kurz angerissen*
Hélène Cattet und Bruno Forzani, die für „Amer“ viel Beachtung gewannen und mitunter gar die Neuerfindung des Giallo zugesprochen bekamen, bleiben ihrem klaustrophobischen Close-Up-Stil treu und entwickeln ihn für ihren Nachfolger weiter. Weil aber schon „Amer“ auf sehr radikale Weise künstlerische Normen durchbrach, knackt „Der Tod weint rote Tränen“ nun die Schallmauer in den ungeliebten Elfenturm hinein, entzieht sich mit seiner kompromisslosen, selbstzweckhaften Symbolik so manchem Verständnis. Das Duo weitet die Experimente mit Farbe und Schnitt aus, bietet in Schlüsselsequenzen bizarre Bild-Ton-Asymmetrien. Bilder werden knochenfahl ausgebleicht und Bewegungen werden wie beim Daumenkino in Einzelframes zerlegt, derweil die Tonspur glatt weiterläuft und vermeintlich beiläufige Geräusche wie das Quietschen eines Lederhandschuhs die größte Lautstärke verursachen – „Berberian Sound Studio“ lässt grüßen. Und als wäre das noch nicht genug, erlebt die Handlung eine derart drastische Reduktion, dass man nicht mehr meint, einen Film zu sehen, sondern eine Reihe von mehr oder weniger zusammenhängenden Einzelsegmenten, hochgradig kunstvoll arrangiert, aber nur schwerlich passend zur Nachbarsszene.
Man muss Cattet und Forzani diese Missachtung von Inhalten, von Kontexten und Narration im Allgemeinen zugunsten einer Reizüberflutung über die gesammelten Mächte von Kamera, Beleuchtung, Schnitt und Sounddesign zwangsläufig vorwerfen, ebenso wie man einem Actionregisseur die eine Explosion zu viel ankreiden muss, die den gesamten Flow verdirbt; andererseits muss man dankbar sein, dass es immer wieder Filmemacher gibt, die es vermögen, unvergleichliche, in dieser Form nie gesehene Bilder zu erschaffen. Und die hat „Der Tod weint rote Tränen“, wenngleich er von Argento über Noé zu Jodorowsky und Kubrick so manche Reminiszenz heraufbeschwört, zweifellos zu bieten.
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