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„Familienrasselbande"

Die traditionelle amerikanische Familienkomödie steht von jeher für ein konservatives Weltbild, bei dem die Institution an sich nicht nur niemals in Frage gestellt, sondern im Gegenteil stets als Hort und Hüter wahrer menschlicher Werte wie Liebe, Treue und Zusammenhalt inszeniert wird. Witz und Komik zielen folgerichtig nie auf Disfunktionalität oder auf unter der heilen Oberfläche lauernde Untiefen, sondern beschränken sich meist auf absurde Alltagssituationen oder spleenige Figuren.

„Wir sind die Millers!" wirft diese Genre-Konventionen - zumindest auf den ersten Blick - fröhlich über den Haufen und nimmt das Hollywoodsche Familienidyll gehörig aufs Korn. Die vier Mitglieder entsprechen so gar nicht dem genormten Figurenbaukasten, sind nicht einmal eine richtige Familie. „Vater" David hat sie gewissermaßen zusammen gecastet, um eine für ihn existenzbedrohende Situation zu bereinigen.
David Clark (Jason Sudeikis) ist nämlich Drogendealer, der bei einem Straßenüberfall sowohl Ware wie Bares eingebüßt hat und nun für seinen wenig erbauten Boss quasi zur Wiedergutmachung ein kleines Paket reinsten Stoffes über die mexikanische Grenze schmuggeln soll. Zu diesem Zweck rekrutiert er seine beiden Nachbarn, die Stripperin Rose (Jennifer Aniston) und den naiven Teenager Kenny (Will Pouder) sowie die Ausreißerin Casey (Emma Roberts). Der Plan: als amerikanische Durchschnittsspießerfamilie „Millers" getarnt, den Grenzern den geringst möglichen Verdachtmoment auf Drogenschmuggel zu liefern.

Das ist schon von der Ausgangslage ungemein witzig, da alle vier so gar nicht den üblichen braven Mittelklasse-Bürgern entsprechen. David dealt seit seiner Studienzeit weiche Drogen und wehrt sich standhaft gegen das lästige Erwachsenwerden. Stripperin Rose gehört inzwischen zu den Seniorinnen ihrer wenig zukunftsträchtigen Zunft und hat zudem wenig Lust die neue Geschäftsidee ihres Chefs - den direkten Kundenkontakt - umzusetzen. Der 18-jährige Kenny wohnt allein, da seine Mutter gerne mal für ein paar Wochen verschwindet und zeichnet sich ansonsten durch geradezu militante Unbedarftheit aus. Casey schließlich gefällt sich im ziellosen Herumstreunen und passt diesem Lebensentwurf auch ihre äußere Erscheinung an.

Wenn diese vier Looser erstmals (auch optisch) in ihre Tarnidentitäten schlüpfen und sich ihrer Umwelt als brave amerikanische Musterfamilie präsentieren, dann sprüht die Leinwand sarkastische und zynische Funken. Dabei wird weniger der schnöde weiße Durchschnittsbürger unter Beschuss genommen, als vielmehr sein von Hollywood in klebrigen Zuckerguss gegossenes Abziehbild.
Das ist lange Zeit ein subversiver Spaß, da die biederen Mechanismen und Konstellationen der Familienkomödie durch Anarcho-Witz, Bissigkeit und den ein oder anderen Tiefschlag unter die Gürtellinie schonungslos offengelegt und durch den Kakao gezogen werden. Vor allem "Saturday Night Live"-Ikone Jason Sudeikis zieht verbal wie mimisch sämtliche Register und feuert eine Ironie-Breitseite nach der nächsten ab.

Der eigentliche Witz ist aber, dass „Wir sind die Millers!" trotz aller Bösartigkeit und Demontage-Ansätze eine durch und durch familientaugliche Komödie ist. Denn im Kern sind die vier allesamt liebenswerte Typen, die natürlich auch durch den gemeinsamen Trip zusammen geschweißt werden.
Ist man bösartig, könnte man dies dem Film als Mutlosigkeit oder gar Verlogenheit auslegen. Mann kann den letztendlich versöhnlichen Grundton durchaus aber auch als positives Statement zum Stand der heutigen Mainstream-Komödie sehen. Denn da ist inzwischen eine wesentlich breitere und insbesondere bissigere Humorpalette möglich, als das noch vor wenigen Jahren der Fall schien. Die traditionelle US-Familienkomödie kann also doch neue Facetten zulassen. Den Millers sei Dank.

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