Review

Dan Kristensen (Klaus Tange) kehr von einer Dienstreise nach Frankfurt zurück nach Hause. Vergeblich hat er bisher versucht seine Frau zu erreichen und tatsächlich ist die Wohnung leer – doch viel erstaunlicher ist, dass sie von innen mit dem Sicherheitsschloss verriegelt ist. Er begibt sich auf die Suche nach seiner verschollenen Frau in dem labyrinth-artigen Haus. Auch der herbeigerufene Kommissar ist keine große Hilfe (er verdächtigt umgekehrt Dan etwas damit zu tun zu haben), ebenso der Vermieter ist skeptisch…
Je länger Dan nach seiner Frau sucht, umso verstörender sind seine Entdeckungen in dem Haus, umso komplizierter wird die Suche.

Der gefürchtete zweite Film also. Nach einem grandiosem Debüt mit AMER legen hier die beiden Wahl-Brüsseler Helene Cattet und Bruno Forzani mit ihrem zweiten Werk namens THE STRANGE COLOR OF YOUR BODY’S TEARS nach. Und schon der Titel enthält Anspielungen an mehrere Giallo-Meisterwerke, z. B. an THE STRANGE VICE OF MRS. WARDH und ALL THE COLORS OF THE DARK. Und wie bei AMER benutzen beide den Giallo und seinen ausgeprägten Stil, um ihn gleichzeitig zu zerlegen, zu rekonstruieren und neu zu erschaffen. Einige Szenen sind unverhüllte Hommagen an PROFONDO ROSSO oder MRS: WARDH, die Musik von Bruno Nicolai oder Ennio Morricone tut ein Übriges. Und doch ist THE STRANGE COLOR anders als AMER: er ist etwas… nun ja… stringenter. Er beginnt als klassische Krimigeschichte, in der ein Held (der Däne Dan) seine verschwundene Frau verzweifelt sucht. Der höhnische Kommissar, der schmierige Vermieter: klassisches Giallo-Personal. Und doch: es ist kein herkömmlicher Krimi. Jeder, der so etwas erwartet, sollte hier die Finger von lassen.
Der Film hat den ersten Film noch getoppt, er hat meine Erwartungen nicht enttäuscht: er ist ein visuelles, kein narratives Ereignis. Er fordert heraus, er provoziert geradezu: zum wiederholten Anschauen, zum Fallenlassen, einfach zum Angucken und Staunen. Er benutzt Effekte wie rasante Schnitte, Jumpcuts, Splitscreen, Großaufnahmen, verschobene Blickachsen, Panoramen, um uns in einen Sog zu ziehen… einen Sog von Schizophrenie, Albträumen, Sex, viel Gewalt, Blut, Obsessionen und Abgründen, die einen visuell und soundmäßig den Atem verschlagen. Er führt in ein Labyrinth, in dem man sich sehr schnell verliert, aber der Ausgang wird nirgendwo angezeigt. Und durch den „Helden“ Dan ist man noch schneller in diesem Labyrinth als im abstrakteren AMER, der auch sehr faszinierend ist, bei dem man aber eben etwas distanziert zum Geschehen blieb.

Mich hat er wirklich umgehauen, ein Ereignis, das einem wirklich in der Erinnerung bleibt. Ich werde ihn auf jeden Fall noch mehrfach angucken – es gibt noch Unmengen zu entdecken. Ich habe mir die britische DVD besorgt, die nun immerhin den Film in Europa (ich weiß, dass Koch Media sich die Rechte für den deutschen Markt gesichert hat, aber wann er kommt, ist noch nicht raus – ins Kino kommt er sicher nicht) verfügbar macht (der Film ist im Original auf Französisch, Flämisch und Dänisch). Leider gibt es ihn noch nicht auf BluRay und die Untertitel sind winzig und schlecht lesbar. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf für einen so einzigartigen Trip in die Abgründe von Menschen. Ich würde sagen: herausragend. 9/10.

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