwürzt damit sein ambitioniertes Potpourri ein ums andere Mal. Glücklicherweise kriegt er immer wieder die Kurve, so dass der rasante Zug nie völlig aus den Gleisen springt. Dem platten, überkandidelten und vor allem gänzlich unlustigen „Wild Wild West" ist „Lone Ranger" jedenfalls in allen Belangen überlegen.
Im sich aufdrängenden Vergleich zur „Fluch der Karibik"-Reihe fährt Verbinski Irrwitz und Komik der Actioneinlagen dann doch etwas zurück, was dem geerdeteren Grundton des Films gut tut. Was aber wiederum nicht bedeutet, dass er sein Talent für furios choreographierte und famos geschnittene Action  gänzlich verloren hätte. Das große Finale mit, in, auf und unter zwei rasenden Zügen hätte auch Spielberg zu seinen besten „Indiana Jones"-Zeiten nicht halsbrecherischer, gewitzter und spektakulärer inszenieren können.

So bleibt ein rasanter, gekonnt inszenierter Abenteuerspaß, dem aber seine etwas zu tiefe Vorbeugung vor dem klassischen Western und seinen Mythen immer wieder mal im Weg steht und den insgesamt leichten Ton unterminiert. Ohnehin wurden die in der Glanzzeit des amerikanischsten aller Filmgenres zementierten Mythen längst entzaubert und ihres vermeintlich unschuldigen Charmes beraubt.
Eine Renaissance des Western wird der Lone Ranger also bestimmt nicht einläuten, aber vielleicht ist dieser Zug ohnehin längst abgefahren. Wer allerdings mit so viel Ideenreichtum und Gespür für launige Unterhaltung seine Liebe zum Western-Kino befeuert, dem sollte man eine faire Chance geben. Und dieser Mythos ist zumindest nicht völlig in Vergessenheit geraten.

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