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„Ihr Weiber könnt mich alle nur fertigmachen, verflucht noch eins!“

Marco Ferreri hatte es erneut getan: Nach „Das große Fressen“ inszenierte der italienische Regisseur mit „Die letzte Frau“ im Jahre 1976 einen weiteren skandalträchtigen Film, ein Drama mit Erotik-Anteilen. Die französisch-italienische Koproduktion atmet jedoch eindeutig den Geist des französischen Kinos und bezieht ihre Skandalwirkung aus wenigen plakativen Szenen.

„Frauen sind sehr sensible Tierchen. Und sie haben sehr viel Fantasie!“

Der alleinerziehende Ingenieur Gérard (Gérard Depardieu, „Die Ausgebufften“) muss aufgrund einer Betriebspause einen einmonatigen Zwangsurlaub abbummeln. Als er seinen Säugling Pierrot (David Biggani) aus dem Firmenkindergarten abholt, lernt er Valerie (Ornella Muti, „Ein Sommer voller Zärtlichkeit“) kennen, die seinen Nachwuchs gerade stillt. Sofort funkt es zwischen beiden, man küsst sich. Eigentlich wollte Valerie mit ihrem Freund, dem wesentlich älteren Michel (Michel Piccoli, „Themroc“), in den Urlaub fahren, überlegt es sich jedoch spontan anders und lässt ihn stehen, um ihre Zeit mit Gérard verbringen zu können. Dieser wurde von seiner feministische Gründe vorschiebenden Frau verlassen und sehnt sich einerseits nach einer neuen erfüllenden Beziehung, hat jedoch andererseits Sorge, dass Pierrot eine zu starke Bindung zur schnell eine Mutterrolle einnehmenden Valerie aufbauen könnte. Außerdem definiert er sich nach außen hin stark über seine Männlichkeit und Sexualität, möchte jedoch gleichzeitig nicht auf sie reduziert werden… Nach anfänglichem Liebesglück wird die Beziehung schnell brüchig, es kommt zum Streit und schließlich zur Eskalation.

„Ihr seid doch alle gleich… Ihr seid beschissen!“

Gérard badet mit seinem Kind, zeigt uns dessen Schniepel und auch seinen eigenen. Er steht nackt im Zimmer, auch Valerie zieht sich aus. Gérard hat eine stattliche Erektion, die die Kamera in voller Blüte einfängt. Dieser Grad selbstverständlicher Nacktheit ist ungewöhnlich für einen Spielfilm, der eben kein Softsex- oder Pornofilm ist. Ferreri setzt diese Aufnahmen als Bilder der Normalität ein, er stilisiert oder ästhetisiert sie nicht übermäßig. Bis auf wenige Aufnahmen sind auch die Sexszenen nicht auf Erotik getrimmt, denn all das ist gar nicht Thema des Films – auch wenn es zunächst einen anderen Anschein haben mag. Vielmehr scheint es mir um einen in seinen Geschlechterrollen gefangenen Mann zu gehen, der seinem Imponiergehabe und ständigem vulgären Gequatsche zum Trotz eine innere Einsamkeit spürt, der er kaum Ausdruck zu verleihen vermag, die jedoch Valerie spürt und sich lieber auf die sexuelle Ebene mit Gérard begibt, statt sich seiner vollumfänglich im Rahmen einer hingebungsvollen Partnerschaft anzunehmen.

Gérards Verzweiflung kulminiert schließlich in (Achtung, Spoiler!) seiner Kastration, die er selbst mittels eines Elektromessers vornimmt. Diese Pointe kann interpretiert werden als radikaler Schritt, um sich an der vornehmlich an seiner Sexualität interessierten Valerie zu rächen bzw. ihr zu trotzen, um nicht mehr über seine Sexualität definiert werden zu können, um nicht mehr Opfer seiner Triebe zu sein oder auch als physikalische Umsetzung einer von Gérard empfundenen Entmannung resultierend aus den Unstimmigkeiten in der Beziehung mit Valerie. Gute schauspielerische Leistungen und eine spärlich eingesetzte, dafür umso effektivere melancholische musikalische Untermalung stehen einer dialogreichen Handlung in Überlänge gegenüber, die Straffung hätte vertragen können. Ja, „Die letzte Frau“ ist mit seinem Ende provokant und schockierend – vor allem aber ein geschwätziger französischer Problemwälzfilm, der zu lange braucht, um auf den Punkt zu kommen und dem es kaum gelingt, die Oberfläche seiner Charakterisierungen zu durchbrechen. Trotz intimer Einblicke in ihr Privatleben bleiben einem Gérard und Valerie ebenso fremd wie sie sich offenbar selbst.

Benötigt Ferreri tatsächlich eine Inspirationsquelle à la Bukowski („Ganz normal verrückt“), um einen wirklich stimmigen Film zu kreieren? Mehr als 5,5 von 10 Elektromessern kann ich ihm hierfür nicht in die Hand drücken.

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