kurz angerissen*
Respekt, so schnell in die Action einzusteigen, das trauen sich auch nicht alle Genreregisseure. Kaum ist der Vorspann angelaufen, sitzt Ethan Hawke auch schon am Steuer seines schicken Ford Shelby und tritt aufs Pedal. Konsequent ist das schon, denn wenn man nichts zu sagen hat, soll man ja bekanntermaßen einfach mal die Fresse halten (und in diesem Fall Blechschäden für sich sprechen lassen). Weitere Storydetails gibt's dann zwischen Tür und Angel, denn hier geht's darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen und dabei soviel Kollateralschaden wie nur möglich anzurichten.
Eine besondere Erkenntnis des Films: Sprachgesteuerte Multifunktionssysteme machen sich endlich bezahlt, denn um einen Hörer abzunehmen, dazu ist in der Tour de Force aus aneinandergeketteten Verfolgungsjagden keine Zeit. Steve McQueen hätte seinerzeit noch aus seinem Ford Mustang aussteigen und eine Telefonzelle finden müssen, um Kontakt zum Gegenspieler aufzunehmen, Hawke schnauzt einfach "Anruf annehmen" ins Erkennungssystem. Das verleitet Courtney Solomon dazu, eine Non-Stop-Stuntsause zu inszenieren, deren Machart eigentlich jeden Actionfanatiker erfreuen sollte: Endlich mal wieder Handgemachtes, und das auch noch in einer solchen Frequenz. Wenn "Getaway" einen Joker hat, das ist er. Schade höchstens, dass Solomon dieses wertvolle Gut im Schnittegewitter verschwendet, als fürchte er, der Zuschauer könne eine Kameraperspektive nicht länger als eineinhalb Sekunden ertragen, weil ihm sonst langweilig wird. Wie euphorisch nimmt man daher eine egoperspektivische Plansequenz gegen Ende wahr, bei der tatsächlich über viele, viele Sekunden, wenn nicht gar wenige Minuten, ein und derselbe Blickwinkel ohne jeden Schnitt beibehalten wird. Ein einsamer Höhepunkt in einem Haufen ansonsten hervorragend arrangierter, aber unvorteilhaft in Szene gesetzter Autostuntszenen.
Auf den gesamten Rest sollte man sich lieber gar nicht erst einlassen. Von Jon Voight sieht man kaum mehr als seinen Mund und manchmal ein hektisch umherblickendes Auge hinter einer Brille. Gelbe Zähne, zwischen denen hin und wieder mal ein undefinierbares Nahrungsmittel zerplatzt, sollen ihm eine widerliche Erscheinung geben. Das funktioniert zwar, ein Bösewicht von Format wird trotzdem nicht daraus. An Selena Gomez wäre Hawke besser mal vorbeigefahren, denn ihre Ausstrahlung gleicht der einer 12-jährigen, verzogenen Görentochter, der man aber leider laut Drehbuch Hacker-Knowledge und anderweitige Welterfahrung andichten möchte, etwas, das sie zu keinem Zeitpunkt transportieren kann. Hawke fährt im Gegensatz zu seiner Karre im Stand-By, ist aber dank seiner naturgegebenen Ausstrahlung dennoch ein Plus-Faktor im Film. Sein Problem ist allenfalls, dass er und mit ihm die gesamte Produktion wie eine Ghost-Schablone der Nicolas-Cage-Vehikel "Nur noch 60 Sekunden" und "Drive Angry" anmutet.
Die Sitzenden - darunter die Hauptdarsteller im Fahrersitz, die Drehbuchautoren auf ihrem Drehstuhl, der Regisseur auf seinem Director's-Klappstuhl - verzapfen also größtenteils Blödsinn; die Lorbeeren gehen allenfalls an die Stuntkoordinatoren.
*weitere Informationen: siehe Profil