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Es dauert nur wenige Sekunden und schon ist der Meister der NichtKunst und des UnFilms im langen hellen Ledermantel im Bild, und in seinem eierschalfarbigen Citroen DS - einem der wohl traditionsreichsten und kultigsten Autos der Filmgeschichte - gibt er gleich die erwartet einzigartige Visitenkarte ab. Stets mit dabei ist sein treuer Gefährte, der kaum übergewichtige Zwergspitz "Zorro", dessen Fellfarbe vom Kommissar feinfühlig mit seinem ganz und gar trendigen Mantel abgestimmt wurde. Roy Schneider ist wie bekannt ein improvisierender Künstler im harten Business des Verbrechens. Ihm fliegt aber auch nichts einfach zu, wie wir als Zuschauer vielleicht vorschnell vermuten. Wie er selbst bald darlegt, "wurde er nicht als Kommissar geboren. Er musste diesen Beruf erst erlernen".

Er ist aber auch ein knorriger Eigenbrödler, der wie anfangs sichtbar mit simplen Kaffeemaschinen auf ernstzunehmenden Kriegsfuss steht und ein Spiegelei machen war leider auch nicht Bestandteil in der Kommissar-Ausbildung. Dafür liebt er es süß und in einem halben Plastikbecher Kaffee müssen circa 16 Würfelzucker Platz finden. Und Bildung steht ganz oben auf der Liste von IM WENDEKREIS DER EIDECHSE und wir lernen, dass der "Erfinder der Polizei" ein Herr Faustkemper war. Frisch gestärkt durch diese Kohlenhydrate erwischt Roy Schneider gleich einen fiesen Popotatscher und Sittenstrolch in nur leicht veränderter Aufmachung in flagranti und quittiert dies mit den Worten "Du packst keinen mehr an 'n Popo".

Als das Sexferkel noch unverschämterweise nach einem Anwalt verlangt, muss er spontan vermöbelt werden und der Kommissar beendet seinen Tag mit einem feschen "Make my day". Der geneigte Seher von IM WENDEKREIS DER EIDECHSE sollte auch stets die Ohren offen halten, den die von Anfang an eingestreuten Radiokommentare sind integraler Bestandteil des Films und müssen unter Strafandrohung durch Kommissar Schneider höchstpersönlich angehört werden. Aber sein eigentlicher Fall, die Jagd nach Jean-Claude Pillemann, einem skrupellosen und Eidechsen-Säure spuckenden Verbrecher deutsch-türkisch-belgischer Abstammung, steht noch vor der Aufklärung. Worthülsen wie "absurd", "grotesk" oder "skurril" greifen absolut zu kurz um das Gesehene adäquat zu würdigen.

Gespielt wird Pillemann vom kongenialen Rocko Schamoni und es wäre mal interessant darüber zu forschen, inwieweit sich die Fanbase von Helge und Rocko, wie bei mir, überschneidet. Man könnte 100.000 Rosen….äh,… Dinge ansprechen, die IM WENDEKREIS DER EIDECHSE ausmachen und ihn aus der grauen Masse unvergleichbarer Filme heraus stechen lassen. Komödiantische Höhepunkte gibt es aus Fansicht Milliarden, doch der Film ist wie üblich ein Gesamtkunstwerk und verbessert mit jedem Sehen seine Wirkung und diese sollte auch durch die parallele Einnahme berauschender Substanzen noch steigerbar sein. Auch Udo Lindenberg wird wieder gefeatured und wir erleben Taxifahrerinnen als Human-Beatbox und ausgebrochene Gorillas.

Aber die größte Plage ist die von Staubsauger Vertretern, speziell die aus dem Hunsrück. Höhepunkte weiterer Art sind die Auftritte von Helge als Prostituierte oder in der genialen Maske als Zahnarzt Dr. Rammelmann. Auch eine Bergüberquerung mit einer Waschmaschine schreibt definitiv Filmgeschichte. In keinem Film der Neuzeit wird auch so viel geraucht wie in IM WENDEKREIS DER EIDECHSE und auch dies ist nicht zufällig wie weiter unten ausgeführt. Der Stil wirkt weniger improvisiert als in Helges vorherigen Werken, dennoch gibt es scheinbar inhaltslose lange Einstellungen auf unseren Protagonisten, die er als Regisseur und Co-Drehbuchautor sicherlich erst spontan zur Aufnahme mit Leben füllt.

Wie sehr er sich konsequent jegliche Freiheiten nimmt, zeigt auch das recht ereignislose Ende, welches sich einem erzählerischen oder actionseitigen Kumulus verweigert und sich auch um die Erwartungen seiner Fans vordergründig nicht die Bohne schert. Helge Schneiders Filme entziehen sich erfolgreich den meisten üblichen Kriterien der konventionellen Filmkritik und deswegen wird hier auch gar nicht versucht, 00 SCHNEIDER - IM WENDEKREIS DER EIDECHSE an solchen Maßstäben zu messen, die Helge Schneider bewusst durch seinen für seine Fans genialen Dilettantismus vermeidet. Dazu zählt zunächst einmal auch das gewählt Filmformat in 16 mm. Doch es gibt einige bemerkenswerte narrative Unterschiede oder auch Weiterentwicklungen zu seinen bisherigen Filmen, die angesprochen werden sollten.

IM WENDEKREIS DER EIDECHSE ist eine Hommage an den europäischen und angloamerikanischen Kriminal- und Polizeifilm der 50er bis 70er Jahre. Louis de Funés, Eddie Constantin, Jean Marais, Jean Gabin bis hin zu Alain Delon dürfen einem dabei gerne in den Sinn kommen, wie Helge in einem Interview mit Udo Rotenberg selbst angibt. Dies wird dann durch seine Polizeikollegen entsprechend verkörpert, die sämtlichen relevanten Kulturkreisen angehören und auch in ihrer Originalsprache oder mit starkem Akzent sprechen. Zur Vollkommenheit wird dies dann noch über die generelle Ausstattung, die Autos sowie eben das extensive Rauchen. Der Diebstahl von Zigaretten ist nach Auskunft des Kommissars selbst mit das "verachtenswerteste Verbrechen überhaupt".

Helge Schneider spielt mit noch viel mehr Insignien und Metaphern als in seinen vorherigen Filmen. Vielleicht erstmals zitiert er auch das Horror-Genre einmal quer durch die jüngere Geschichte wenn ein schreiender Verrückter mit Motorsäge durch das Bild läuft, Personen mit Säcken und Augenschlitzen auftauchen oder Kinder mit Dämonenstimmen sprechen. Hier dürfen also TEXAS CHAINSAW MASSACRE, FUNNY GAMES und unter anderem DER EXORZIST um die Ecke schielen. Wie meist handelt IM WENDEKREIS DER EIDECHSE in der Weltstadt Mühlheim an der Ruhr, welche gleich hinter dem im Film sichtbaren Meer liegt wie man weiß. Helge wäre nicht er selbst, wenn es nicht einen monströsen Schlusskampf mit der Eidechse in Zeitlupe gäbe. Begleitet wird der gesamte Film durch Helge's Musik, die er in Konzerten auch gerne mal lakonisch als "Strafjazz" bezeichnet.
 
8,5/10 Würfelzucker….äh,….Punkten

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