Review

Piper goes Lovecraft! Nancy Peterson (Ashley Galloway), eine frisch geschiedene, rothaarige Schönheit, "erpreßt" von ihrem Ex-Mann Pete (Steve Diasparra) sein kleines, abgelegenes Häuschen auf dem Lande, nach dem Motto "Gib mir, was ich will, und ich mach dir das Leben nicht zur Hölle". Kaum dort eingezogen, sieht sie sich des Nachts einer großen, rattenähnlichen Kreatur gegenüber, die anschließend durch die Wand zu verschwinden scheint. Zwei debile Kammerjäger (Bob Dennis sowie Produzent Mark Polonia) sollen das Problem beseitigen, finden aber keine Spur des selten häßlichen Nagers. In den darauffolgenden Tagen wird Nancy von bizarren Alpträumen heimgesucht, in denen sie sich in fremdartigen Landschaften wiederfindet und nicht nur von einem Lichtblitze verschießenden Tripod verfolgt sondern auch von fliegenden Tierskeletten attackiert wird. Als ihre Schwester Kelly (Taylor Nicole Adams) überraschend zu Besuch kommt, wird diese prompt in den Strudel der Ereignisse hineingezogen. Kann Kellys Bekannter, der Uni-Professor Walter Gilman (Ken VanSant), Licht ins mysteriöse Dunkel bringen, bevor die so echt wirkenden Träume Nancys Körper vollends auslaugen oder gar Schlimmeres geschieht?

Auf Brett Piper ist Verlaß! Nach dem Ende seiner fruchtbaren Zusammenarbeit mit Michael Raso von E.I. Independent Cinema bzw. Shock-O-Rama Cinema, für den er die Filme Screaming Dead (2003), Bite Me! (2004), Shock-O-Rama (2005) und Bacterium (2006) inszenierte, hat er nun bei Mark Polonia ein neues Zuhause gefunden. Mit seinem Zwillingsbruder John hat der 1968 geborene Mark Polonia selbst zahlreiche No-Budget-Horrorstreifen (Splatter Farm (1987), Night Crawlers (1996), The House That Screamed (2000), Peter Rottentail (2004) und Splatter Beach (2007), um nur einige zu nennen) aus dem Boden gestampft, bevor das Schicksal die beiden im Februar 2008 auseinanderriß. John starb überraschend, und "The Polonia Brothers" gab es damit nicht mehr. 2009 kam es zur ersten Zusammenarbeit mit Brett Piper in Form des zwar recht unterhaltsamen aber leider auch etwas durchwachsenen Monsterspaßes Muckman. Es folgte The Dark Sleep, und ihr nächster gemeinsamer Film, Queen Crab, scharrt auch schon ungeduldig in den Startlöchern.

The Dark Sleep ist recht ernst angelegt, womit er ein wenig aus dem Oeuvre des kultigen B-Filmemachers heraussticht. Aber keine Angst, denn wo Piper draufsteht, ist Piper drin. Seine Filme sind in der Regel - und das trifft auch auf The Dark Sleep zu - schöne, sympathische, unterhaltsame B-Movies, die weder das Rad neu erfinden, noch als Genremeilensteine in die Geschichte eingehen werden. Die Story ist gut durchdacht, die Figuren sind interessant, und die (vielen) Effekte sind so dermaßen Old School, daß man vom unwiderstehlichen Charme des Filmes förmlich übermannt zu werden droht. Wundervolle Miniaturen, herrliche Stop-Motion-Animationen, phantastische Matte Paintings, phantasievolle Puppenkreaturen... so liebevoll wie gekonnt kombiniert Piper diese oft zeitraubenden und aufwändigen Tricks mit den Green-Screen-Aufnahmen der Schauspieler. Wer altmodische Spezialeffekte liebt und vom seelenlosen CGI-Overkill moderner Genrefilme die Nase voll hat, dem wird bei Pipers ambitionierten Arbeiten vor Freude das Herz aufgehen.

The Dark Sleep basiert lose auf H. P. Lovecrafts bekannter, erstmals im Juli 1933 erschienener Erzählung Dreams in the Witch House (Träume im Hexenhaus). Doch obwohl sich im Film einige Referenzen an Lovecraft bzw. dessen Cthulhu-Mythos finden, geht die Geschichte ihre eigenen, faszinierenden Wege. So spielt Walter Gilman, der Protagonist in Lovecrafts Kurzgeschichte, hier nur eine Nebenrolle, während im Zentrum des unheimlichen Geschehens stattdessen die Schriftstellerin Nancy steht. Sowohl Ashley Galloway als Nancy als auch Taylor Nicole Adams als Kelly sind nicht nur hübsch anzusehen, sie überzeugen auch in ihren jeweiligen Rollen, wobei vor allem erstere mit ihren Ecken und Kanten erstaunlich authentisch wenn auch recht bitchy rüberkommt. Die Chemie zwischen den beiden stimmt, und sie sind sympathisch genug, daß man als Zuseher an ihrem ungewöhnlichen Schicksal Anteil nimmt. So nett die in der Realität verankerten Szenen auch sind, es sind die "Traumsequenzen", wo der Streifen erst so richtig zum phantastischen Leben erwacht. Ich verrate bestimmt nicht zuviel, wenn ich schreibe, daß Nancy natürlich gar nicht träumt, sondern im Schlaf einen Trip in eine andere, gefährliche Dimension unternimmt. Diese Szenen sind visuell so eindrucksvoll und ideenreich gestaltet - inklusive diverser Kameraspielereien wie Bildverzerrung, Doppelbelichtung, Farbverfremdung oder dem immer wieder gern gesehenen "Vertigo-Effekt", die diesen Momenten einen enorm surrealen, alptraumhaften Touch geben -, daß man vor Piper und Kameramann Matthew S. Smith nur staunend den Hut ziehen kann.

Was hier mit wenig Geld aber dafür umso mehr Herzblut zelebriert wird, sieht um Welten besser aus als vieles, was einem in zahllosen Millionen-Dollar-Filmen geboten wird. Und auch wenn The Dark Sleep nicht besonders spannend oder gar packend ist, so entwickelt er doch einen schönen, steten Fluß, von dem man sich gerne mittreiben läßt. Der Film gipfelt schließlich in ein tolles Finale in der fremden Dimension, mit einem riesenhaften Skelettkrieger, einer lebendig scheinenden Burg, bizarrer Architektur und so einigem mehr. Das ist vieles, aber vor allem eines: kreatives B-Movie-Making at its very best. Gedreht wurde der stimmungsvolle Streifen im November mit minimaler Cast und Crew (im gesamten Film gibt es nur sechs Akteure), großteils im Haus eines der Schauspieler bzw. vor der berühmten grünen Leinwand, und untermalt wird das absonderliche Geschehen von Jon Greathouses gelungenem Score. Daß sich der Blutgehalt stark in Grenzen hält, auf nackte Tatsachen gänzlich verzichtet wird und es keine spektakuläre Action gibt, spielt überhaupt keine Rolle, wenn man, wie in diesem Fall, anderweitig so reich beschenkt wird. Keine Frage, The Dark Sleep ist neben Drainiac! (2000) und Shock-O-Rama ein weiterer Höhepunkt in Brett Pipers bisherigem Schaffen und ein Film, der mich schwer begeistert hat. Prädikat: Traumhaft!

Details
Ähnliche Filme