Nach seinem „Dodgeball“-Erfolg war es fast 10 Jahre still im Rawson Marshall Thurber, sein „The Mysteries of Pittsburgh“ aus dem Jahr 2008 schlug keine großen Wellen, doch 2013 landete er mit „We’re the Millers“ erneut einen komödiantischen Smash-Hit.
Es geht um vier Menschen, die alle nicht unbedingt auf der obersten Ebene gesellschaftlicher Anerkennung stehen: David Clark (Jason Sudeikis) dealt seit seiner Studienzeit mit Drogen und ist nie erwachsen geworden. Seine Nachbarin Rose O’Reilly (Jennifer Aniston) strippt. Der Nachbarsjunge Kenny Rossmore (Will Poulter) ist ein liebenswerter Simpel, den seine Mutter andauernd alleine lässt. Und Casey Mathis (Emma Roberts) ist eine Ausreißerin. Alle zeichnen sich durch kaputte bis nicht vorhandene Familienbande aus, doch genau diese Typen bringt „We’re the Millers“ als Quasifamilie zusammen.
Stein des Anstoßes ist der Raub von Davids Vorrat an Drogen, der ihn bei seinem Boss, Brad Gurdlinger (Ed Helms), ziemlich mies dastehen lässt. Zwecks Wiedergutmachung soll er eine Lieferung in Mexiko abholen. Doch David ist klar, dass er vermutlich sofort durchsucht wird, also überlegt er, wen man wohl nie kontrollieren würde: Eine Familie. Er mietet ein Wohnmobil, engagiert Rose, Kenny und Casey als Ehefrau und Kinder, wobei er einen Allerweltnamen für die Tarnfamilie wählt: Die Millers.
Problemlos gelangt man zur Hacienda der Geschäftspartner, doch dort stellt man fest, dass die „kleine Menge“ von Drogen, von denen Brad sprach, 2 Tonnen Gras sind. Doch ist bloß der Anfang einer turbulenten Rückreise, bei der die Scheinfamilie auf harte Proben gestellt wird…
Sensationell neu ist das, was „We’re the Millers“ veranstaltet, sicher nicht: Die äußere Reise fällt natürlich mit einer inneren Reise zusammen, an deren Ende sich alle Beteiligten bzw. ihre Lebensbedingungen zum Besseren wenden. Natürlich sind die Probleme klar skizziert: Caseys zielloses Rebellentum, Davids Abnabelung von der realen Welt (schon am Anfang verdeutlicht durch den Kontrast zu einem ehemaligen Studienkollegen) und dergleichen – insofern ist es nicht unbedingt überraschend, was am Ende herumkommt, auch die angedeutete emotionale Spannung zwischen David und Rose entlädt sich nach Irrungen und Wirrungen in bester Screwballtradition mit gutem Ende, auch für Kenny gibt es die perfekte Partnerin da draußen und die Bösen kriegen am Ende das, was sie verdient haben.
Erfreulich ist allerdings mit wie viel pointiertem Witz dieser Weg zum konventionellen Ziel gepflastert ist: Irre komisch, aber nie zu überzogen spitzt sich die Situation immer weiter zu, etwa wenn Brad noch weitere Wahrheiten über den Deal verschweigt oder ausgerechnet die Familie um den Polizisten Don Fitzgerald (Nick Offerman) zum Reisebegleiter der Millers wird, während die Mischung aus Slapstick und Wortgefechten für einige grandiose Pointen sorgt. Allein das elterliche Verhör von Scottie P. (Mark L. Young) durch David und Rose, als dieser mit Casey ausgehen will, ist urkomisch (Stichwort: „No regrets“) und macht sich famos über kleine Möchtegern-Gangsta lustig, doch auch das Knutschtraining mit unerwartetem Ausgang, eine unüblich aufgelöste Geiselnahme oder Brads exzentrisch Hobbys sorgen für Lachattacken. Nur selten kippt der Film ins Alberne (etwa dann, wenn David und Rose versuchen den Fitzgeralds ein Paket Drogen als Baby zu verkaufen), doch diese Momente sind selten, und auch die Gags unterhalb der Gürtellinie (unter anderem ein Spinnenbiss genau dorthin) sind überraschend zurückhaltend und taktvoll eingebunden.
Doch vor allem funktioniert „We’re the Millers“, weil die Figuren bei all ihren Macken und Eigenheiten immer noch menschlich bleiben. Rose‘ offener Frust und Davids langsame Erkenntnis, dass ein Leben als Kleindealer nicht alles sein kann, Kennys Unsicherheit und Caseys Aufmüpfigkeit, das sind Fehler und Notlagen, die man in abgewandelter, weniger extremer Form selbst kennt. Auch erste Liebe, das Erkennen von Gefühlen für jemanden, für den man dachte nichts zu empfinden, das Schließen ungewöhnlicher Freundschaften – alles Situationen, die viele Menschen erlebt haben, und hinter all den Gags vergisst „We’re the Millers“ eben nicht, auch mit runden Charakteren aufzuwarten, durch welche die Witze eben erst funktionieren, da man mit ihnen lacht und leidet.
Dass man eben mit diesen Figuren fühlt, liegt auch an den Schauspielern: Jason Sudeikis gibt erneut den Lebemann, dessen Klappe größer als seine tatsächliche Erfolgsbilanz ist, Jennifer Aniston versucht sich nach „Kill the Boss“ erneut erfolgreich an einer etwas weniger braven Rolle, während Emma Roberts hinreißend biestig ist. Angesichts dieser bekannten Namen ist die vielleicht beste Leistung die von Will Poulter, der seine Rolle als Einfallspinsel so charmant spielt, dass er neben ihnen bestehen kann. Nick Offerman macht sich gut als Cop-Daddy, Kathryn Hahn als seine Gattin gleitet dagegen etwas unschön ins Overacting ab, während sich „Castle“-Tochter Molly Quinn gut als Tochter der beiden macht. Ed Helms darf mal nicht den Biedermann geben und kostet das richtig aus in seiner ausgeflippten Rolle, die er ziemlich überzeugend meistert.
Originell mag „We’re the Millers“ nicht sein, vielleicht ein wenig zu lang und gegen Ende etwas brav, doch bis dahin ist Rawson Marshall Thurbers etwas andere Familienkomödie so pointiert und witzig, so gut gespielt und so temporeich, dass man gern darüber hinwegsieht. 7,5 Punkte meinerseits.