Review

Brie Larson spielt eine Betreuerin in einer Erziehungseinrichtung für Heranwachsende, die psychisch auffällig geworden sind. Gemeinsam mit ihren Kollegen kümmert sie sich um die Jugendlichen, solange sich diese in Behandlung befinden. Als eine 15jährige mit Aggressionsstörungen aufgenommen wird, deren Fall die Betreuerin schmerzhaft an ihre eigene Vergangenheit erinnert, gerät ihr Alltag ins Wanken. Auch die Beziehung zu ihrem Freund, der ebenfalls in der Erziehungseinrichtung tätig ist, leidet darunter.

Destin Daniel Cretton, Regisseur und Autor von „Short Term 12“, kann als ausgewiesener Experte für die Thematik gelten, die seinem Independent-Film zu Grunde liegt. Cretton war selbst in einer vergleichbaren Einrichtung für Jugendliche mit psychischen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder schwierigem sozialem Hintergrund tätig, widmete dem bereits einen gleichnamigen Kurzfilm im Jahre 2008. Doch die Thematik schien den talentierten Filmemacher nicht losgelassen zu haben, sodass er sich dieser erneut und in Spielfilmlänge widmete. Zum Glück, denn herausgekommen ist ein kleines, leider wenig beachtetes Filmjuwel.

„Short Term 12“ bietet vor allem eines: Einen realistischen Einblick in den Alltag einer solchen Erziehungseinrichtung, der aufgrund der fast schon dokumentarisch anmutenden Inszenierung kaum authentischer wirken könnte. Schonungslos zeigt Cretton die frustrierenden Streitereien mit den mitunter trotzigen Jugendlichen, die begrenzten Möglichkeiten des Personals in dieser unterfinanzierten und personell unterbesetzen Einrichtung, er zeigt Tobsuchts- und Aggressionsanfälle, die unter die Haut gehen. Fühlbar ist aber auch, wie erfüllend die Arbeit in der Hilfseinrichtung sein kann, dass manchen Jugendlichen auch mit begrenzten Mitteln geholfen werden kann. So bietet „Short Term 12“ ein permanentes und mitreißendes emotionales Auf und Ab, das ohne allzu übertriebene Sentimentalitäten auskommt und trotz der bedrückenden Thematik nicht in Tristesse versinkt.

Ein weiteres großes Plus des Films sind die authentischen Figuren und die großartigen Darsteller. Die Jugendlichen, ihre Persönlichkeiten und auch ihre Auffälligkeiten, gewinnen an Kontur, obwohl die Laufzeit gerade einmal 96 Minuten beträgt und der Zuschauer direkt ins Geschehen geworfen wird. Im Fokus steht dabei besonders die von Kaitlyn Dever verkörperte Jugendliche hinter deren Aggressionen sich ein schreckliches Geheimnis verbirgt. Ihr Schicksal geht nicht zuletzt wegen der großartigen schauspielerischen Darbietung zu Herzen, so gehört ihr Wutanfall, bei dem es gleich dreier Aufsichtskräfte bedarf, um sie zu bändigen, zu den Szenen, die in Erinnerung bleiben dürften.

Der von Rami Malek verkörperte Pfleger, der neu in der Einrichtung ist und dessen Anfängerfehler immer wieder aufzeigen, wie schnell kleine Unachtsamkeiten bzw. unüberlegte Bemerkungen zu Überreaktionen seitens der Jugendlichen führen können, zeigt deutlich, wie schwierig der Umgang mit den Heranwachsenden sein kann. Dann wäre da noch der von John Gallagher Jr. verkörperte Betreuer, der mit seiner Kollegin liiert ist und vielleicht etwas zu einfühlsam und geduldig gestrickt ist. Mit dem sympathischen Gallagher Jr. ist die Rolle aber auf jeden Fall perfekt besetzt. Doch Brie Larson, die zuletzt für „Raum“ mit dem Oscar prämiert wurde, stiehlt allen anderen die Show. Sie spielt die souveräne Erzieherin mit aller Autorität, aber einem großen Einfühlungsvermögen, zeigt sie jedoch ebenso zerbrechlich, wenn sie an ihre Vergangenheit zurückdenkt oder sich ihrem Freund gegenüber verschließt. Störend ist da eigentlich nur, dass es dann doch etwas überkonstruiert erscheint, dass diese so selbstsichere Erzieherin komplett aus der Bahn geworfen wird, weil die neue Patientin sie an ihre Vergangenheit erinnert.

Fazit:
„Short Term 12“ bietet einen authentischen wie gefühlvollen Einblick in den Alltag einer Erziehungseinrichtung für auffällige Jugendliche. Auch dank der großartigen Darsteller absolut sehenswert.

81 %

Details
Ähnliche Filme