Wenig erfreulich verläuft das Leben der alleinerziehenden Mutter Chloe (Alice Eve), die in einem Nest nahe der Autobahn ein kleines Motel betreibt. Hier, in der Nähe von Albany, 200 km nördlich von New York, versucht die Mittdreißigerin - nach dem unverschuldeten Unfalltod ihres Partners - ihrer kleinen Tochter Sophia ein normales Leben zu ermöglichen. Doch das Geld ist knapp und daher ist Chloe auch darauf angewiesen, einige ihrer Zimmer an Prostituierte zu vermieten, die ihr ehemaliger Freund Billy (Logan Marshall-Green), ein korrupter örtlicher Polizist, dort öfters einquartiert. Dies kommt allerdings auch dem Jugendamt zu Ohren, das der Motelbetreiberin kurzerhand eine Frist von 14 Tagen setzt, mit ihrer kleinen Tochter in eine bessere Gegend umzuziehen - sonst muß der Staat die Kleine in seine Obhut nehmen, was für Chloe allerdings überhaupt nicht in Frage kommt.
Eines Abends tauchen dort auch zwei Gäste auf, die nur wenige Stunden bleiben wollen: der alternde Mafia-Kurier Topo (Bryan Cranston) und sein Neffe Quincy, der den Wagen steuert. Beide checken getrennt voneinander ein - Topo, der fast blind ist und stets eine Sonnenbrille trägt, hat eine Menge Bargeld am nächsten Tag in Montreal zu übergeben und möchte sich nur kurz ausruhen, während der junge Quincy ein Auge auf die Bordsteinschwalben geworfen hat und eine von ihnen abschleppen will. Mitten in der Nacht jedoch gibt es einen lautstarken Streit zwischen Quincy und der Liebesdienerin, infolgedessen sie sich gegenseitig tödlich verletzen und Chloe die Polizei rufen muß. Die sammelt die Leichen ein und am nächsten Morgen sind alle Gäste weg - bis auf den alten Mann mit der Sonnenbrille, von dem Chloe gar nicht wußte, daß er und eines der Mordopfer zusammengehörten. Doch jetzt zwingt dieser Topo Chloe mit vorgehaltener Waffe dazu, ihm zu helfen, den konfiszierten Jeep wiederzubekommen - schließlich befindet sich dort noch das zu überbringende Mafiageld...
Cold Comes the Night gehört zu jener Sorte Gangsterfilmen, deren Story man schon öfters gesehen hat, die plottechnisch also kaum etwas Neues bieten, mit geringem Budget heruntergekurbelt wurden und daher umso mehr von der Performance ihrer Hauptdarsteller abhängen - und die hat Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Tze Chun doch recht passend gewählt: während die Rolle des wortkargen und nie überstürzt agierenden russischen Geldboten Topo Breaking-Bad-Star Bryan Cranston nur wenig abverlangt, darf sich Alice Eve zur weiblichen Heldin mit der Lebenserfahrung eines 'gebrannten Kindes' aufschwingen, was sie erstaunlich cool und clever bewerkstelligt. Den Part des Oberarschlochs im Film übernimmt hier Logan Marshall-Green, der sich - im Gegensatz zu Chloe und Topos - einige emotionale Ausraster genehmigt. Allen drei gemeinsam ist die Gier nach dem Geld, denn das ist, als der Gangster die Motelbetreiberin nachts die Beute abzuholen zwingt, schon längst nicht mehr im sichergestellten Auto. Aber wo ist der Zaster?
Das flotte Erzähltempo läßt Cold Comes the Night nie langweilig werden, und auch wenn es kaum unerwartete Wendungen gibt, kann man sich von dem Anderthalbstünder (der eigentlich kaum 80 Minuten dauert, da er einen sinnlosen, über 10 Minuten dauernden Abspann enthält) gut unterhalten lassen. Bezüglich der Figurenzeichnung hätte man sich allerdings schon etwas mehr an Hintergrund-Informationen gewünscht: von Topo weiß man nur, daß er sich auf dem absteigenden Ast befindet, sein Schicksal jedoch akzeptiert, wozu auch gehört, daß er sich für den zu erledigenden Auftrag höflich bedankt, während ihm der Auftraggeber, ein unhöflicher Schnösel, das Wort abschneidet. Dafür geht er bei der Wiederbeschaffung des Geldes rigoros vor, was auch einen Mord nicht ausschließt - umso fraglicher ist sein späterer Sinneswandel. Bei Chloe dagegen fragt man sich, wieso sie als Motelbetreiberin (vermutlich auch Besitzerin) sich keinen Umzug leisten kann, ihr Erspartes in einem Marmeladenglas versteckt (kein Vertrauen in Banken?), woher ihr tollkühner Plan zur zukünftigen Lebensfinanzierung stammt und welche Rolle der korrupte Cop in ihrem früheren Leben gespielt haben mag. Letzterer sorgt mit seinem "Darf ich mitkommen?" übrigens für den einzigen Lacher im gesamten Film, bei dem ansonsten eine pessimistische Grundstimmung vorherrscht. Zitierfähig bleibt dagegen Topos Spruch "Gute Hilfe ist schwer zu finden".
Auch wenn mir das Ende der Geschichte nicht so gut gefallen hat, muß man dem düsteren Kriminaldrama Cold Comes the Night zugestehen, seine Story über Geldgier und Korruption auf weitgehend realistische Weise zu erzählen - ohne große Höhepunkte, ohne großem Anspruch und unter Verzicht auf ein moralisierendes Finale fast schon eine Gangster-Alltagsgeschichte. 6 Punkte.