Angesichts eines Films wie "Chroniken der Unterwelt - City of Bones", bei dem es sich um die Verfilmung des ersten Teils der erfolgreichen sechsteiligen Buchreihe "Chroniken der Unterwelt" von Cassandra Clare handelt, fallen sofort Begriffe wie "Fantasy", "Romantik" oder "Zielgruppe", als ob allein diese Klischees jede Umsetzung rechtfertigen, die auf den fahrenden "Twilight" - Zug aufspringt. In "Chroniken der Unterwelt" steht erneut eine junge Frau im Mittelpunkt, die wie in der "Twilight" - Saga, der "Tribute von Panem" - Trilogie oder im deutschen "Rubinrot" - Ableger zuerst ihre wahre Bestimmung kennenlernen muss, bevor sie den Mann fürs Leben erobert - begleitet von sämtlichen aus der Filmgeschichte bekannten Horror - und Fantasyelementen, egal ob es sich um machtgeile Anführer, Vampire, Werwölfe, Dämonen, Engel, Zeitreisen oder Teleporter handelt.
Diese Geschichten haben alle gemeinsam, dass eine schöne und starke weibliche Persönlichkeit im Mittelpunkt steht, die in der Lage ist, lebensgefährliche Kämpfe zu bestehen, letztlich aber ihr Glück in der alleinigen Hingabe an den Mann findet, der sich dank seines Aussehens und seiner Fähigkeiten für diese Position qualifiziert hat. Offensichtlich existiert nach wie vor das Bedürfnis nach den tradierten Geschlechterrollen, das sich hinter einer möglichst aufwühlenden, action-reichen Fantasy-Story zu verbergen versucht, denn Storys, in denen junge Frauen sich im realen Berufs- oder Privatleben selbstbewusst durchzusetzen versuchen, haben keine vergleichbare Konjunktur. Doch während die "Twilight" - Filme aus ihrer Intention kein Geheimnis machten und das Schwergewicht auf die Romantik legten, setzt "Chroniken der Unterwelt" verstärkt auf Action und Horrorelemente.
Das eklige Ungeheuer, dass seine Tentakel nach der schönen Clary (Lilly Collins) ausfährt, ist für eine Freigabe ab 12 schon gewöhnungsbedürftig, wie auch die harten Jungs, die keine Hemmungen haben, ihre Mutter Jocelyn (Lena Headey) zu schlagen, um von ihr zu erfahren, wo sich ein geheimnisvoller Kelch befindet. Auch diverse andere, zuerst harmlos aussehende Zeitgenossen, nehmen dank moderner Computertechnik eine furchteinflößende Optik an, um entsprechend auszuteilen - nur gut, dass die Protagonisten trotzdem ihren frischen Teint behalten dürfen und nur anonyme Nebendarsteller unblutig das Zeitliche segnen, um die Altersfreigabe zu rechtfertigen.
"Chroniken der Unterwelt" ist ein Paradebeispiel dafür, wie hemmungslos inzwischen die Insignien der sogenannten "Unterwelt" - Sexualität, Gewalt, Verbrechen - für die Gestaltung einer äußerlich verruchten Welt geplündert werden, um eine brave Jung-Mädchen-Geschichte zu erzählen. Kurz nachdem sie ein ihr unbekanntes Zeichen auf ein Papier gemalt hatte, entdeckt Clary dieses erneut hinter dem Emblem eines angesagten Dance-Clubs. Obwohl sie und ihr wohl erzogener bester Freund Simon (Robert Sheehan), dessen Auftreten und Aussehen ihn sofort als Love-Interest disqualifizieren, nicht zu dem einheitlich in erotischer Leder-Optik gekleideten Publikum passen, werden sie zu ihrer eigenen Überraschung eingelassen. Während Simon ein Getränk organisiert, wird sie Zeuge eines Mordes durch einen coolen weißblonden Kerl, von dem außer ihr Niemand etwas bemerkt. Erschrocken läuft sie aus dem Club, um sich zu Hause in einen unruhigen Schlaf zu begeben.
Selbstverständlich erweist sich der scheinbare Messerstecher nur wenig später als anständiger Charakter, als er Clary das Leben rettet, aber die Einführung dieser Figur ist signifikant für einen Film, der sich keine Zeit für Charakterisierungen nimmt, sondern ausschließlich mit optischen Klischees arbeitet. Für das bürgerlich normale Leben, dass der Film zu Beginn schildert, nimmt er sich nur wenig Zeit, um die junge Clary hintereinander weg mit Dämonen, Ungeheuern, Schattenkämpfern, einer Mutter, die offensichtlich ein ganz anderes Leben führte, brutaler Gewalt und riesigen Fantasy-Locations zu konfrontieren, ohne dass die junge Frau deshalb besonders aus der Ruhe gebracht würde. Nur in einem von säuselnder Musik begleiteten Moment, in dem die inzwischen ebenfalls in schicker Lederkluft gekleidete Schöne vom blonden Recken Jace (Jamie Campbell Bower) betört wird, verliert sie die Kontrolle - eine konstruiert wirkende, wenig überzeugende Liebesgeschichte, die sogleich mit einem unglaubwürdigen Konflikt dramatisiert wird.
"Chroniken der Unterwelt" kann mit seinem düsteren, Horror-artigen Szenario zeitweise Spannung aufbauen, verfügt aber nicht über die notwendige Konsequenz, um auch ein älteres Publikum zu fesseln, da die Konzessionen an die FSK12 Freigabe schnell offensichtlich werden. Trotzdem liegt in der Optik des Films noch seine größte Qualität, denn darüber hinaus erzählt er eine verwirrende Fantasy-Story, die sich ausgiebig in der Filmgeschichte bedient, ohne ein eigenes Profil zu entwickeln. Auch die gute Besetzung hilft über die oberflächlichen Charakterisierungen nicht hinweg, die keine annähernd vergleichbare Identifikation zu den Protagonisten aus "Twilight" oder "Die Tribute von Panem" erreichen können, nicht einmal bei der sogenannten "Zielgruppe" (3/10).