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Ein guter Thriller lebt im Wesentlichen von drei Elementen: Ungewissheit, Spannung und Überraschung. Soll der Konsument zufrieden nach Hause gehen, ist aber auch die sachgemäße Verwendung dieser Zutaten und vor allem das entsprechende Arrangement derselben nicht ganz unwichtig. So sollte der Zuschauer zunächst so lange wie möglich im Ungewissen gelassen werden, was den Handlungsverlauf, aber auch was Persönlichkeit und Entwicklung einzelner Figuren betrifft. Aus der geschaffenen Ungewissheit sollte daraufhin automatisch Spannung entstehen, schließlich will man wissen, wie es weiter geht, was die tieferen Zusammenhänge sind und wie die Handlenden darin verstrickt sind. Die perfekte Abrundung erfährt das aufgebaute Spannungsgefühl dann durch überraschende Wendungen, neudeutsch Twists, die das bisher Geschehene in einem neuen Licht zeigen, oder gar ganz auf den Kopf stellen.

Vor diesem Hintergrund ist Robert Luketics „Paranoia" zwar kein guter, aber doch zumindest grundsolider Thriller nach Rezept, äh Schema F. Angesiedelt im Umfeld zweier Telekommunikations-Riesen wartet er immerhin mit einem modernen Anstrich auf. Gut, die dabei verhandelte Industriespionage ist schon weniger innovativ, aber im Kontext des aktuell heiß umkämpften Mobilfunktmarktes ist man definitiv am Puls der Zeit. Nur schade, dass gerade daraus am Ende nur sehr wenig gemacht wird und unter dem Anstrich alsbald die schon etwas ausgebleichte Wirtschaftskrimi-Farbe zum Vorschein kommt.

Dreh- und Angelpunkt ist der ehrgeizige Computerspezialist Adam Cassidy (Liam Hemsworth). Von seinem arroganten Boss Nicolas Wyatt (Gary Oldman) mehrfach ignoriert und schließlich gefeuert verprasst er kurzerhand die noch nicht abgerechneten Spesen. Da Adam die anfallenden Schulden nicht begleiche kann und zudem dringend Geld für die Arztkosten seines schwer kranken Vaters benötigt, ist er das ideale Erpressungsopfer für seinen ehemaligen Brötchengeber. Denn der sinnt schon lange auf Rache an seinem einstigen Gönner Jock Goddard (Harrison Ford) der zudem auf dem besten Wege ist, ihn endgültig vm Markt zu drängen. Also stattet er Adam mit den nötigen Referenzen aus und bringt ihn in der Führungsetage seines Rivalen unter. Dort soll er den Prototypen für ein neu entwickeltes  und womöglich revolutionäres Smartphone stehlen.
Doch schnell sitzt der smarte Cassidy zwischen allen Stühlen. Nicht nur entpuppt sich der  Auszuspionierende und vermeintlich eiskalte Opportunist Goddard als väterlicher und für Vorschläge stets offener Kuschel-Patriarch, sondern auch Adams Neueroberung Emma Jennings (Amber Heard) arbeitet offenbar schon seit geraumer Zeit in seiner Führungsriege ...

Diese prekäre Situation ist eigentlich wie gemalt für ein gediegnes Thriller-Menu, eine Steilvorlage die von Regisseur Luketic allerdings unnötig hastig verwertet wird. Denn die so raffiniert geschnürte Schlinge löst sich allzu schnell in Richtung zu erwartendes Ende. Die zwei eingebauten Twists sorgen zwar für Überraschung, liegen aber zeitlich so nahe beieinander, dass sie sich gegenseitig Weg stehen und die jeweilige Wirkung zu großen Teilen ausbremsen. Zudem werden sämtliche Handlungsstränge zwar brav und zufriedenstellend plausibel aufgelöst, aber auch hier geht der glatte und zügige Ablauf auf Kosten von Spannung und Realitätsgehalt. Man darf sicherlich vorsichtig bezweifeln, ob der bisher lediglich mit aufpolierten Konfektions-Romcoms  („Natürlich Blond", „Das Schwiegermonster", „Die nackte Wahrheit") aufgefallene Luketic die richtige Wahl für einen wendungsreichen Thriller ist.

Diese am Ende etwas oberflächliche Vorgehensweise zeigt sich auch bei den Protagonisten. Liam Hemsworth ist auch in puncto Charisma und Leinwandpräsent nur der kleine Bruder von „Thor" Chris. Dass seine Figur des smarten Karrieristen nicht sonderlich facettenreich angelegt ist, hilft da nicht unbedingt weiter. Ähnliches gilt für Harrison Ford und Amber Heard, denen das Drehbuch nur eine Handvoll Kurzauftritte gewährt. Einzig Gary Oldman vermag aus dem wenigen ihm zur Verfügung Gestellten das Maximum herauszuholen und sein besonderes Schurkentalent auszuspielen.  

Es reicht eben doch nicht, lediglich stur nach Rezept vorzugehen, wenn man etwas Besonderes kreieren will. Auch wenn die Zutaten wie Darsteller, Optik und Set Design qualitativ hochwertig sind, gehört zu einem perfekten Menü vor allem ein Gespür für die richtige Dosierung und Zusammenstellung der Ingredienzien. So gesehen ist „Paranoia" nur kurzzeitig sättigend. Sicher kein lange nachwirkender Hochgenuss, aber immerhin ein ordentlicher Thriller-Happen für zwischendurch.

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